Eine ganz spezielle Marke

Karl hat 25 Jahre als Bahnpolizist beim Bundesgrenzschutz gearbeitet und nebenher immer gekifft. „Selbsttherapie“ nennt er das heute. Inzwischen ist er schwer erkrankt und konsumiert offiziell – mit Rezept. Zurückzugehen in den Polizeiberuf, kann er sich nicht vorstellen.

Als Karl in den 90er Jahren die Schule in Norddeutschland beendet, will er was erleben. Adrenalin spüren, Grenzen ausmachen, körperlich und mental. Der 20-Jährige bewirbt sich beim Bundesgrenzschutz – „die Landespolizei war in meinen Augen nicht genügend herausfordernd. Den ganzen Tag Sport treiben, Hubschrauber fliegen, Lagerfeuerromantik und dabei gutes Geld verdienen.“ Karl ist kräftig und willensstark, loyal und intelligent – und wird als einziger von 40 Bewerbern genommen. Die paramilitärische Ausbildung ist nach seinem Geschmack: „Ich habe tatsächlich noch Handgranaten geworfen, im Schützengraben gelegen und mich vom Hubschrauber abgeseilt.“

Bloß kein Exempel statuieren

Heute ist Karl 45. Er sitzt beim verabredeten Gespräch auf der Terrasse und sagt, er wisse gar nicht, ob er interessant für unser Magazin sei. Der Kontakt war über eine Kollegin zustande gekommen, die ihn als Kindergartenpapa einer dreijährigen Tochter kennenlernte und mitbekam, dass er als Polizeibeamter Cannabispatient sei. Eine Kombination, die in den bisherigen Fällen eine Versetzung in den Innendienst und Einziehen der Waffe nach sich zog. Karls Arbeitgeber, die Bundespolizei, weiß aber nichts von seiner Medizin, Karl ist seit seiner ersten Krebsdiagnose vor zwei Jahren krankgeschrieben.

Für Cannabis lässt er sich ein Privatrezept ausstellen. Lieber kommt er selbst für die Kosten auf, als dass er Gefahr läuft, seine Pensionsansprüche zu riskieren.

Ist es tatsächlich so – würde er wirklich seine Pension verlieren? Das weiß er nicht – „aber ich möchte garantiert nicht der Erste sein, der das durchfechten muss. Präzedenzfälle sollte es geben, festgeschriebene, keine Schreibtischentscheidungen.“ Das sind aber alles Nebensachen. Karl geht es zurzeit nicht darum, Kämpfe gegen Behörden zu führen. Eine Niere wurde vor zwei Jahren entfernt, jetzt wurde ein neuer Krebsstamm in der Blase gefunden. Beide Male folgte auf die Entdeckung unmittelbar eine Operation und beide Male entschieden „glückliche Zufälle“, dass der Krebs rechtzeitig aufgespürt wurde: Im Kite-Urlaub mit einem befreundeten Chirurgen pinkelte Karl dem Anstand halber nicht ins Gebüsch – eine Frau mit Dackel spazierte vorbei. Die minimale Rotfärbung hätte er sonst übersehen – und einen Arzt an seiner Seite hat man auch nicht alle Tage. Der riet ihm, sofort zu handeln.

Trinken gehört zum guten Ton

Als Karl beim Bundesgrenzschutz anfing, begann er zeitgleich mit dem Cannabiskonsum. Vorher – zu Schulzeiten – war das eine Sache, die er einmal im Monat machte. Jetzt gehörte es zum abendlichen Abschalten. Er passte aber höllisch auf, nicht entdeckt zu werden. „Die Kollegen haben das niemals mitbekommen. Das ist ein ganz komisches Ding: Beim Grenzschutz gehörte es zum guten Ton, dass man ordentlich kellert.“ Kiffen hat aber anders als das Trinken Konsequenzen. Karl erzählt von Kollegen, die mit einem halben Gramm erwischt wurden und dann von heute auf morgen ohne Pensionsbezüge rausgeschmissen wurden – „man muss dazu sagen, dass sie am Tag vor dem Joint eine Bahnleiche bergen mussten, die sie nicht verkraftet hatten.“ Wer, wenn nicht Karl, weiß, was das Gemüt wieder zur Ruhe bringt.

Ich habe angefangen zu kiffen, als ich zum BGS kam.

Raus aus irren Strukturen

Er merkte schnell, dass er an Grenzen kommt. „Die ersten zwei Jahre der Ausbildung waren super, ich habe viel erlebt und Adrenalin gespürt ohne Ende. Dann kamen die richtigen Einsätze, die haben mich nach und nach fertiggemacht.“ Karl beantragte unbezahlten Urlaub, um für fünf Jahre an die Uni zu gehen. „Ich wollte eigentlich als Dozent zurückkehren zum Bundesgrenzschutz. Aber es gefiel denen augenscheinlich nicht, dass jemand aus dem mittleren Dienst, also ein kleiner Obermeister, auf einmal mit mehreren abgeschlossenen Studiengängen wiederkommt – und dann auch noch weitermöchte.“ Die Revanche war eine Versetzung in ein ostdeutsches Kaff. Nach der ersten Woche nimmt man ihn zur Seite und erklärt, wer mit wem Kaffee trinkt, verschwägert ist, bei der NVA gedient hat. „Da habe ich die Klappe aufgemacht – und schwupps konnte ich mich wegbewerben.“

Von Berlin aus durchlief er ab 2007 ein Aufstiegsverfahren in den gehobenen Dienst und schlug eine Kommissarslaufbahn ein. Zwei Jahre lang absolvierte er Stationen in ganz Deutschland, mal hier mal dort, ohne feste Bleibe. „Der Job verlangt dir unglaublich viel soziale Entbehrungen ab“, sagt er. Während die Hundertschaft geschlossen in einer Abteilung wohnte, mietete Karl sich außerhalb eine Wohnung auf einem Bauernhof. Auch damit er sich, während die anderen den Feierabend ab 16 Uhr mit einem Bier einläuteten, mit Joint in seine eigenen vier Wände zurückziehen konnte. „Kiffen hat mich gerettet“, sagt er – denn betäuben mussten sich alle, auf die eine oder andere Art.

Was er und seine Kollegen erleben, sind immer wieder unerwartete Extremsituationen, die wie zum Beispiel die 1996 eskalierte PKK-Demo in NRW Kriegssituationen gleichen.

Eschede

Nur beifällig erwähnt Karl Eschede. Die kleine Stadt in Niedersachsen, deren Name seit 1998 für ein Zugunglück mit 101 Toten steht. Erst auf Nachfrage beginnt er zu erzählen. Er war an dem Morgen im Juni 1998 im Einsatzfahrzeug auf dem Weg zur Bahnhofsunterstützung in Hannover und passierte die Stadt im gleichen Moment wie der ICE. Der Knall und die Staubwolke veranlassten ihn nachzuschauen. „Ich habe die Zentrale angefunkt, aber mir hat keiner geglaubt“, sagt er. Als die Dringlichkeit durchgesickert war und endlich Einsatzkräfte kamen, war Karl schon mittendrin: „Mir kam eine nackte Frau auf der Wiese entgegengelaufen. Ich wollte sie beruhigen, aber es ging nicht. Ich musste sie dann fesseln, um sie vor sich selbst zu schützen. Da waren überall Leute, die umherliefen. Sie waren durch die Wucht entkleidet worden.“ Im nächsten Bild, an das er sich erinnert, steht er im Waggon wadentief in menschlichen Überresten. Große Teile des Geschehens haben sich seiner Erinnerung entzogen.

Man schickte Karl nach sieben Tagen Aufräumarbeit für eine Woche nach Hause. „Ich habe mir auf dem Rückweg eine Flasche Whisky besorgt und fünf Gramm Haschisch – Gras gab es damals nicht. Habe mir die Seele aus dem Leib gekotzt, aber absichtlich“, sagt er. „Aber danach war ich einigermaßen im Reinen mit mir.“

Chemo ja oder nein?

Karl sieht immer noch aus, als könne ihm nichts etwas anhaben, zumindest körperlich. Er ist braun gebrannt, hat sonnengebleichtes Haar, sportlich. „Ich bin einer der wenigen, die während der Chemo noch zugelegt haben. Man hat mir nicht angesehen, dass es mir ziemlich dreckig ging.“ Gerade wird versucht abzuwägen, ob eine weitere Chemotherapie mehr Nutzen oder Schaden bringt. Als Folge der letzten Behandlung traten Nervenschädigungen ein und epilepsieähnliche Krämpfe. An den Nervenendpunkten lagern sich die toxischen Wirkstoffe der Chemotherapie ab, an Händen und Füßen. „Mit Schuhen geht es, aber in Ruhehaltung nach zehn Minuten auf dem Sofa fühlt es sich an wie rohes Fleisch.“

„Sportkrämpfe finde ich mittlerweile niedlich“, sagt er. Wenn er dann mediziniert, also Cannabis vaporisiert, verflüchtigt sich die Spannung und der Krampf bleibt aus. „Es fühlt sich an wie eine Hand aus dem Dunkel, die sich auf ihm ablegt.“ Weil Karl gern die Kontrolle behält, testet er ab und an aus, ob es auch ohne geht. Bis jetzt noch nicht.

Und die anderen Kiffer?

Als Beamter des BGS musste Karl früher regelmäßig an die niederländische Grenze fahren, um „unerlaubte Einreise“ zu unterbinden. Es ging aber immer um Drogendelikte. „Du wartetest und hast dir dann die Leute rausgezogen und bist mit heulender Sirene hinterher“ – sagt er und lacht. Das hat ihm Spaß gemacht, auch weil er ein Trefferkönig war. Mitleid konnte er nicht mal als Kiffer empfinden, wenn sich Leute haben erwischen lassen. „Aschenbecher, Handschuhfach oder unter der Beifahrermatte. Das waren die kreativsten Verstecke sämtlicher Vollgedröhnter, die mit knallroten Augen vorbeifuhren.“

Betäuben mussten sich alle, auf die eine oder andere Art.

Berlin, Berlin

Berlin war niemals Karls Ziel. Trotzdem landete er hier – und wie bei den meisten widerwillig Hergezogenen begleitet der Hass auf die Stadt auch eine Faszination. „Berlin ist ein Moloch“, entfährt es Karl. Hier gelten eigene Regeln, beziehungsweise ginge es in Berlin um das Brechen anderswo gültiger Regeln. Karl, der als Bahnpolizist viel mit „Struppis“ zu tun hat – so nennen er und seine Kollegen die Obdachlosen –, genoss immer einen respektvollen Ruf. Zu seinem Job gehörte, die Gestalten zu kennen und neue einzuschätzen, die sich in Bahnhöfen häuslich niederließen. Anstatt sich auszuweisen, zückten manche die Fäuste, machten den Oberkörper frei und forderten zum Kämpfchen auf, erzählt Karl. „Alter!“, seufzt er. Man hat schon versucht, ihn aufs Gleise zu werfen, mit einer blutigen Spritze zu attackieren, zu erwürgen. Das hat Folgen: „Man nimmt das alles mit. Ich konnte auch in meiner Freizeit an keinem S-Bahnhof herumstehen, ohne ständig auf der Hut zu sein und die Augen überall zu haben“, sagt er. In Berlin bedeute Uniform tragen, zur Zielscheibe zu werden. Und die Aussage des ehemaligen Regierenden Bürgermeistern Wowereits, in Berlin gehöre der halbe Liter Bier zum Stadtbild dazu, findet er, trägt nicht zur Deeskalation bei.

In Berlin bedeutet Uniform tragen zur Zielscheibe zu werden.

Zurück zu seiner „Firma“, das kann Karl sich unter keinen Umständen vorstellen, erklärt er und zieht jetzt am Vaporizer, weil die Schmerzen sich anbahnen. Was ihm aber gefallen würde, wäre im Falle einer Legalisierung ins Business einzusteigen. „Einen Coffeeshop zu betreiben, das wäre was“, sagt er, bläst den Dampf aus und lehnt sich sachte zurück.

Nachtrag

Karl fragte per Whatsapp ein paar Tage später nach, weil seine bisherige Apotheke Lieferprobleme und kaum Sortenauswahl hatte, ob jemand in der Redaktion ihm einen Apothekentipp geben könnte. Sein euphorischer Kommentar ein paar Stunden danach: „Super!!! Haben alles auf Lager.“ Und zwei Tage später auf Nachfrage, wie es ihm ginge: „Mir geht es soweit ganz gut, das neue Gras aus der Apotheke hat mir eine ganz neue Lebensqualität gegeben. Hat mir meine Krämpfe komplett genommen, unglaublich!!! …“