DR. FRANJO GROTENHERMEN UND DIE GESETZESÄNDERUNG IN DER PRAXIS

ZU DEM ZEITPUNKT, ALS DR. FRANJO GROTENHERMEN BEGANN, SICH MIT DEM MEDIZINISCHEN NUTZEN VON CANNABIS ZU BESCHÄFTIGEN, HATTE SICH IN DEUTSCHLAND SEIT JAHRZEHNTEN NIEMAND MEHR DIESEM FELD GEWIDMET. ER BEGLEITETE ÜBER 300 AUSNAHMEANTRÄGE UND GAB VIELEN PATIENTEN WIEDER HOFFNUNG. AM 17. AUGUST TRAT GROTENHERMEN BEREITS ZUM ZWEITEN MAL IN DEN HUNGERSTREIK, UM AUF EINE PREKÄRE LAGE VIELER PATIENTEN AUFMERKSAM ZU MACHEN. DENN AUCH WENN DAS GESETZ SEIT MÄRZ 2017 IN KRAFT IST, SIND NOCH LANGE NICHT ALLE HINDERNISSE BESEITIGT.

Geboren wurde Franjo Grotenhermen 1957 in Robringhausen in Nordrhein-Westfalen. Nach dem Medizinstudium arbeitete er als Krankenhausarzt mit den Schwerpunkten Innere Medizin, Chirurgie und Naturheilverfahren. Bereits nach wenigen Jahren wurde der junge Arzt jedoch durch eine seltene chronische Erkrankung arbeitsunfähig. 1992 folgte offiziell die Frührente. Durch seine Erkrankung muss er bis heute den Großteil des Tages im Liegen verbringen. „Ich musste schauen, was ich mit dem Rest meines Lebens anfange“, erinnert er sich an damals zurück.

SEIT 25 JAHREN LERNE ICH IMMER WIEDER DAZU.

Ende 1993 nahm Michael Carus vom Nova-Institut Kontakt mit ihm auf, mit der Bitte, einen Artikel über das Missbrauchspotenzial von Faserhanf zu lektorieren. Damals ging es um die Frage, ob Nutzhanf wieder auf deutschen Feldern angebaut werden durfte. So beschäftige sich Grotenhermen zum ersten Mal mit dem Thema. Ein Jahr später sollte dann die deutsche Version von Dr. Lester Grinspoons „Marihuana. Die verbotene Medizin“ erscheinen. Der Verlag entschied sich, einen zweiten Teil zur Situation in Deutschland zu veröffentlichen und bat Grotenhermen um seine Mitarbeit. Der erarbeitete sich im Frühjahr 1994 über Wochen, was die Bibliotheken zu der Zeit zu bieten hatten – sein Einstieg auf dem Weg zum Spezialisten zu medizinischem Cannabis. „Wenn es weit und breit keinen Experten gibt und einer ein bisschen was weiß – das war dann eben ich –, wird man schnell als der Experte angesehen. Ich war damals noch weit davon entfernt, doch ich habe mich in der Folgezeit viel mit dem Thema befasst“, erzählt der heute 60-Jährige.

DIE ARBEITSGEMEINSCHAFT CANNABIS ALS MEDIZIN

Mit dem Thema Cannabis hatte sich damals noch niemand in Deutschland wissenschaftlich befasst. Nach seiner Promotion machte sich Grotenhermen daran, diese Lücke zu schließen, und brachte sein erstes Buch „Hanf als Medizin. Wiederentdeckung einer Heilpflanze“ im Jahr 1997 heraus.

Seitdem veröffentlichte er zahlreiche Werke zum medizinischem Potenzial der Pflanze. Sein aktuelles Buch „Cannabis gegen Krebs“ ist gerade im Nachtschatten-Verlag erschienen. Sein politisches Engagement verfolgte der Arzt mit der Gründung der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM). Diese fand im April 1997 mit etwa 120 Teilnehmern und großem Enthusiasmus in Köln statt.

In der ACM schlossen sich die Menschen zusammen, die sich damals mit der Thematik in Deutschland, Österreich und der Schweiz befassten, Patienten, Ärzte, Apotheker und andere Interessierte. Diese Zusammenarbeit von Patienten und Beschäftigten im Gesundheitswesen in einer Organisation war zu jener Zeit weltweit einzigartig.

Hauptanliegen ist es damals wie heute, zu erreichen, dass Patienten, die Cannabis brauchen, Zugang dazu erhalten. Dabei geht es darum, die Medien einzuschalten, um die Öffentlichkeit zu informieren, Patienten und Ärzte über neue Erkenntnisse zu unterrichten und mit der Politik in Kontakt zu treten, um das Thema auf dieser Ebene zu bearbeiten. Über die Jahre wuchs der Zulauf, so dass im März 2000 die Organisation auf internationaler Ebene erweitert wurde.

In der International Association for Cannabinoid Medicines (IACM) ist heute der Großteil der Experten, die sich wissenschaftlich mit Cannabis als Medizin beschäftigen, vertreten. Die „kleine Familie“, wie Grotenhermen sie nennt, besteht aus rund 100 Mitgliedern. Die IACM legt ihren Fokus auf die Förderung der Wissenschaft im Bereich Cannabis und Cannabinoide, vor allem hinsichtlich ihres therapeutischen Potenzials.

Während heute die Fachwelt weitestgehend vernetzt ist, war Mitte der 1990er Jahre der Informationsfluss weitaus schwieriger zu gewährleisten.

Bis es das ACM-Magazin gab, entwickelte Grotenhermen Faltblätter und schickte diese den Betroffenen zu.

„Anfänglich konnte ich keine Artikel in der Fachpresse veröffentlichen, weil ich unbekannt war. Ich fing deswegen an, zu jedem Artikel, in dem Unsinn über Cannabis verbreitet wurde, einen Leserbrief zu schreiben, in dem ich Punkt für Punkt des Autors widerlegte.“ Allmählich besserte sich der Informationsgehalt der Veröffentlichungen und Grotenhermen machte sich in Fachzeitschriften einen Namen.

AUSNAHMEZUSTAND AUSNAHMEERLAUBNIS

2007 gab es die ersten Ausnahmegenehmigungen, mit denen Patienten Cannabis legal aus der Apotheke erwerben konnten. Die ACM erhielt damals viele Anfragen von Patienten, die darum baten, ihnen einen Arzt zu vermitteln, der sie während des Antragsprozesses begleiten kann.

Da es kaum bereitwillige Ärzte gab, entschloss sich Dr. Grotenhermen schließlich, eine Privatpraxis zu eröffnen, auch wenn dies den Verlust seiner Rente und somit seiner finanziellen Absicherung bedeutete. Seit Eröffnung im Jahr 2012 wird der Mediziner förmlich überrannt. Durch seine Erkrankung könne er die vielen Projekte und Anfragen kaum bewältigen, sagt er. Auf der einen Seite freue er sich über diese Entwicklung.

DIE PREISGESTALTUNG UND DIE GERINGE BETREITSCHAFT DER ÄRZTE, CANNABIS ZU VERSCHREIBEN, SIND EIN LANGWIERIGES PROBLEM

Gleichzeitig bedauerte er jedoch auch, viele Menschen enttäuschen zu müssen – besonders, seine Patienten nicht so betreuen zu können, wie er es sich wünschen würden. Insgesamt 310 Anträge begleitete er bis zur Änderung des Gesetzes. Keiner davon wurde abgelehnt, auch wenn dafür gelegentlich ein wiederholter Briefwechsel mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nötig war.

VIELEN MENSCHEN KANN CANNABIS NICHT HELFEN ODER SIE VERTRAGEN ES NICHT.

Grotenhermen ist wichtig klarzustellen, dass Cannabis für ihn kein Wundermittel ist. Vielen Menschen könne Cannabis nicht helfen oder sie vertrügen es nicht, darunter auch viele Schmerzpatienten. Lediglich der kleinere Teil könne seine Beschwerden mit Cannabis lindern. Diese Patienten würden jedoch in erheblichem Maße von der Pflanze profitieren, habe seine Berufserfahrung gezeigt. Die Gefahr, dass Cannabis bei uns eines Tages so großzügig wie beispielsweise in Kalifornien verschrieben wird, sehe er nicht. Bisher seien die meisten Ärzte äußerst vorsichtig. Auch Grotenhermen geht nach strengen Kriterien vor. Um bei ihm einen Termin zu bekommen, muss man seine bisherige Krankengeschichte aufschreiben und nachweisen, welche Therapien bisher durchgeführt wurden. Andernfalls lehne er die Behandlung ab.

Inzwischen fühlt sich Grotenhermen mit der Bezeichnung „Experte für Cannabinoidmedizin“ wohler, auch wenn der Lernprozess für ihn noch lange nicht beendet ist. „Seit 25 Jahren lerne ich immer wieder dazu. Am Anfang kam zum Beispiel die Behandlung von psychiatrischen Krankheiten überhaupt nicht in Frage. Damals wusste man nur, dass Cannabis psychiatrische Probleme auslösen, aber nicht, dass es diese auch lösen kann. Auch ich habe das lange gedacht,“ nennt er ein Beispiel. Im Jahr 2000 kontaktierte ihn ein ADHS-Patient und Abiturient aus Berlin. Dieser wurde auf Grund von Cannabisbesitz strafrechtlich verfolgt. „Er war sich sicher, dass er ohne Cannabis sein Abitur nicht bestehen würde. Das überraschte zuerst, mittlerweile habe ich jedoch über 50 Patienten mit ADHS und weiß, dass es sehr wohl bei dieser Erkrankung helfen kann.“ 2017 ist die erste Studie zu Cannabis und ADHS veröffentlicht worden. Eine weitere ist in Vorbereitung.

FLUCH UND SEGEN DER GESETZESÄNDERUNG

Die Änderung des Betäubungsmittelgesetzes, die Cannabis als Medizin zugänglich machte, sah Grotenhermen anfänglich als Triumph – eine Meinung, die bald relativiert werden sollte. Am 10. März trat das Gesetz in Kraft, am 11. März verkündete Dr. Andreas Kiefer, der Vorsitzende der Bundesapothekerkammer, in einem Artikel, dass Cannabisblüten zukünftig 20 bis 25 Euro pro Gramm kosten werden. Wenn sie als Zubereitung der Apotheke verkauft werden, sogar 40 bis 50 Euro.

In der Begründung zum Gesetzesentwurf der Bundesregierung vom Juni 2016 stand jedoch ausdrücklich, dass es durch das Gesetz keine Auswirkungen auf die Verbraucherpreise geben werde. Darauf habe er vertraut: „Ich habe meinen Patienten immer gesagt: Das Gesetz wird für viele Menschen eine Verbesserung sein und für niemanden eine Verschlechterung. Nun war es aber so, dass es für viele sehr wohl eine Verschlechterung darstellte, nämlich für die Patienten ohne Kostenübernahme, die nun mehr bezahlen müssen“. Den aktuellen Versorgungsnotstand sieht Grotenhermen hingegen als temporäres Problem. Niemand hatte damit gerechnet, dass die Zahl der Patienten so schnell ansteigen würde. Der Notstand könne in einigen Monaten behoben werden, schwerwiegender seien die strukturellen Probleme.

KEINER DAVON WURDE ABGELEHNT

Dazu zählt die Preisentwicklung und das Finden eines Arztes. Die Verordnung von Cannabis ist für Kassenärzte schlichtweg unattraktiv: Der Arbeitsaufwand ist hoch und unter Umständen mit großem finanziellen Risiko verbunden. Von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen gibt es bereits ein Warnblatt, das Ärzten rät, die Verschreibung von Cannabis zu vermeiden, um Rückzahlungsforderungen der Krankenkassen zu entgehen. Ein weiteres großes Problem: die Krankenkassen weigern sich in vielen Fällen zu zahlen und zweifeln die Notwendigkeit der Behandlung an.

Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts, dass Patienten selbst anbauen dürfen, wenn sie die Kosten nicht tragen können, gilt aber weiterhin. Grotenhermen glaubt daher, dass die Kostenübernahme mittelfristig noch einmal von der Regierung angegangen wird. Denn den Eigenanbau will man mit allen Mitteln vermeiden. In der Preisgestaltung und den drohenden Regressen, also Strafzahlungen durch die Kassenärztlichen Vereinigungen für Ärzte, die nicht „wirtschaftlich“ arbeiten, was die Bereitschaft von Ärzten zur Verschreibung reduziert, sieht der Mediziner hingegen ein langwierigeres Problem.

DER HUNGERSTREIK

Die Wartezeit in Dr. Grotenhermens Praxis ist lang. Drei Gruppen von Patienten werden jedoch vorgezogen: an Krebs Erkrankte, Patienten, die strafverfolgt werden oder mit drohendem Führerscheinverlust, und Kinder. Die zweite Gruppe macht dabei einen erheblichen Teil aus. Daher sieht Grotenhermen die größte Dringlichkeit darin, sicherzustellen, dass Patienten nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden. „Ich vermute, dass es heute für Patienten sogar schwieriger ist, vor Gericht glaubhaft zu machen, dass die illegale Beschaffung bzw. der Anbau aus einen gerechtfertigten Notstand heraus durchgeführt wurden. Heute kann der Richter darauf hinweisen, dass ein Arzt Cannabis verschreiben kann und dass die Verwendung wohl nicht nötig wäre, wenn die Krankenkasse die Kosten nicht übernimmt. Die Patienten haben heute nicht weniger Angst als vor der Gesetzesänderung“, weiß der Mediziner. Die ACM setzt sich daher für die Einführung eines Paragrafen im Betäubungsmittelgesetz ein, der Patienten Straffreiheit zusichert.

DAS NEUE GESETZ BEDEUTETE FÜR VIELE SEHR WOHL EINE VERSCHLECHTERUNG.

Um gegen die gestiegenen Apothekenpreise zu protestieren, ging Grotenhermen im Mai 2017 eine Woche in den Hungerstreik, um auf das Problem der Kostenübernahme aufmerksam zu machen. Damals erhielt er teilweise Unterstützung seitens der Politik, doch aus dem Bundesgesundheitsministerium kam keine Reaktion. Am 17. August trat Grotenhermen dann erneut in den Hungerstreik.

Dieses Mal, um auf die andauernde Strafverfolgung von Patienten aufmerksam zu machen, die sich illegal mit Medizin versorgten. Auf Anfrage von in.fused hieß es aus dem Ministerium: „Das Bundesgesundheitsministerium hat den Deutschen Apothekerverband und den GKV-Spitzenverband aufgefordert, im Sinne der Betroffenen über eine Reduzierung der Zuschläge nach der Arzneimittelpreisverordnung zu verhandeln“. Des Weiteren seien alle Beteiligten dazu aufgefordert, das neue Gesetz im Sinne der Patientenversorgung umzusetzen. Die Bundesbehörde stehe in engem Kontakt mit exportierenden Ländern, um die Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Voraussichtlich werden bereits in den kommenden Monaten die Importmengen erhöht werden. Zum Problem der anhaltenden Strafverfolgung äußerte sich das Ministerium nicht.

„Ich möchte die Verzweiflung der Patienten in einem eigenen Verzweiflungsakt nach außen tragen“, erklärt Grotenhermen die Wahl des Hungerstreiks als Mittel des Protests. Dass seine Reputation als Mediziner und sein Ansehen darunter leiden können, nimmt er in Kauf: „Manchmal muss man Dinge tun, die einem nicht selbst nutzen.“ Die Drogenpolitischen Sprecher aller Parteien wurden zuvor über diesen Schritt informiert.

Aus dem Büro von Harald Terpe, Sprecher für Drogen- und Suchtpolitik von Bündnis 90/Die Grünen, hieß es, man bedauere Grotenhermens Entscheidung, in den Hungerstreik zu treten, teile aber gleichzeitig seine Meinung, dass die Bundesregierung in der Pflicht stehe, die Wirksamkeit des neuen Gesetzes zu überprüfen und die tatsächliche Versorgungssituation der Patienten zu verbessern.

Frank Tempel (LINKE) äußerte Sorge über Grotenhermens Gesundheitszustand und schloss sich seiner Forderung an: „Solange die Versorgungssicherheit nicht gegeben ist, müssen Patientinnen und Patienten die Möglichkeit haben, sich selbst medizinisch auch außerhalb der Apotheke zu versorgen.“ Dies sei medizinisch nicht die beste Alternative, in Anbetracht des Notstandes jedoch eine notwenige Maßnahme. Dazu gehöre auch eine Entkriminalisierung von Patienten.

Rückwirkend sei Grotenhermen klargeworden, dass das Gesetz so angelegt war, dass die Behandlung mit Cannabis eine Ausnahme sein sollte. „Ich war mir immer sicher, dass Deutschland die gleiche Entwicklung nehme würde wie die USA, Israel und Kanada. Die Zahlen werden allmählig steigern und es werden Tausende Cannabis benötigen.“ Mit der derzeitigen Lage stehen dieser Entwicklung jedoch noch viele Hindernisse im Weg.

Nachtrag: Dr. Grotenhermen hat seinen Hungerstreik am 1. September nach zwei Wochen beendet. Vor der Bundestagswahl hat sich die Regierung dem Thema nicht mehr angenommen. Inwieweit sich die Situation der Cannabispatienten und -patientinnen in den nächsten Monaten verbessern wird, bleibt abzuwarten.