DU DARFST!

Es soll Mütter geben, die kiffen? Ich staune über jede, die ohne die Ruhe behält.

Phasenweise fühlt es sich nämlich an, als sei jeder glimpflich verlaufene Tag ein Triumph, ein Etappensieg. Damit meine ich keine Schulnoten, Frechheiten oder zerschellte Teller. Ich meine die stete Hoffnung, dass alle Autofahrer, die meinen Kindern auf dem Schulweg begegnen, alle Sinne beieinander haben, meine U-Bahn keinen Schienenersatzverkehr bemühen muss, der den Arbeitsweg zu einer Weltreise macht, in der Schule kein Zickenkrieg ihre Seelchen verletzt. Kurzum, es muss alles am Schnürchen laufen – und das gleicht einem Hochseiltanz. Wenn man dazu noch nachts kindliche Albträume in mentale Kisten stopfen, tausendfach verschließen und die Niagarafälle hinunterstoßen muss (und warten, bis sie unten zerschmettern), kann man ganz schön erledigt sein, wenn um 6:45 der Wecker zum Tagewerksanpfiff bimmelt.

Nachmittags, wenn wir drei uns wohlbehalten zu Hause antreffen, lass ich mich manchmal einfach rückwärts aufs Sofa fallen und klappe die Lider runter – nur für ein paar Minütchen, denn jetzt wollen sie toben, Scotland Yard oder Badminton spielen, und ich soll natürlich dabei sein und bekomme noch im Halbschlaf die Kappe von Mr. X aufgesetzt.

Ja und dann lasse ich manchmal den Schalter von außen für mich umlegen: Ich ziehe ein paar Male am THC-Pen (die mit THC-Öl riechen nicht mal nach Gras), lasse das Zeug einwirken und meinen Sohn gewinnen. Und dann bin ich diejenige, die in die Hände klatscht und drängt, das Haus zu verlassen, die sich spontan in die viel zu kleinen Rollschuhe meiner elfjährigen Tochter quetscht und ohne jede Scheu wackelige Runden unten am Platz zieht, während meine Kinder mich auf dem Stromkasten sitzend und eisessend anfeuern. Ich bin voller Tatendrang, entspannt und glückselig. Und die zwei Racker mindestens genauso sehr.

Bei uns läuft zurzeit Michael Jacksons „Bad“ rauf und runter. Meine Tochter hat sich den gesamten Songtext mit ihrem Füller abgeschrieben und die deutsche Übersetzung dazu: „Dein Hintern gehört mir“ ist seitdem zum geflügelten Wort geworden. „Your butt is mine“, die Zeile war laut meinem Freund der Grund, warum Prince dem King of Pop ein Duett ausgeschlagen hatte. Wie auch immer, bei uns werden zu dem Song Matratzen gestapelt und die irrsten Überschläge veranstaltet – ich mittendrin.

Von den kalifornischen Potmoms, die legal ihren Kindergardenwalk mit Weed versüßen, hab ich noch keine Stuntstories gelesen. Aber dass sie sich einfach nicht so leicht aus der Ruhe bringen lassen und nebenher den Alkohol reduzieren. Das Weed-Magazin für Frauen Miss Grass hat gerade eine Studie veröffentlicht, in der 700 konsumierende Mütter befragt wurden. Stigmatisiert fühlen sich immerhin auch da, wo es legal ist, noch 68 Prozent.

Ich befürchte zurzeit auch, dass ich einen Fehler begangen habe, als ich einer Mutter beim Abholen der Kindergeburtstagsgäste einen CBD-Kaugummi anbot. Sie inspizierte das viereckige grüne Teil, ließ es in die Handtasche gleiten und meinte vielsagend „später“. Seitdem hat sie alle Spieldates abgesagt – kann Zufall sein oder eben „schlechter Einfluss“. Und es ging nur um CBD.

Laut der Studie haben 64 Prozent auch vor der Geburt der Kinder regelmäßig gekifft, aber immerhin 9 Prozent wurden erst nachher zur Mom, die Pot raucht. „A happy mom is a happy baby“, wird eine der Teilnehmerinnen zitiert, und: „Manchmal brauche ich ein paar Züge, damit ich mich wieder echt anfühle. Das ist bestimmt sicherer, als völlig gestresst und traurig zu sein.“

Ja genau, das ist man nämlich als Mutter auch mitunter. Weil es ja auch noch einen selbst gibt, und, puh, das hätte einem auch noch so einiges zu erzählen.

Kinder sehen es einem an, wenn man gedanklich die Flucht ergreift vor dem Hier und Jetzt – und damit vor ihnen. Und das kann einem auch passieren, wenn man zu viel konsumiert oder zu nötig. Fürs Eintauchen in die Legowelt reicht oftmals nur ein Hauch.