EIN ­BLICK IN DIE ZUKUNFT

Durch das jahrzehntelang bestehende globale Verbot von Cannabis wird nicht nur die Produktion und der Konsum, sondern auch die Forschung an der Cannabispflanze eingeschränkt und vielerorts unmöglich gemacht. Dementsprechend überschaubar ist der Kreis der Wissenschaftler, die sich „hauptberuflich“ mit der Pflanze befassen. Drei von ihnen haben sich jüngst getroffen, um über den Status quo und über die Zukunft der medizinischen Cannabisforschung zu sprechen.

Lange Zeit war es für Forscher fast unmöglich, sich mit Cannabis als Medizin zu beschäftigen. In den USA wurden Untersuchungen nur genehmigt und finanziert, wenn sie Risiko und möglichen Schaden des Konsums untersuchten. Für die Suche nach möglichem Nutzen gab es keine Förderung. Selbst wenn Geld mal nicht das Problem war, stellte die Beschaffung von geeignetem Forschungsmaterial eine Hürde dar. Nur vereinzelt wurden daher wissenschaftlice Studien und Laboruntersuchungen durchgeführt. Auf dem Weg der Erkenntnis ging es daher nur schleppend voran.

DOSIS UNBEKANNT

Ärzte sowie Patienten tappen aktuell, nicht nur was die Dosierung, sondern auch was die Häufigkeit der Einnahme und die Behandlungsdauer angeht, im Dunkeln. „Wir wissen viel über die chemische Zusammensetzung der Cannabispflanze. Was uns fehlt, sind klinische Studien, die uns verstehen helfen, wie die Cannabinoide bei unterschiedlichen Krankheiten im menschlichen Körper wirken“, beschreibt Prof. Raphael Mechoulam den Stand der Forschung. Dem Israeli gelang es Anfang der 1960er Jahre als erstem Wissenschaftler, das THC-Molekül aus der Cannabispflanze zu isolieren. Der 87-Jährige forscht auch heute noch und berät das israelische Gesundheitsministerium. Man müsse mehr Erkenntnisse darüber gewinnen, welche Dosis nötig ist, um beim Menschen die gewünschte Wirkung zu erzielen. Derzeit können Ärzte nur geringe Aussagen darüber treffen, welche Dosis sich ein Patient zuführen sollte. Hier verlässt man sich häufig allein auf das subjektive Empfinden der Betroffenen. Erzielen die Blüten die gewünschte Wirkung, zum Beispiel das Lindern von Schmerzen, gilt die richtige Dosis als gefunden. Dieses Vorgehen ist jedoch nicht wissenschaftlich valide und medizinisch ungenau. Zudem ist es auf die Weise fast unmöglich, zu erörtern, welche Dosierung und Zusammensetzung sich zum Beispiel günstig auf die Eindämmung von Krebszellen auswirkt.

Wir arbeiten mit einer Pflanze, die in allen Kulturen für knapp hundert Jahre illegal war und immer noch ist.

Ungeachtet der rechtlichen Hürden ist die Forschung mit Cannabisblütenmaterial wesentlich komplexer als die mit Medikamenten, die in Pillenform o. ä. verabreicht werden. Dies liegt zum einen daran, dass die Wirkstoffkonzentration stark schwanken kann. „Pflanzen können genetisch identisch sein und dennoch große Unterschiede bei der Zusammensetzung der medizinischen Wirkstoffe aufweisen, je nachdem ob sie in einem Gewächshaus, einem Feld oder in den Bergen gewachsen sind“, weiß Mike Dixon, Direktor der Controlled Environment Systems Research Facility der University of Guelph in Kanada. Gemeinsam mit seinem Team forscht er an der Standardisierung der Anbauprozesse, durch die die Ernte
vereinheitlicht werden soll. Ermöglicht wird dies durch spezielle Wachstumskammern, in denen sich Umweltfaktoren wie Licht, Wärme, CO2-Gehalt, Luftfeuchtigkeit und Luftdruck oder Wasserzufuhr kontrollieren lassen. Wenn man einen dieser Faktoren modifiziert, ändert sich dabei auch, wie die Pflanze auf alle anderen Faktoren reagiert, selbst wenn diese identisch bleiben.

STANDARDISIERUNG IST VORAUSSETZUNG

In der Natur ändern sich die Umweltbedingungen ständig. Jeder Tag ist anders und von Jahr zu Jahr können große Unterschiede entstehen. Diese wirken sich auf die Menge des Ernteertrags aus, aber auch auf die Konzentration von Aromastoffen und den Cannabinoiden. Mit der von Dixon mitentwickelten Anlage soll es möglich sein, die perfekten Wachstumsbedingungen für die Pflanzen zu schaffen und diese Tag für Tag und von Durchlauf zu Durchlauf zu wiederholen. „Diese Standardisierung macht es erst möglich, die von Mechoulam geforderte Forschung durchzuführen. Erst in den letzten Jahren ist es uns gelungen, einen Weg zu finden, die Pflanzen weitreichend zu modifizieren, so dass wir ein einheitliches Pflanzenmaterial erhalten, das genaue Vergleiche in Studien möglich macht“, so Dixon.

Doch selbst mit standardisierten Blüten gilt: Cannabis ist nicht gleich Cannabis. Es existieren Tausende von Sorten, die oft auch als Strains bezeichnet werden, und Züchter entwickeln ständig neue Kreuzungen. Hinzukommt, dass die Pflanze nicht nur bei einer, sondern bei einer Vielzahl von Krankheiten eingesetzt werden kann. Dadurch wird das Forschungsfeld maßgeblich erweitert. „Heute wissen wir, dass wir nicht jede Pflanze oder Cannabiszubereitung bei jeder Krankheit einsetzen können“, so Mechoulam. „In Deutschland wurde zum Beispiel herausgefunden, dass Cannabidiol (CBD) gut bei Schizophrenie funktioniert. Das gleiche könnte für Epilepsie gelten, obwohl es Anhaltspunkte gibt, dass hier eine geringe Konzentration von THC ebenfalls nötig ist. Für posttraumatische Störungen wiederum ist eine Mischung aus CBD und THC die ideale Zusammensetzung“, nennt der Wissenschaftler ein paar Beispiele. Allerdings ist in keinem der Fälle das optimale Mischverhältnis bekannt, und auch über das Zusammenspiel mit weiteren Inhaltsstoffen weiß man bisher nur wenig. So muss für jede Krankheit einzeln ermittelt werden, welche Konzentration der Inhaltsstoffe am besten wirkt. Dafür brauche es, laut Mechoulam, stichfeste chemische, biologische und klinische Daten.

DIE NADEL IM HEUHAUFEN

David Meiri ist Forschungsleiter des Laboratory of Cancer Biology and Cannabinoid Research am israelischen Technion Institute of Technology in Haifa. Er untersucht unter anderem, welche Potenziale Cannabis bei der Zerstörung von Krebszellen aufweist, und beschäftigt sich seit Jahren ausführlich mit der Pflanze. „Die Cannabispflanze ist komplex. Sie besteht aus Hunderten aktiven Bestandteilen. Es gibt über hundert verschiedene Cannabinoide, Terpene und Flavonoide [sekundäre Pflanzenstoffe]. Letzte wurden von der Wissenschaft nicht mal ansatzweise erforscht.“

Heute wissen wir, dass wir nicht jede Pflanze oder Canna­biszubereitung bei jeder Krankheit einsetzen können.

In seinem Labor führen Meiri und sein Team Experimente mit Mäusen durch, denen verschiedene Cannabissorten verabreicht werden. Alle Sorten haben einen hohen CBD-Gehalt und enthalten wenig THC. Die Ergebnisse unterscheiden sich dennoch enorm, wenn es beispielsweise um die Reduktion von Krampfanfällen geht. CBD ist also ein wichtiger Faktor, doch andere Bestandteile spielen ebenfalls eine Rolle. Normalerweise wird in klinischen Studien ein einziger Wirkstoff bei einer bestimmten Krankheit untersucht. Bei Cannabis geht es gleichzeitig um eine Vielzahl von Diagnosen und Wirkstoffen. „Es ist unser Ziel, die richtige Zusammensetzung für die entsprechende Krankheit zu finden, doch dies haben wir noch lange nicht erreicht.“ Es ist die Suche nach der Nadel im Heuhaufen“, erklärt Meiri seine Arbeit. Bei einigen Diagnosen könne man einige erste Vermutungen formulieren, bei anderen habe man noch überhaupt keine Ahnung, so der Forscher. „Ich möchte die geringstmögliche Anzahl von Bestandteilen, die den maximalen Effekt erzeugt, bestimmen können”, so Meiri zur Zielsetzung seines Teams. Später einmal, wenn Cannabismedizin in Form von Tabletten oder Kapseln verabreicht werden kann, soll diese nur noch genau die Wirkstoffe enthalten, die für die gewünschte medizinische Wirkung nötig sind. Ob das am Ende 2, 10 oder 25 sind, ist derzeit noch offen. „Wir spalten die Wirkstoffe auf und schauen uns an, was passiert, wenn wir zum Beispiel die Terpene weglassen. Wenn der Effekt der gleiche ist, wissen wir, dass wir sie nicht brauchen. Dann geben wir nur verschiedene Gruppen von Cannabinoiden und schauen, bei welchen die Wirkung gleich gut bleibt,“ beschreibt Meiri den Hergang der Untersuchungen, die sich über Monate hinziehen und mit hohem finanziellen Aufwand verbunden sind. Am Ende jedoch können die Forscher verstehen, welche Wirkstoffkombination welche Art von Krankheit beeinflusst. Dies wäre ein enormer Fortschritt.

VIELES NOCH AUFZUHOLEN

„Wir arbeiten mit einer Pflanze, die in allen Kulturen für knapp hundert Jahre illegal war und immer noch ist“, so Dixon. „Bei jeder anderen Pflanze würde sofort in Studien und Versuche investiert werden, um die Antworten zu finden. Bei Cannabis ist das noch nicht möglich“, erklärt er das nur langsame Vorankommen der Forschung. Wissenschaftler haben nach wie vor mit verschiedenen Restriktionen zu kämpfen. Dixon selbst darf in seiner Lehreinrichtung noch kein Cannabis anbauen. Die Anlage steht auf dem Gelände eines Unternehmens, das eine Lizenz zum Anbau von medizinischem Cannabis besitzt und Dixons Forschung finanziell fördert. „Um zu erfahren, wie das Wirkstoffprofil meiner
Ernte aussieht, muss ich das Cannabis zu David Meiri nach Israel schicken. Das dauert.“

„In Israel sind wir relativ frei, Cannabisforschung zu betreiben. Internationale Proben auszutauschen ist aber nach wie vor eine große Hürde und mit viel Papierkram verbunden. Aus den USA kann ich beispielsweise gar kein
Pflanzenmaterial untersuchen“, fügt Meiri hinzu. Durch die Einschränkungen werden die Forscher genötigt, sämtliche Arbeitsschritte im eigenen Institut durchzuführen, denn die Beantragung der nötigen Lizenzen ist zeitaufwendig und verlangsamt den Prozess enorm.

Derzeit liegt das Hauptaugenmerk der medizinischen Forschung auf den beiden Cannabinoiden THC und CBD. Es gibt jedoch auch erste Hinweise, dass weitere Cannabinoide von Nutzen sein könnten. „Es existiert ein Bestandteil, den wir bereits in den 1960er Jahren isoliert haben. Er heißt Cannabigerol (CBG). Dieser Stoff wurde bisher nicht erforscht, unter anderem daher, weil er nicht an den Cannabinoidrezeptoren im menschlichen Körper andockt. Vor einigen Jahren hat man jedoch entdeckt, dass der Stoff ein potenter Agent gegen Krebs ist”, erklärt Mechoulam.

Krebs ist keine einheitliche Krankheit, sondern ein Sammelbegriff für bestimmte Zellveränderungen. Cannabis wirkt daher nicht bei jeder Krebsart gleich. So ist CBD beispielsweise bei Prostatakrebs wesentlich wirksamer als bei Gehirntumoren. Derzeit ist noch ungewiss, ob CBG eines Tages als Medikament genutzt werden kann, da entsprechende Daten fehlen, doch die Forscher setzen einige Hoffnung in das Molekül.

Auf der anderen Seite besteht das hochkomplexe Feld in der Frage, wie die Stoffe in unserem Körper wirken. Dabei geht es nicht um einzelne Bestandteile, sondern um vielseitige Wirkstoffverbindungen. „Cannabis bzw. THC kann bei Menschen unterschiedlich wirken. Momentan wissen wir allerdings noch nicht genug über die Wirkung der Pflanze und ihre Bestandteile allgemein, um untersuchen zu können, bei welchen Menschen es am besten hilft“, so Mechoulam. Das gleiche gilt für CBD. Erst wenn die Forscher die Wirkung wirklich verstehen, können sie den Schritt gehen und untersuchen, wie die Substanzen in unterschiedlichen Organismen wirken.

Alle drei Forscher sind sich einig, dass Cannabis sich nur als Medizin etablieren wird, wenn es gelingt, kontinuierlich standardisiertes Pflanzenmaterial zu erzeugen. Dies sei der Ausgangspunkt jeder verlässlichen Forschung. „Generationen von Forschern werden sie der Pflanze widmen“, so Mechoulam. Ihm ist bewusst, dass die Wissenschaft bei Cannabis noch am Anfang steht.

Wir sollten nicht warten, bis die Studien vorliegen, sondern den Patienten helfen, wo wir können.

David Meiri ist es jedoch wichtig, zu betonen: „Selbst wenn die Forschung noch nicht vorliegt, wissen wir, dass Cannabis bestimmten Menschen helfen kann. Wir sollten nicht warten, bis die Studien vorliegen, sondern den Patienten helfen, wo wir können.“ Und auch Mechoulam bekräftigt, dass man in der Zwischenzeit Patienten mit allen Mitteln behandeln sollte, die den Ärzten zur Verfügung stehen. Dies ist auch ein Appell an die Regierungen der Weltgemeinschaft, Patienten ihre Medizin nicht länger vorzuenthalten und Hürden für die Forschung abzubauen.