DER SCHLÜSSEL PASST!

Cannabis wirkt in einem riesigen Spektrum an Krankheiten und Beschwerden. Und warum? Weil unser Körper im Grunde genau dafür gemacht ist: Die Cannabinoide der Pflanze haben ein Pendant, nämlich körpereigene Endocannabinoide. Dass es ein Endocannabinoidsystem gibt, weiß man schon seit 25 Jahren. Jetzt kommt allmählich Schwung in die Sache.

Egal ob man jemals einen Joint geraucht hat oder nicht: Wir alle tragen Cannabinoide in uns. Die mischen mit im Endocannabinoidsystem, das an vielen Regulationen beteiligt ist – unter anderem, wenn es um Schmerz, Schlaf, Appetit, Stimmung oder Immunabwehr geht.

Den Namen verdankt dieses System tatsächlich der Cannabispflanze: 1990 konnten Spezialisten für die Erforschung der Gehirnanatomie einen Rezeptor ausfindig machen, an den THC – das bekannteste Cannabinoid – andockte. Daraus ergab sich die Frage, ob es für diesen Rezeptor auch körpereigene Überträgerstoffe gibt – warum sollte es sonst ein Schloss geben, wenn es keinen eigenen Schlüssel gibt? 1992 entdeckte man dann das erste körpereigene Cannabinoid Anandamid (Sanskrit für „innere Glückseligkeit“), das man als Endocannabinoid bezeichnete.

Anandamid spielt eine Rolle bei der Regulierung des Appetits, bei Gefühlen wie Freude, Dankbarkeit. Und man nimmt an, dass es bei Schmerzen, Schlaf und hormonellem Gleichgewicht hilfreich mitwirken kann. Auch wenn die Rezeptoren des Endocannabinoidsystems nicht speziell für Cannabis, das ja von außen dem Körper zugeführt wird, angelegt sind, kann dieses System genutzt werden, um Missverhältnisse verschiedener anderer Überträgerstoffe günstig zu beeinflussen. Das Endocannabinoidsystem scheint also eine regulierende Funktion zu besitzen. Zum Vergleich: Es gibt auch Opioid-Rezeptoren, die sowohl von den dem Körper zugeführten als auch von körpereigenen Stoffen, z. B. den Endorphinen angeregt werden.

VERSTRICKT IN VIELE KÖRPERFUNKTIONEN

Die wichtigste Rolle des komplexen Endocannabinoidsystems scheint die Aufrechterhaltung und Wiederherstellung der Homöostase – eine gesunde Balance vieler Körperfunktionen – zu sein. Störungen des Endocannabinoidsystems können zu Gedächtnisstörungen, Neurodegeneration, Schmerz, Herzkrankheiten, Allergien und Osteoporose führen. Umgekehrt konnte man in Studien beobachten, dass bei Parkinson, Arthritis und chronischen Schmerzen die Endocannabinoide höhere Werte zeigten – vermutlich ist das ein Zeichen, dass dies der Körper mithilfe des Systems versucht zu regulieren.

Der menschliche Körper verfügt über verschiedene Systeme, über die Informationen transportiert werden. Eine Form der Kommunikation zwischen den Zellen läuft über das Zusammenspiel von Überträgerstoffen und Rezeptoren. Der Botenstoff dockt an einen Schlüssel, den sogenannten Rezeptor, an und löst so eine Reaktion der Zelle aus.

WO IM KÖRPER WIRKT ES?

Bislang konnten zwei verschiedene Cannabinoid-Rezeptoren identifiziert werden, die nach der Reihenfolge der Entdeckung in Cannabinoid-Rezeptor 1 (CB1-Rezeptor) und Cannabinoid-Rezeptor 2 (CB2-Rezeptor) eingeteilt wurden. Zunächst ging man davon aus, dass der Cannabinoidrezeptor nur im Gehirn zu finden ist. Die CB-Rezeptoren sind aber auf verschiedensten Zellen im gesamten Körper verteilt.

CB1-Rezeptoren sind außer im Gehirn noch im Magen-Darm-System, in den Atemwegen, den Reproduktionsorganen, in Muskulatur, Knochen und Haut sowie in verschiedenen Drüsen zu finden. CB2-Rezeptoren konnte man auf Zellen des Immunsystems, den blutbildenden Zellen sowie auf den Stützzellen im Gehirn nachweisen. Das ist ein Hinweis, warum Cannabis potenziell auf so vielen Ebenen wirksam sein kann. Ein wichtiger Fakt: Im Hirnstamm, wo die lebenswichtigen Funktionen wie Atmung und Herzschlag gesteuert werden, befinden sich – im Gegensatz zu Opioid-Rezeptoren – kaum Andockstellen für Cannabinoide. Aus diesem Grund gibt es keine nachgewiesenen Todesfälle wegen einer Cannabis-Überdosierung. Ein großer Vorteil für den medizinischen Einsatz.

NOCH KEIN GRUNDLAGENWISSEN

Die medizinische Lehre ist von dem Wissen um das Endocannabinoidsystem weitestgehend unberührt. Im Studium und auch in der Weiterbildung zum Facharzt wird nicht thematisiert, dass Cannabis therapeutisches Potenzial hat. Cannabisgebrauch wird auf dem psychiatrischen Fachgebiet als Diagnose einer Suchterkrankung betrachtet. Ein Hauptgrund dafür, dass andere Fachrichtungen sich der Option Cannabis als Medizin oft verschließen.

Daher existieren auch kaum repräsentative klinische Studien (außer zu Epilepsie) – wohl aber vielversprechende Tier- und Laborexperimente und tausendfache Einzelfallberichte. Ärzte, die Cannabis verschreiben, arbeiten momentan auf der Grundlage dieser Werte, eigenständiger Wissensaneignung und ihrer Praxiserfahrung.