Die Studienlage von CBD

Das medizinische Handeln sollte an wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgerichtet sein und das Patientenwohl in den Vordergrund stellen. Aber wie entstehen diese wissenschaftlichen Erkenntnisse und nach welchen Prinzipien folgt die Umsetzung in die Praxis? Und was bedeutet das für CBD?

Die Wiege der klinischen Forschung scheint nach Meinung des Kardiologen Milton Packer vor 250 Jahren im Kontext der Seefahrt in England entstanden zu sein. 1740 führte England Krieg gegen Spanien in der Karibik und stach mit sechs Kriegsschiffen in See. Von den 1.900 Seemännern verstarben 1.500 bereits auf der Reise, geschwächt durch Infekte, Zahnfleisch und Hauteinblutungen, Muskelschmerzen, Fieber und Durchfälle. Bereits Anfang des 18. Jahrhunderts vermutete man, dass Zitrusfrüchte Abhilfe schaffen könnten, es gab aber keine schriftlichen Aufzeichnungen hierzu. So geschah es, dass James Lind im Jahr 1747 erstmalig systematisch untersuchte, wie sich unterschiedliche Behandlungen auf Patienten auswirken. Die erste „klinische Studie“ umfasste zwölf Seemänner, die in sechs Gruppen à zwei aufgeteilt wurden und jeweils unterschiedliche Nahrungsergänzungen erhielten. Eine Gruppe erhielt wegen des vermuteten Einflusses von Zitrusfrüchten täglich Orangen und Zitronen. Nach sechs Tagen auf See waren die Obstvorräte bereits aufgebraucht, allerdings erfreuten sich die Seemänner schon bester Gesundheit im Vergleich zu den anderen Gruppen.

Die erste „klinische Studie“ umfasste zwölf Seemänner.

Zitronensaft am Ende entscheidend für die englische Expansion

Angesichts dieses eindrücklichen Unterschieds verfasste Lind sechs Jahre später ein Buch, in dem er auf die Behandlungsmöglichkeit von Skorbut – einer Vitamin-C-Mangelerkrankung – einging. Dieses Werk, welches erstmalig eine systematische Auswertung von unterschiedlichen Behandlungsformen enthielt, wurde von den Medizinpraktizierenden vollständig ignoriert. Dennoch gab es mündliche Überlieferungen dieses Erfolgs, sodass fast 50 Jahre nach Erscheinen des Buchs und kurz vor Linds Tod ein englischer Admiral anordnete, dass Zitronensaft mit auf das Kriegsschiff nach Indien mitgenommen werden solle. Die Verfügbarkeit von Zitrusfrüchten reichte für die 23-wöchige Reise nicht aus, um die Mangelerscheinungen aller Seemänner zu beheben. Historisch betrachtet war es aber eine entscheidende Grundlage für die enorme territoriale Expansion, die England zwischen 1800 und dem ersten Weltkrieg erlebte. Säfte von Zitrusfrüchten durften viele Jahre nur von Ärzten an bereits Erkrankte abgegeben werden. Diese zögerliche Anwendung lag zum einen an der Knappheit der Vitamin-C-Quellen, zum anderen an der Zurückhaltung vieler, die dieser Behandlung nicht trauten. Erst im Jahr 1927 wurde das Vitamin C von dem ungarischen Wissenschaftler Szent-Györgyi aus der Nebenniere, Orangen und Weißkohl isoliert. Wegen seiner chemischen Struktur bezeichneten die Forscher es zunächst als Hexuron, später als Ascorbinsäure und identifizierten es als den entscheidenden Faktor in der Behandlung von Skorbut. Hierdurch gelang es, andere natürliche Quellen (Sauerkraut, Fichtennadelsud) ausfindig zu machen sowie in der Folge es zu synthetisieren und in größeren Mengen verfügbar zu machen. 1937 wurde für die Entdeckungen zum Vitamin C der Nobelpreis verliehen.

CBD ist eigentlich wohlbekannt

Was im 21. Jahrhundert kaum nachvollziehbar ist: Die Etablierung von neuen Behandlungsmethoden ist immer noch genauso zäh. Ein aktuelles Beispiel ist die Ende Juni dieses Jahres erfolgte Zulassung von Cannabidiol zur Behandlung seltener Epilepsieformen bei Kindern. Im Jahr 1963 isolierten Forscher erstmalig diesen Wirkanteil der Cannabispflanze und benannten ihn anhand seiner chemischen Strukturformel und Herkunft als Cannabidiol (CBD). Ein Jahr später gelang die Identifizierung von Tetrahydrocannabinol (THC). Der britische Wissenschaftler Roger Pertwee widmete sich zum Ende der 60er Jahre den pharmakologischen Eigenschaften der Cannabinoide THC und CBD in Cannabistinkturen, wie sie derzeit noch in Großbritannien legal erhältlich waren. Er veröffentlichte 1972, dass sich durch die Gabe von Cannabidiol die Schlafdauer bei Mäusen deutlich verlängert. Ein Jahr später erschien ein Artikel in der Psychopharmacologica, in dem der Einfluss von Bestandteilen der Cannabispflanze auf Erregungsleitungsstörungen bei Mäusen – wie sie bei der Epilepsie vorkommen – beschrieben wurde. Es war deutlich, dass Cannabidiol (CBD) im Vergleich zu Cannabinol (CBN) und Tetrahydrocannabinol (THC) die höchste antiepileptische Wirkung zeigte, besser noch als herkömmliche Antiepileptika. Allerdings war das Endocannabinoidsystem zum damaligen Zeitpunkt noch nicht entdeckt, sodass der genaue Wirkmechanismus unklar blieb. Bereits 1978 führten der Vater der Cannabismedizin, Professor Raphael Mechoulam, und E. A. Carlini in ihrer Abhandlung „Toward Drugs Derived from Cannabis“ eine Zusammenfassung der Ergebnisse zu den einzelnen Cannabinoiden auf. Die Studienlage zum damaligen Zeitpunkt war dergestalt, dass THC Wirksamkeit bei Glaukom (erhöhter Augeninnendruck, umgangssprachlich auch „Grüner Star“ genannt), bei Asthma sowie bei Übelkeit im Rahmen einer Chemo therapie zeigte, während Cannabidiol als Schlafmittel und Epilepsiemedikament eingesetzt werden konnte. Interessanterweise referieren die Autoren schon auf eine schriftliche Überlieferung aus dem Jahr 1464, in der beschrieben wird, wie die Behandlung mit „Haschisch“ den an Epilepsie erkrankten Zahiraddin aus dem Kalifat Bagdad vollständig von seinen Anfällen befreite. Dass Cannabis trotz der Erfolge wenig eingesetzt wurde, hängt mit dessen Verbot zusammen. Es stammt aus einer Zeit, in der die Cannabinoide noch nicht isoliert worden waren, das heißt, es waren keine Einzelwirkungen von THC und CBD bekannt. Die Cannabispflanze im Ganzen ist offenkundig sehr variabel und anfällig bezüglich ihrer chemischen Eigenschaften, sodass sich die Wiederholbarkeit von klinischen Untersuchungen oft schwierig gestaltet. Aufgrund der Klassifikation als Droge steht es in vielen Ländern auf der gleichen Stufe wie Opiate, die seinerzeit eine immer breitere Anwendung fanden und bald als unentbehrlich galten. Die fehlende Unterscheidung zwischen dem Betäubungsmittel THC und dem nichtpsychoaktiven Cannabidiol verhinderte den wissenschaftlichen Diskurs um die jeweiligen Einsatzgebiete.

Aufgrund der Klassifikation als Droge steht CBD in vielen Ländern auf der gleichen Stufe wie Opiate.

Fehlende Unterscheidung zwischen THC und CBD lähmt wissenschaftlichen Diskurs

Eine Literaturrecherche in der medizinischen Datenbank PubMed zu Cannabidiol und Epilepsie spiegelt den ideologischen Umgang mit der Pflanze wider. Eine Arbeit aus dem Jahr 1981 stellt den vorläufigen Endpunkt der Bemühungen um Cannabidiol dar. Die Auswertung der Daten am Menschen hatte ergeben, dass CBD in einer Dosierung von 10 bis 600 Milligramm sehr gut schlaffördernd wirkt und in einer Dosierung von 200 bis 300 Milligramm täglich bei Epilepsiekranken die Anfälle besser bekämpfte als herkömmliche Medikamente. Somit stand der Handlungsrahmen für die Mediziner fest und es lag an diesen, weitere Erfahrungen zu sammeln. Stattdessen erschien 2001 eine Abhandlung mit dem Titel „Alcohol and Marijuana: Effects on Epilepsy“, in der erneut auf die möglichen Gefahren von THC hingewiesen und die Behandlungsmöglichkeit mittels Cannabidiol nur am Rande erwähnt wird. In der Zwischenzeit – also im Zeitraum von 1981 bis 2001 – wurden die Cannabinoidrezeptoren als Andockstellen für THC (als Pflanzencannabinoid) und zugleich für körpereigene Stoffe (den Endocannabinoiden, zum Beispiel Anandamid) entdeckt. Man fand ein Netzwerk aus Überträgerstoffen und Rezeptoren, welches im gesamten Säugetierorganismus vorhanden ist und fortan als Endocannabinoidsystem bekannt wurde. Bis heute ist es Gegenstand intensiver Forschung. Zum Jahrtausendwechsel wurde der medizinische Einsatz von Cannabis in einigen Ländern wieder möglich. Sehr eindrücklich erscheint da der 2006 verfasste Brief der italienischen Ärztin Mariachiara Cortesi an die Verleger einer Wissenschaftszeitung. Sie verweist auf den Missstand, dass Cannabidiol zwar seit den frühen 80er Jahren als Antiepileptikum bekannt und erforscht worden sei, es aber nicht eingesetzt werde. Sie spricht sich dafür aus, dass die Erkenntnisse zum Wirkstoff und dessen gute Verträglichkeit einen Behandlungsversuch bei neurologisch erkrankten Kindern, vor allem bei jenen mit medikamentös sonst unbeeinflussbarer Epilepsie, rechtfertigen sollte. Dass 2009 ein Artikel von Mechoulam erschien, der die therapeutischen Möglichkeiten von Cannabidiol und den Unterschied zum rauscherzeugenden THC erneut darlegt, lässt die Diskussion wie eine unendliche Geschichte erscheinen.

Erfolg von CBD verbreitet sich über soziale Medien

Während die Mediziner weitere Forderungen nach Placebo kontrollierten Studien stellten, wurde 2011 in Colorado, USA, eine spezielle Cannabissorte mit einem CBD-Gehalt von 17 Prozent und einem THC-Gehalt von nur 0,5 Prozent gezüchtet. Wegen der fehlenden Rauschwirkung wurde sie als „Hippies disappointment“ bezeichnet, mit dem Extrakt behandelte man die fünfjährige Charlotte Figi, die am Dravet-Syndrom (einer sehr seltenen Form der Epilepsie mit bis zu 300 Anfällen pro Woche) erkrankt war. Hierdurch verringerte sich die Anfallshäufigkeit so dramatisch, dass sich Charlotte körperlich und geistig weiterentwickeln konnte. Dieser Erfolg verbreitete sich rasant über die Kanäle der modernen Medien, sodass Eltern aus Bundesstaaten, in denen Cannabidiol strafrechtlich wie harte Drogen eingeordnet wurde und zum Teil noch wird, nach Colorado umzogen. Mittlerweile existiert die Vereinigung „Realm of Caring“, die sich um Forschungsförderung und die Unterstützung Betroffener kümmert, die wegen der Stigmatisierung von Cannabis kein Verständnis bei ihren behandelnden Ärzten finden. Insbesondere für diese Gruppe dürfte die Zulassung und damit die offizielle Bestätigung der Wirksamkeit von Cannabidiol bei seltenen Epilepsieformen durch die US-amerikanische Behörde FDA ein Befreiungsschlag sein. Dies ist die wichtige Grundlage, auf der eine weitere Erforschung der Substanz und der Einsatz bei weiteren Erkrankungen als sogenannter Off-Label-Use möglich ist.

Und in Deutschland? Bei uns ist Cannabidiol als Reinsubstanz seit dem 1. Oktober 2016 verschreibungspflichtig. Da es keiner Erkrankung zugeordnet ist, werden die Kosten selbst bei guter Wirksamkeit von den Krankenkassen derzeit noch nicht ersetzt. Dies wiederum führt dazu, dass viele Ärzte Cannabidiol nicht als eigenen Wirkstoff, sondern nur im Kontext mit THC wahrnehmen. Eine Zwickmühle, die wie im Falle von Vitamin C nur aufgebrochen werden kann, wenn die Ängste der Vergangenheit durch Aufklärung und Information bearbeitet werden.

Viele Ärzte nehmen Cannabidiol nicht als eigenen Wirkstoff wahr, sondern nur im Kontext mit THC.