Die große neue Freiheit

Immer wenn meine Freunde mir sagen, dass ich eine sehr entspannte und freundliche Ausstrahlung habe, muss ich kurz auflachen. Eigentlich bin ich ein tendenziell gehetzter und unausgeglichener Charakter. Meinem mentalen Hamsterrad konnte ich zum Glück immer ein gutes Pokerface geben. Amüsierend pragmatisch jedoch drückte es ein Bekannter zuletzt aus: „Die Alte is‘ doch in den Grastopf gefallen!“– Schuldig im Sinne der Anklage, ich habe schon immer gerne gekifft. Vom gnadenlos glorifizierenden Kifferklischee bin ich aber weit entfernt. Das liegt auch an so manch schlechter Erfahrung, die ich im Zusammenhang mit Graskonsum gemacht habe.

Von der bayerischen Bildungsreform durch das achtjährige Gymnasium gejagt, kam ich quasi außer Atem in dieser für mich großen Kleinstadt in der Oberpfalz an. Hier hatte ich mich für mein Studium eingeschrieben und hier bezog ich mit meinem damaligen Freund meine erste eigene Wohnung. Der Umzug diente mir damals schon ein Stück weit dazu, den Sorgen aus der alten Heimatstadt zu entkommen – das zuzugeben hätte ich mich selbst gegenüber jedoch nie getraut.

Schlaflose Nächte – Tage im Bett

Da waren wir nun, wir zwei Querdenker, ausgerissen aus einer unkomfortablen Situation, gemeinsam erste Schritte machend. Abgesehen von den Startschwierigkeiten lief es ganz gut, und für Probleme war mir meine Zeit zu kostbar. Wichtig war nach der Ankunft in der neuen Stadt vor allem eines: Dass mein Tapetenwechsel heilsbringend sein würde. Wieso sollte er das auch nicht? Die neu gewonnene Freiheit genoss ich ungelogen. Alles, was ich zuvor gerne machte und unter Beobachtung des Elternhauses nicht tun konnte oder ungern tat, war mir nun ohne Rechtfertigungszwang frei zugänglich. Festivals und Partys, schlaflose Nächte und Tage im Bett verbringen. Schon lange wurde in meinem Freundeskreis gekifft, und auch ich genoss es, mir diese Entspannung angesichts der Anstrengungen der vergangenen Jahre zu gönnen.

„Heute nicht, das kann ich mir erlauben“

Mir gefiel die lässige Einstellung, die beim Grasrauchen mitschwingt, und es tat mir gut, welches Kontrastprogramm das zu anderen Bereichen meines Lebens bildete, sodass ich immer wieder ganze Tage damit verbrachte – oft mit Freunden, später immer öfter allein zu Hause. Für den Genuss gab es immer eine Daseinsberechtigung und manchmal überkompensiert man eben mal das ein oder andere, damit konnte ich leben. Da konnte es immer mal wieder vorkommen, dass ich die Uni verpennte. Oder den ganzen Tag kein einziges Mal aus dem Haus ging. Oder dass der Abwasch drei Tage in der Küche stehen blieb – immer wieder stand ich triumphierend vor meinem eigens bereiteten Chaos und sagte zu mir selbst: „Heute nicht, und zwar nur, weil ich es mir erlauben kann!“ Ich konnte nicht leugnen, dass Gras dafür in meinen Augen schon damals zumindest ein bisschen einen sinnbildlichen Charakter besaß. Wir genossen ein eigentlich typisches Studentenleben, in dem man die letzten fünf Tage des Monats von dem lebt, was die Pfandflaschen in der Küche so hergeben.

Mit dem Joint die Situation entschärfen

Das Gras lag bei meinem Freund und mir trotzdem immer parat, denn auch er kiffte gerne und täglich. In diesem Punkt verstanden wir uns. Wir teilten einen Lebensstil, gleichzeitig aber auch ein gefährlich wankelmütiges Temperament. Es ging oft unter die Gürtellinie, weil jeder von uns dazu neigte, sich vom anderen ungerecht behandelt zu fühlen und mit einem Gegenschlag ausholen zu müssen. Tatsächlich war der Joint oft das letzte wirksame Mittel, eine aufgeheizte Situation unmittelbar zu entschärfen. Dann war es, als hätte man in uns einen Schalter umgelegt, und der kleine Aggressor im Kopf war auf einmal nur noch sehr kleinlaut. Eine sofortige Erlösung, die in meinem chaotischen Dasein willkommener nicht hätte sein können. Ich hatte genügend andere Probleme und nahm es mir raus, selbst zu entscheiden, was mir guttut. Da ich schon immer ein Kopfmensch war und dies nicht unbedingt immer gutheißen wollte, konnte es nur richtig sein, den Kopf immer mal wieder abzuschalten.

Vertrauen geht nicht mehr

Die Konsequenzen dieser Herangehensweise sollte ich später erst erkennen. So wurden die gemeinsamen Probleme nicht weniger: Einer ungeheuren Menge an angestautem Frust gaben wir tagtäglich aufs Neue eine Bühne. Schlimmer noch, ein Streit war umso schneller provoziert, wenn wir auf dem Trockenen saßen. Es war eine sehr große, mit erbitterter Konsequenz durchgezogene Theateraufführung, von der alle im Freundeskreis und der Nachbarschaft etwas zu sehen bekamen, obwohl sie es definitiv nicht wollten. Das größte Problem war dabei, dass wir im Streit unsere gegenseitigen Positionen absolut nicht mehr verstanden, während sich unsere Frustrationsgrenze sehr unproportional zu unserer Konfliktbereitschaft entwickelte. Irgendwann war mein Partner für mich zum Phantom geworden, ich konnte ihn nicht erkennen und nicht fassen, ihm deswegen schon gar nicht vertrauen. Mich selbst konnte ich auch nicht mehr so richtig verstehen, war ich doch eigentlich stets gelassener Natur gewesen. Ohne diese Anhaltspunkte war es uns unmöglich, gemeinsam auf einen Nenner zu kommen und wir flohen weiter, vor uns selbst sowie vor eigenen und gemeinsamen Problemen.

Auseinandersetzen mit sich selbst

Dass der Stein bei mir dann erst so richtig ins Rollen kam, als das Gras für längere Zeit ausging, zeigte, wie sehr ich unterschätzte, welchen Einfluss mein Umgang mit dem Konsum auf mein Leben haben könnte. So merkte ich, dass ich das Kiffen nicht mehr nur wollte, weil es Spaß machte, sondern es brauchte, um zu funktionieren und gut drauf zu sein. Es hatte sich irgendwann tückisch eingeschlichen, dass der Freizeitspaß zum Mittel Realitätsflucht wurde. Die Ablenkung, die ich gewohnt war, um Zerstreuung zu bekommen, war mit einem Mal weg. Es ist schon komisch, mit wie viel freier Zeit man sich dann plötzlich konfrontiert sieht. Ich kam nicht drumherum, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. In den ersten Tagen war es mitunter am unangenehmsten, denn ich machte durchaus einen Entzug – wir hatten täglich konsumiert und schon das Einschlafen in den ersten Nächten war schier unmöglich.

Was war passiert?

Als ich eines Nachts zitternd und schwitzend auf dem Bett saß, dämmerte mir erst, wie häufig der Missbrauch von Cannabis und das daraus entstehende Abhängigkeitspotenzial durch meine Umgebung schon verharmlost wurde. Ich merkte, dass das Kiffen mir eine gefährliche Bequemlichkeit gegeben hatte, die es mir zumeist einfach machte, mich selbst zu belügen.

Das taten auch viele meiner Bekanntschaften gerne. Schockiert sah ich, was passieren kann, wenn das Gras knapp ist: Einige der vielen Kontakte in der neuen Stadt hätte ich durchaus gemieden, wären sie nicht der direkte Draht zum Dealer gewesen. So kam es, dass mein Freund und ich immer wieder bei Menschen ein- und ausgingen, mit denen wir uns eigentlich nicht im Geringsten identifizieren konnten und umgekehrt. Unser unfreundlicher Nachbar wurde plötzlich zuvorkommend, wenn er wusste, dass wir etwas zu rauchen hatten. So manche der neu geknüpften Kontakte waren oberflächlich und zielten nur direkt auf den einen Vorteil ab. So überlegte ich eines Tages tatsächlich, ob sich ein Besuch bei meinem wirklich guten Kumpel lohne, bei dem ich eben nicht rauchen konnte. Es hatte einen Beigeschmack von Verrat an mir selbst und meinen echten Freunden. Die Einsicht kam wie ein Kater nach einer viel zu langen Nacht: unbequem, unsortiert, schmerzhaft emotional.

Der Körper schreit

Rückblickend betrachtet war das der Anfang vom Ausweg aus meiner Zwickmühle. Ich wusste, dass ich das Rauchen nicht sofort sein lassen könnte, mit meiner neuen Wahrnehmung konnte ich aber zumindest versuchen, meinen Partner und die ganze Situation zu verstehen. Das versuchte ich ja schon die ganze Zeit beharrlich, zumindest dachte ich das. Denn während ich herausfand, dass ich nur verzweifelt versucht hatte, die Vertrauensbrüche meines Partners irgendwie mit meinen Maximen zu vereinbaren, um die Beziehung aufrechtzuerhalten, spitzte sich die Lage weiter zu. Als Folge des Verdrängens meiner psychischen Schmerzen drückten sich diese mittlerweile körperlich aus, in der Herzgegend, im Brustkorb. Ich bekam Angst davor, möglicherweise schwer krank zu sein – und wurde paranoid. Arztbesuche machte ich wöchentlich und meine Ärztin, die zwar nicht über meinen Graskonsum, wohl aber meine Beziehungsprobleme im Thema war, gab mir mit einem fast mütterlich-sorgsamen Blick immer wieder vorwiegend einen ganz bestimmten Ratschlag, den mir zu Herzen zu nehmen ich noch nicht bereit war.

Den Vorrat kriegt der Freund

Eines Abends musste ich mich zum dritten Mal beim Besuch gemeinsamer Freunde heimlich vom Wohnzimmer ins Bad begeben, weil ich eine Panikattacke bekam. Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle und wusste mir nicht mehr zu helfen. Am stärksten war dann die Angst, in wenigen Augenblicken zu sterben. Allgemein kamen meine Ängste und Sorgen immer öfter dann zutage, wenn ich konsumiert hatte. Um das zu vermeiden, konnte ich nur eine Konsequenz ziehen. Ich beschloss, mich zumindest vom Kiffen zu trennen. Meinen Vorrat von nicht geringer Menge überreichte ich schließlich meinem Freund. Dabei kann ich mich besonders gut an seinen misstrauischen Blick erinnern. Spätestens in diesem Moment merkte er, dass es um den anderen zu erreichen zu spät war. Tatsächlich dauerte es dann nicht mehr lange, bis ich mich auch von ihm trennte – noch unverhoffter als mein Entschluss, kein Gras mehr zu konsumieren.

Langgezogenes Ende

Keineswegs würde ich behaupten, dass Drogenkonsum diese Beziehung zerstört hat – es war der Drogenmissbrauch, der den Verlauf schleichend negativ beeinflusst. Zu einem früheren Ende, das ohnehin unausweichlich war, hat es aber vor allem an einem gefehlt: mangelnder Introspektive.

Als Mittel zum Zweck hatte ich Cannabis gewählt, bis ich nicht mehr klar beurteilen konnte, was in anderen, geschweige denn in mir selbst so genau vorgeht. Das machte die Sache schmerzvoller und zeitintensiver, als es vonnöten gewesen wäre. Nach der Beziehung nahm ich mir Zeit für mehr als ein Jahr, in welchem ich nicht konsumierte, bis sich der Nebelschleier auflöste.

Ich konnte mich wieder im Klaren mit mir selbst auseinandersetzen und eigene Konflikte lösen. Seitdem weiß ich, dass es mitunter das Wichtigste ist, einen ehrlichem Umgang mit sich selbst zu pflegen, egal was man verantwortungsbewusst genießen will.