Ein Hauch von Wirkung

In Cannabis steckt mehr als THC und CBD: Terpene. Das sind ätherische Öle, die den spezifischen Geruch einzelner Cannabissorten ausmachen. 200 verschiedene Terpene wurden bis jetzt erforscht. Sie riechen aber nicht nur, sie wirken auch auf unseren Körper: mal krampf-, mal angstlösend, beruhigend oder erregend.

Wenn Menschen und Tiere sich in einer Gefahrensituation befinden, ist ihre Reaktion, entweder anzugreifen, zu fliehen oder sich totzustellen. Pflanzen können sich nicht bewegen und haben diese Möglichkeit nicht. Daher haben sie im Laufe der Evolution andere Verteidigungsstrategien entwickelt, um benachbarte Pflanzen auf Abstand zu halten, Fressfeinde abzuschrecken oder Insekten anzuziehen, die ihre Blüten bestäuben. Neben der Produktion von für Tiere giftigen Inhaltsstoffen oder der Ausbildung von Stacheln und Dornen geschieht dies durch die Ausprägung von Geruchsstoffen, die durch bestimmte chemische Verbindungen entstehen. Eine sehr große und heterogene Gruppe dieser Verbindungen wird als Terpene bezeichnet.

Terpene sind ätherische Öle, die für den Geruch und den Geschmack einer Pflanze verantwortlich sind. Sie werden gebildet, während sich die jeweilige Pflanze entwickelt. Je mehr Terpene entstanden sind, desto stärker ist der Geruch und der Geschmack. Daher riechen einige Menschen beim Obst- und Gemüseeinkauf an den Früchten, bevor sie sie in den Einkaufskorb legen. Pflanzen mit geringem Geruch haben auch keinen intensiven Geschmack.

Ein feines Zusammenspiel

Die Ausbildung der verschiedenen Terpene wird durch Faktoren wie Klima, Wetter, Alter und Entwicklungsstadium der Pflanze, aber auch durch Dünger und Bodenbeschaffenheit beeinflusst. Selbst die Tageszeit kann entscheidend sein. So kommt es, dass einige Pflanzen zur Morgendämmerung einen stärkeren Geruch verbreiten als am Abend.

Auch bei den unterschiedlichen Cannabissorten sind es Terpene, die für Geruch und Geschmack verantwortlich sind. Bisher wurden über 200 dieser ätherischen Öle in Cannabis nachgewiesen. Jedoch sind sie weit weniger bekannt als die ebenfalls in Cannabis enthaltenen Cannabinoide.

Wenn es um das medizinische Potenzial von Cannabis ging, wurde bisher meist den beiden Cannabinoiden THC und CBD Beachtung geschenkt. Diese haben im Gegensatz zu den Terpenen weder Geruch noch Geschmack. Die Zusammensetzung der Terpene wird durch die Genetik der Pflanze definiert. Auch wenn bestimmte Terpene vermehrt in Cannabis vorhanden sind, verfügt jede Sorte über eine einzigartige Zusammensetzung, welche nicht nur für den jeweiligen Geschmack der Sorte, sondern auch deren Wirkungsweise verantwortlich ist.

Wirkungsweise von Terpenen

Terpene geben einer Pflanze nicht nur ihre besondere Note. Die ätherischen Öle können auch auf vielfältige Weise auf den menschlichen Körper wirken. So weitet beispielsweise Eukalyptusöl oder Kiefernnadelöl die Bronchien und kann das Abklingen einer Erkältung beschleunigen. Die Terpene in der Cannabispflanze haben die Fähigkeit, mit anderen Bestandteilen wie den Cannabinoiden zusammenzuwirken. Zudem können auch Synergien zwischen verschiedenen Terpenen entstehen, deren Wirkung sich verstärkt bzw. die sich in ihre Wirkung gegenseitig aufheben.

Bisher wurden über 200 dieser ätherischen Öle in Cannabis nachgewiesen.

Cannabinoide wie THC docken an den Cannabinoidrezeptoren des Gehirns an und lösen dadurch einen psychoaktiven Effekt aus. Einige Terpene docken ebenfalls an diesen Stellen an und beeinflussen deren Leistung bzw. Aufnahmefähigkeit. Terpene beeinflussen auch, wie viel THC die Barriere zwischen Blut und Gehirn passieren kann und somit, wie stark der psychoaktive Effekt für die Konsumenten spürbar ist. Sie wirken jedoch nicht nur auf die Aufnahme von Cannabinoiden ein, sondern auch auf Neurotransmitter wie Dopamin und Serotonin, welche für die Stimmungsregulierung zuständig sind. Terpene können zudem die Produktionsrate dieser Botenstoffe beeinflussen und verändern, wie sich diese im Körper bewegen und wie sie von den jeweiligen Rezeptoren aufgenommen werden.

Daher riechen einige Menschen beim Obst- und Gemüseeinkauf an den Früchten, bevor sie sie in den Einkaufskorb legen.

Je nach Konzentration können die Auswirkungen manchmal nur marginal sein. Da Terpene jedoch beeinflussen, wie Cannabinoide vom Körper aufgenommen werden, können sie dennoch einen medizinischen Nutzen haben.

Terpene in der Cannabispflanze

Terpene machen 10 bis 30 Prozent der Stoffe aus, die den typischen Geruch von Cannabis erzeugen. Die aromatischen Moleküle sind im Harz der Pflanze enthalten. Wenn eine Cannabispflanze geerntet wird, besteht sie zu ca. einem Prozent aus ätherischem Öl. Der Großteil davon – etwas 80 bis 90 Prozent – sind sogenannte Monoterpene, die sich schnell verflüchtigen. Nach kompletter Trocknung ist liegt der Ölanteil nur noch bei ca. 0,1 Prozent.

Dass einige Cannabissorten manchen Patienten besser helfen bzw. stärker wirken, liegt nicht nur an der Konzentration von Cannabinoiden wie THC und CBD, sondern auch an dem Verhältnis verschiedener Terpene und daran, welche Wechselwirkungen sie begünstigen. Diese Wechselwirkungen bleiben bei der medizinischen Behandlung mit Medizinpräparaten, die synthetisches THC enthalten, aus. Daher greifen viele Patienten weiterhin auf Cannabisblüten zurück, um ihre Beschwerden zu lindern.

Die Wechselwirkungen zwischen den Terpenen untereinander und mit den verschiedenen Cannabinoiden sind komplex und wurden bisher nur ansatzweise erfasst. Ähnlich vielfältig sind die Wirkungsweisen. Ob und welche Wirkung sich nach dem Konsum einstellt, hängt nicht nur davon ab, in welcher Menge die jeweiligen Terpene vorhanden sind. So muss beim Beispiel Eukalyptusöl die Konzentration sehr hoch sein, damit eine hustenlindernde Wirkung eintreten kann.

Im Cannabis vorhandene Terpene können theoretisch eine Wirkung von medizinischem Nutzen auf den menschlichen Körper haben. Ob die tatsächlich vorhandene Konzentration in der Pflanze jedoch ausreicht, um die gewünschte Wirkung hervorzurufen, bleibt fraglich. Welche Wechselwirkungen zum Tragen kommen, wird dabei ebenfalls nur durch eine genaue Analyse sichtbar. Hinzukommt, dass jeder menschliche Körper individuell auf Cannabis reagiert.

Sativa oder Indica – welche Wirkung ist zu erwarten?

Viele Coffeeshops in den Niederlanden oder Cannabis Social Clubs in Spanien beraten Konsumenten nach der Faustregel: Sativasorten verursachen ein eher kopflastiges High, das mit einem Energieschub verbunden sein kann, wohingegen Indicasorten vornehmlich eine sedierende und einschläfernde Wirkung haben, die sich im gesamten Körper bemerkbar macht. Diese Unterscheidung ist bei genauerer Betrachtung allerdings nur bedingt zutreffend.

Von außen sind Unterschiede zwischen Indica- und Sativapflanzen leicht zu erkennen. Sativas sind hoch und eher schlank gewachsen, während Indicas buschiger sind und breitere Blätter entwickeln. Während Indicasorten für gewöhnlich eine Blütezeit von 45 bis 60 Tagen haben, dauert der Prozess bei Sativasorten zwischen 60 und 90 Tage. Auch an der Blattform kann man beide Pflanzen relativ leicht unterscheiden.

Die Ursache der unterschiedlichen Effekte, die nach dem Konsum spürbar werden, hängt jedoch nicht mit der Länge der Blütezeit oder dem abweichenden Erscheinungsbild zusammen. Denn die Wirkung von THC ist immer gleich: euphorisierend und belebend, egal ob sich das THC in einer Sativa- oder Indicasorte befindet. Die Ursache für die abweichende Wirkung liegt in den Terpenen bzw. ihrer Konzentration.

Sativa- und Indicacannabis enthalten zwar die gleichen Cannabinoide und in der Regel auch die komplette Palette an Terpenen, die in Cannabis zu finden ist, allerdings kann die Menge der Terpene stark variieren.

Die häufigsten Terpene

Die Terpene, denen man immer wieder bei Cannabis begegnet, sind Limonen, Myrcen, Pinen, Eucalyptol, Alpha-Terpineol und Caryophyllen.

Limonen ist am zweithäufigsten in der Natur zu finden und kommen unter anderem in Zitrusfrüchten vor. Dieses Terpen dürfte für die Namensgebung der Cannabissorte Lemon Haze mitverantwortlich sein. Neben dem charakteristischen Zitrusgeruch hat es eine antibakterielle Wirkung. Beim Menschen hat es zudem eine stimmungsaufhellende und angstlösende Wirkung und erhöht das Konzentrationsvermögen und den Sexualtrieb. Diese Effekte werden häufig mit Sativasorten assoziiert. Auslöser ist jedoch das Terpen Limonen.

Ein weiteres Terpen, welches die Wirkungsweise von Cannabis beeinflusst, ist Myrcen. Dieses ätherische Öl ist auch in Hopfen enthalten. Daher hat man manchmal auch das Gefühl, einen Grasgeruch in der Nase zu haben, wenn man eine Flasche bestimmter Biersorten öffnet. Myrcen wirkt entzündungshemmend und krampflösend. Der Konsum hat zudem eine beruhigende und einschläfernde Wirkung und kann bei der Entspannung helfen. In den meisten Indicasorten ist der Anteil von Myrcen wesentlich höher als in Cannabis Sativa. Daher erleben viele Konsumenten die eben beschriebenen Empfindungen.

Terpene spielen allgemein in unserem Alltag und speziell beim Konsum von Cannabis eine größere Rolle, als den meisten bewusst ist. Limonen und Myrcen sind dabei keinesfalls die einzigen Terpene, die die medizinische Wirkung und/oder das subjektiv empfundene High beeinflussen. Die Erforschung von Terpenen und ihre Nutzbarmachung für die Medizin ist ein weites Feld. Wissenschaftler stehen gerade erst am Anfang, wenn es darum geht, diese chemischen Verbindungen zu analysieren und zu verstehen. Doch mit der starken Aufmerksamkeit und der fortschreitenden Liberalisierung, die Cannabis aktuell in vielen Ländern erfährt, sollten in der nächsten Zeit einige Fortschritte erzielt werden.