Die Freiheit der Anderen

Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt, sagt Kant. „Leben und leben lassen“ und „jedem Tierchen sein Pläsierchen“ sind weitere Verlautbarungen derselben Botschaft. Wie könnte das auch für Cannabis gültig werden?

Jeder Mensch interpretiert die Sinnhaftigkeit seines Lebens unterschiedlich. Denn den einen und wahrhaftigen Sinn des Lebens gibt es nicht. Für den einen Menschen ist es das Erklimmen eines Berges, für den nächsten ist es, CEO einer Firma zu werden, und für jemanden ganz anderes ist es, ein spirituell erfülltes Leben zu führen – wie auch immer das aussehen mag. Deshalb ist in unserer offenen und liberalen Gesellschaft die Ausübung von sämtlichen Religionen, Sexualitäten, Künsten etc. erlaubt, so lange sie niemandem Fremden damit schaden.

Andererseits erscheint vielen eine Kommerzialisierung, also Werbung, Sonderangebote, Verfügbarkeit am Kiosk etc., auch nicht wünschenswert.

Allerdings gibt es da eine gravierende Ausnahme, und zwar bei den Drogen. Es gibt in unserer westlichen Gesellschaft, neben den verschriebenen Medikamenten, nur wenige psychoaktive Substanzen, die toleriert werden. Hier wären vor allem der Alkohol als leicht euphorisierendes Sedativum und Tabak und Koffein als kurz- bzw. langwirkende Stimulanzien zu nennen. Dass Menschen sich mit jenen Substanzen teilweise schaden, ist nicht zu bestreiten. Allerdings wäre es doch absurd, jemanden aufgrund einer Tasse Kaffee oder eines Glases Wein zu kriminalisieren.

Schade höchstens mir selbst

Die meisten Menschen, die Cannabis, illegale Stimulanzien, Psychedelika oder Opiate konsumieren, schaden niemandem, außer eventuell sich selbst – wobei jene Schädigung oftmals in den Medien übertrieben dargestellt wird. Theoretisch könnten die Medien dasselbe Drama bei einem Großmütterchen und ihrer Flasche Eierlikör machen, aber seit dem Ende der amerikanischen Prohibition (1920 bis 1933) ist das keine Schlagzeile mehr wert.

In der Vergangenheit gab es schon einige Verbote, die mehr Schaden als Nutzen angerichtet haben. Beispielsweise hat es bis 1994 gedauert, bis Homosexuelle nicht mehr vom Staat verfolgt wurden (vgl. § 175 StGB). Genauso wird bald die Zeit kommen, wo zumindest Cannabiskonsumenten, wie u. a. in den Niederlanden, Uruguay, Kanada und einigen US-Staaten, nicht mehr verfolgt werden. Aber was wäre generell eine vernünftige Methode, um mit Drogen umzugehen? Zahlreiche Studien und steigende Konsumentenzahlen belegen, dass ein Verbot nicht viel bringt. Andererseits erscheint vielen eine Kommerzialisierung, also Werbung, Sonderangebote, Verfügbarkeit am Kiosk etc., auch nicht wünschenswert. Die Konsequenzen konnte man in den letzten Dekaden bei Tabak, Energy- Drinks & Alkohol sehen. Aber warum ist überhaupt das Interesse an illegalen Drogen so groß?

Nicht jeder muss sich für Alkohol entscheiden

Heutzutage leben wir in einer Wissensgesellschaft, das heißt Menschen können sich frei und vielfältig über Substanzen informieren und anhand dieser Informationen entscheiden, was sie nehmen wollen. Wenn man sich über Wirkungen und Nebenwirkungen von 100 g Alkohol (z. B. ein Liter Wein), 100 mg MDMA (z. B. eine Ecstasy-Tablette), 30 mg THC (z. B. ein Hasch-Brownie) und 0,1 mg LSD (z. B. ein Ticket) informiert, liegt es nahe, dass sich nicht jeder für die 100 g Alkohol entscheiden wird.

Allein deshalb müssen die Strukturen, in denen mit Drogen gehandelt wird, umgekrempelt werden. Cannabis sollte an aufgeklärte Erwachsene in Fachgeschäften verkauft werden. Heroin könnte andererseits auf Rezept an Menschen mit entsprechender Suchtproblematik abgegeben werden, und zwar zusammen mit Angeboten für Therapie, Substitution und natürlich Safer-Use-Guidelines. In vielen Ländern gibt es bereits erfolgreiche Pilotprojekte dazu. Spannend für viele Konsumenten sind zudem Substanzen wie Partydrogen (MDMA, Speed etc.) und Psychedelika (psilocybinhaltige Pilze, LSD etc.), die viele von der Gefährlichkeit zwischen Cannabis und Heroin einstufen würden.

„Licence to Trip“

Hier könnte ein „Drogenführerschein“ eingeführt werden. Ähnlich wie beim Pkw-Führerschein oder beim Jagdschein könnte man Kurse belegen, sich prüfen und evtl. ein medizinisches Gutachten erstellen lassen. In der Probezeit gibt es maxi mal einmal im Monat eine kleine Portion psilocybinhaltige Pilze oder MDMA, während man später auch höhere Dosierungen oder bei Aufbaukursen Ketamin, LSD oder Speed erhalten könnte. Natürlich lässt sich nicht hundertprozentig ausschließen, dass einzelne Dosen mal an Menschen ohne „Licence to Trip“ gelangen, aber aktuell werden jene Substanzen ohne jegliche Kontrolle vertrieben, und zwar in Parks und auf Schulhöfen. Das ist auch der Grund, warum diese Substanzen, die unseren Medikamenten und Genussmittel nicht unähnlich sind, mit solch einer Gefahr assoziiert sind.

Theoretisch könnten die Medien dasselbe Drama bei einem Großmütterchen und ihrer Flasche Eierlikör machen.

Illegale Substanzen wie MDMA, THC und LSD bergen Gefahren, die nicht im pharmakologischen Profil der jeweiligen Substanz zu finden sind. Zum einen wird aufgrund der harschen Interpretation des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) jeder Konsument indirekt zum Kriminellen, was zur Strafverfolgung etc. führt. Zum anderen sind die Darreichungsformen von MDMA, THC und LSD nicht mit unseren Produkten aus der Apotheke vergleichbar.

Kräuter, versetzt mit synthetischen Cannabinoiden

Denn auch wenn das Wort „Rauschgift“ es impliziert, die meisten Drogen führen nicht zu Vergiftungen bei normaler Dosierung.

Bei Ecstasy-Tabletten variiert der MDMA-Gehalt stark, aber es sind leider auch gefährlichere Substitute wie PMA zu finden. Bei Cannabisblüten und -harz stellen ebenfalls Streckmittel (Blei, Zucker, Haarspray etc.), Verunreinigungen (insbesondere Schimmel) und Falsifikate (d. h. Kräuter, versetzt mit synthetischen Cannabinoiden) ein Problem dar. Viele Todesfälle und Behandlungen in der Intensivstation lassen sich darauf zurückführen. Somit sind viele Intoxikationen und Überdosen durch illegale Drogen vermeidbar. Denn auch wenn das Wort „Rauschgift“ es impliziert, die meisten Drogen führen nicht zu Vergiftungen bei normaler Dosierung.

Kollegen, Freunde und Familie werden diskriminiert

Insbesondere Cannabis hat sich als eine sehr sichere Droge herausgestellt. Es ist quasi wissenschaftlicher Konsens, dass Cannabis weniger gefährlich als Alkohol ist (laut EMCDDA 2017), was wahrscheinlich zu seiner Beliebtheit beiträgt. Ca. 3,5 Prozent der Bundesbürger haben alleine im letzten Monat Cannabis konsumiert.

Diese Zahl ist ein guter Indikator für gelegentliche/regelmäßige Konsumenten und soll zeigen, wie viele Kollegen, Freunde und Verwandte vom Staat diskriminiert werden. Falls jemand behauptet, dass Cannabis in seinem/ihrem Bekanntenkreis keine Rolle spielt, dann liegt es höchstwahrscheinlich daran, dass Menschen nicht offen mit ihrem Konsum umgehen – was ja auch aufgrund von Führerschein- und Jobverlust verständlich ist.

Hin zur Normalisierung

Es ist ein langer Weg aus der Stigmatisierung von Konsumenten heraus, aber Aufklärung auf pharmakologischer/toxikologischer Basis ist ein Weg, den ich aufgrund meines Hintergrunds gerne beschreite. Kein Molekül ist von sich aus böse. Im Gegenteil vermögen die meisten Drogen sehr viel Positives zu bewirken.

Deshalb werden auch fast aus jeder Substanzklasse Substanzen in der Medizin genutzt: Cannabis, Opiate, Amphetamine etc. Ein weiterer Weg, um die Stigmatisierung zu bekämpfen, ist die Normalisierung. Wir brauchen einen Bürgermeister, der à la Klaus Wowereit sagt: „Ich bin Kiffer, und das ist auch gut so!“

Gras als Reminiszenz an die Jugend

In den USA ist gerade Cannabis sehr populär bei den sogenannten Baby-Boomern, also jenen, die jetzt 50 Jahre und älter sind. Cannabis hilft ihnen beim Entspannen und wirkt gegen leichte Schmerzen und Schlafstörungen – und erinnert sie wahrscheinlich an ihre etwas wildere Jugend. Diese Konsumenten, also gestandene Manager, Ingenieure, Ärzte etc., helfen dabei, das Bild von Cannabis zu verbessern.

Die Freiheit der einen (der Prohibitionisten) schadet also den anderen (den Konsumenten). Aber jene unterdrückende Freiheit schadet auch der Gesellschaft insgesamt: Organisierte Kriminalität wird indirekt aber nichtsdestotrotz stark gefördert, was zu Gewalt und Ghettoisierung führt. Aber des Weiteren werden Steuereinnahmen in Milliardenhöhe verschwendet und versäumt, wie der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Haucap kürzlich in einem Interview beschrieb, die dann wiederum in sozialen Ausgaben wie Bildung, Infrastruktur, Gesundheit etc. fehlen. Das Thema betrifft also wirklich jeden, ob er sich bezüglich seiner Freiheit übergangen fühlt oder nicht.

Abkürzungsverzeichnis
CEO: Chief Executive Officer (Geschäftsführer)
DHV: Deutscher Hanfverband
EMCDDA: European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction
LSD: Lysergsäurediethylamid
MDMA: 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin
PMA: para-Methoxyamphetamin
THC: Tetrahydrocannabinol
UN: United Nations (Vereinte Nationen)