FAST IM ZENTRUM DES UNIVERSUMS

Deborah S. Phillips ist eine vielgereiste Berliner Künstlerin. Ihre Gedanken finden in Bildern, Collagen, analogen Filmen und Lithografiedrucken Ausdruck. Mithilfe von CBD kann sie nach einem Unfall vor acht Jahren endlich wieder die schwere Presse bedienen.

Zwischen S-Bahnhof Neukölln und dem Hermannplatz wohnt die Künstlerin Deborah S. Philipps. Der Begriff „Wohnen“ könnte allerdings einen falschen Eindruck erwecken: Hier herrscht eine Arbeitskultur, der sich alle Möbel unterzuordnen haben: Sie dienen als reine Funktionsobjekte vor allem der Ablage oder als Halt für ihre Bilder, Filmrollen und Dias. Selbst die Deckenlampe muss als Kunstbefestigung herhalten: Obendrauf klemmt eine ihrer Skulpturen aus verformtem Plexiglas.

Deborah schafft Platz für zwei Stühle (für die Fotografin und mich), was in dem kleinen Wohnatelier gar nicht so einfach ist. Sie hat Tee gekocht, den sie nun umständlich vornübergebeugt einschenkt. Dass es nicht leichtfüßig geht, liegt am Gewusel und daran, dass die Anfang 50-Jährige sich immer auf einen Krückstock abstützen muss, weil ihr Becken seit einem Unfall schmerzt und ihr manchmal die Beine wegknicken. Dann lässt sie sich aufs Sofa fallen, lehnt den Stock dagegen und die Füße hoch. Da liegt sie in Erwartungshaltung. Aber so schnell kommt kein Gespräch in Gang, zu sehr fühlt es sich an, als würden wir Deborah von etwas viel Wichtigerem abhalten. Sie möchte auch nicht aus dem Nähkästchen plaudern. „Fragen Sie! Dann schaue ich, ob ich antworten kann“, erklärt die Künstlerin mit resoluter hoher Stimme und sieht mich herausfordernd an.

Pigmente aus Artischockensaft

Also los. Woher sie stamme, dazu sagt Deborah: „Ich weiß es nicht. Ich bin aus verschiedenen Ländern und eigentlich aus Niedersachsen“. Das klingt zunächst spirituell bzw. wer gibt schon gerne zu, aus Niedersachsen zu stammen? Aber der Grund ist ein anderer. Deborah weiß nicht viel über ihre Herkunft. Sie ist eine Überlebende ihrer eigenen Kindheit. „Ich bin noch am Leben und das ist schon was“. Sie verdanke Sozialarbeitern, dass sie noch existiere, sagt sie. Nach dem Satz folgt ein gefühlter Punkt. Nachhaken unerwünscht.

Die Antworten auf diese unstellbaren Fragen sind in ihren Bildern, Collagen und Plastiken verwoben. In abstrakten Tuschezeichnungen, die Farben gleichzeitig fließen lassen, einen Kosmos eröffnen, und sich trotzdem scharf abgrenzen vom Weiß des Büttenpapiers. Sie verwendet neben Tusche und Acryl Naturpigmente aus Kaffee, Tee und Artischockensaft, der im Verlauf der Zeit von Grün zu Eisgrau wird. Es wirkt, als stünden das Bild und sie im Austausch miteinander, als beantworte es Fragen, auch wenn es schon längst an der Wand hängt.

„So gejt das!“

Wie das so ist mit dem Herantasten an Menschen – man hangelt sich an Hinweisen entlang, an Eckpunkten der Biografie. Deborah folgt allerdings keinem Strickmuster und bietet wenige Hard Facts an, die dabei helfen, sich ein Bild zusammenzusetzen. Jede Frage muss gut gewählt sein, darf keine der vielen unsichtbaren Grenzen überschreiten, die sie um sich zieht, sonst blickt sie einen fast vorwurfsvoll an – oder wechselt das Thema. Und da ist noch etwas, was auffällt: Ihr Akzent. Er klingt nach englischer Sozialisierung oder ewigem Aufenthalt in den USA. Und als Deborah erzählt, dass sie zum Broterwerb auch englische und deutsche Übersetzungen macht, zurzeit für die Doku ‚48 Stunden Neukölln‘, fällt der Groschen. Aber er fällt daneben: Deborah hat ihre ersten Lebensjahre jiddisch gesprochen, eines, das aus dem Mittelhochdeutschen abgewandelt wurde – das sei der sprachliche Einschlag. „Das kennt kein Schwein“, sagt sie. Und wie es klingt? „Es ist ein Singsang: As gejt man nicht drunter, gejt man darüber – so gejt das!“, ruft sie heraus, blitzt aus den kleinen Augen und verstummt wieder.

Fotos ihrer Werke, dem hat die Künstlerin zugestimmt, dürften gemacht werden. Aber sie stellt immer wieder sicher, dass sie selbst nicht im Bild ist, dass die Fotografin keinen Weitwinkel eingestellt hat, der sie möglicherweise mit einfangen könnte.

„Blau ist 08/15“

Deborah sucht sich ihre Themen nicht aus, sie drängen sich auf und fordern, umgesetzt zu werden, erzählt sie. Seit vielen Jahren macht sie Farbrecherchen. Es fing an mit Rot, eine jahrelange Konfrontation, weil sie diese Farbe noch nie mochte. „Ich habe im Laufe der Rotrecherche festgestellt: Rot ist wirklich nicht mein Bier“, erklärt sie. Erleichterung stellte sich ein, als sie endlich das Blau in Angriff nehmen durfte. „Mal gucken, was Blau mit mir macht, dachte ich, und stellte dann nach Jahren fest: Blau ist wirklich 08/15. Alle Welt mag blau. Ich finde Blau nicht schlecht, aber Mannomann, es ist mir viel zu zugänglich. Ich glaube, ich brauche etwas, das kracht: Grün!“, und dabei haut sie geräuschvoll auf den Tisch. Und Grün war befriedigend? „Ja“, eröffnet sie glücklich, und: „Ich muss irgendwann mal etwas mit grüner Soße in Frankfurt am Main machen.“

CBD lässt die Künstlerin weiter „rotieren“

Deborah ist Cannabispatientin mit Ausnahmegenehmigung. Nach einem Verkehrsunfall vor acht Jahren zog sie sich eine mehrfache Beckenringfraktur zu. „Die Ärzte sagen, ich solle nicht so viel rumsitzen, aber ich bewege mich fast Tag und Nacht und schlafe nur vier bis fünf Stunden – meine Theorie ist: Sie halten alle Frauen zwischen 50 und 60 für faul“. Die Künstlerin braucht nicht viel, und vor allem nur CBD. Den THC-Rausch möchte sie nicht – „das dämpft mich zu sehr ab. Aber so kann ich weiter rotieren“, sagt sie. Und man kann sich vorstellen, wie ihre Antennen, die ohnehin hochsensibilisiert sind, eine zusätzliche Steigerung der Empfindsamkeit nicht ertragen könnten. Obwohl Deborah Kiffen als nichts Schlimmes ansieht. „Sozial mag das ja ganz interessant sein.“ Sie verdampft das CBD-Gras im Vaporizer – immer dann, wenn es zu schmerzhaft wird. Das kann mal morgens sein oder im Lauf des Tages, auf ihre Kunst hat es keinen Einfluss, nur auf ihre Bewegungsfähigkeit, sagt sie.

Die umgerechnet etwa 50 Euro monatlich für das Apothekengras sind für sie kein Pappenstiel. Und die Krankenkasse spielt nicht mit. Als damals ihre Schmerzen nicht abklangen, sprachen sie Bekannte immer wieder auf Cannabis an. Der Bruder eines befreundeten Komponisten half ihr bei der Arztsuche. „Jetzt ist der Schmerz kein Alarmschmerz mehr“, erklärt sie.

Lithografie in Braunschweig

Deborah, damit rückt sie erst viel später heraus, hat an der Kunsthochschule Braunschweig vor über 20 Jahren Lithografiedruck studiert. Ihr Diplom hat sie hier gemacht, aber als Meisterschülerin hätte der Professsor sie nur zugelassen, wenn sie die Finger von allen anderen Kunstdisziplinen gelassen hätte. „Ich hatte aber gerade eine Filmförderung bekommen und installative Aufträge im Ausland zugesagt. Da hat er mir Werkstattverbot ausgesprochen“.
Rausgeschmissen wurde sie auch aus dem Architekturstudium – „weil ich nicht angepasst war“, erklärt sie. Ein bisschen der ihr wohlbekannten Empörung schwingt noch mit. Dabei sei das ihr Traum gewesen schon im Alter von drei Jahren: Choreographin und Architektin. In Bewegung bleiben und Erschaffen, das hat sie sich bewahrt.

Und Konfrontation mit dem Chaos, das sie auslöst und dem sie gleichzeitig Herr wird auf ihre eigene Art: In Tausenden von Diacollagen, die sie aus Schnipseln ihrer 16mm-Filme per Skalpell herstellt und die durch Überlagerungen von Realitäten traum- bis alptraumhaft wirken. Die wirft sie in Performances mit ihrem Diaprojektor an die Wand, verfremdet und verzerrt mit Spiegeln und Linsen – „Braucht eine Dame immer wieder, irgendwelche Linsen, finde ich“, sagt sie beiläufig, als sie es demonstriert.

„Ich komme nächste Woche wieder“

Inzwischen lebt Deborah, die früher viel die Welt bereist hat, in Isfahan und Indien und europaweit gelebt und gearbeitet hat, seit 20 Jahren fest in Berlin. Hier im Kunstquartier Bethanien, dessen Werkstätten allen Künstlern offenstehen, erarbeitete sie sich mit Geduld und Hartnäckigkeit einen Platz an der Lithopresse – eine Riesenmaschine, die man zu bedienen wissen muss. Nicht nur die Vorbereitung des Drucksteins (er wird mehrfach geschliffen, bemalt, geätzt, gewaschen), auch der Übertrag auf Papier muss gelernt sein. „Ich habe gesagt: Ich kann das, ich möchte hier arbeiten, ich komme nächste Woche wieder“ – und irgendwann überließen die Mitarbeiter der zarten Frau mit Krückstock den Koloss. „Jetzt mache ich Training an der Lithopresse“, sagt Deborah lachend, „das sind immerhin mehr als 50 Kilo Gewicht, die man mit dem Hebel stemmen muss“. Sie ist erleichtert, dass es wieder geht. Vorher hatte sie ihren Nachbarn, vermutlich unverblümt-fordernd, in die Hebelpflicht genommen. Er hat dafür einen ihrer Drucke bekommen – und Deborah beobachtet bei regelmäßigen Besuchen, wie sich das Büttenweiß in ein Rauchergelb verwandelt, und irgendwie gefällt ihr das.

Ferne Ziele auf 16mm

Jetzt sucht sie im Gewusel einen ihrer Reisediaprojektoren – ein kleines Ding, wie aus einer anderen Zeit. Dass ihr dabei hier und da Sachen herunterfallen in unergründliche Ebenen hinter Regalen und Tischen, scheint sie nicht zu stören. Aber den Projektor wird sie brauchen, wenn sie nächste Woche mal wieder verreist, diesmal nach Barcelona. Zuletzt hatte sie dort vom Zentrum für zeitgenössische Kunst (CCCB) 2013 einen Kunstpreis verliehen bekommen. Diesmal wird sie im Zug anreisen, weil sie analog gestrickt ist und sich ungern vorschreiben lässt, wann sie zu stehen und wann zu sitzen hat. 22 Stunden dauert die Fahrt. Ein Kino zeigt ihre Werke auf 16mm- bzw 35mm-Film – einer beschäftigt sich mit der Metamorphose der Hermannstraße. Ein anderer widmet sich ferneren Zielen wie Teheran, Samarqand, Casablanca, Isfahan, Kairo und Istanbul. Ihre Filme sind wie zurückhaltende Beobachtungen von Kulturen und Szenerien. Die Überlagerungen wirken, als würden Fetzen des Unterbewussten an die Oberfläche driften. Vielleicht unterstützt durch die besondere Ästhetik des Analogfilms bekommt man den Eindruck des Vergangenen, Vermissten. Keine Botschaft hat sie in ihre Filme verpackt, es geht um das Gefühl der Orte, das die Künstlerin übermitteln möchte.

Brot gegen Kunst

Ein ganz spezieller Ort, „das Zentrum des Universums“, wie sie ihn bezeichnet, liegt in Laufnähe: Der Hermannplatz. „Hier kommt alles zusammen, im Positiven und im Negativen“. Über die Bemerkung, es würde ja noch andere Städte geben als Berlin, lacht sie schallend und sagt verschmitzt: „Wirklich?“

Ihre nächste Ausstellung gleich um die Ecke wird in der Køniglichen Backstube stattfinden. Hier steht im Wechsel Berliner Künstlern eine Wand zur Verfügung. Im Gegenzug werden sie für die Dauer der Ausstellung mit Brot versorgt, soviel sie essen können. Das Konzept nennt sich „eins zu eins“ und wird von der Künstlerin Kati Gausmann kuratiert. Deborah wird Lithografiedrucke und eine raumbezogene Installation zeigen und freut sich jetzt schon auf die stadtbekannten Backwaren.