Der Empath

Kleinbauer, Revolutionär, Präsident: José „El Pepe“ Mujica rückte Uruguay mit seiner visionären Politik in das Rampenlicht der Weltbühne. Als er 2013 die Legalisierung von Cannabis als Vorreiter mit seiner Unterschrift wahr machte, tat er das mit Bedacht und Kontrolle. Ein Porträt.

Bescheidenheit, Vernunft, Pragmatismus, Widerstand, einfache Prinzipien, Menschenliebe, Mitgefühl, Mut. Es gibt unzählige Eigenschaften, mit denen sich „Pepes“ Charakter beschreiben lässt. Eigenschaften, die weit über parteipolitische Perspektive hinausgehen. Mit seinem erfrischenden persönlichen Ethos machte Pepe Mujica aus Uruguays öffentlicher Ordnung eine der fortschrittlichsten Lateinamerikas. Im August 2014 war Uruguay die erste Nation, die Cannabis legalisierte. Doch Pepe Mujica ist viel mehr als ein Politiker, der den Cannabiskonsum und -anbau für die uruguayische Gesellschaft normalisierte. Er ist viel mehr als ein Politiker, der die Vision hatte, Cannabis für das Wohl seines Landes zu nutzen. Heute, in „postfaktischen“ Zeiten des Populismus, ist Mujica ein erfrischendes Gegenstück zur Politik des Eigennutzes. Mujica, der bescheidene Held aus dem wahren Leben, dessen Laufbahn wie aus einem faszinierend magischen und tragischen Roman ausgeschnitten scheint.

Das Krisenkind

José Alberto „Pepe“ Mujica Cordano wurde 1935 als Sohn ärmlicher europäischer Einwanderer in Montevideo geboren und wuchs zwischen Weinbergen und Fahrradclubs auf.

Die uruguayische Gesellschaft war zu diesem Zeitpunkt stark landwirtschaftlich geprägt und wies ein hohes Maß an sozioökonomischer Ungleichheit auf, wie es heute noch in den meisten lateinamerikanischen Ländern der Fall ist. Im Zweiten Weltkrieg und im Koreakrieg lieferte Uruguay Wolle, Leder und Rindfleisch an die Alliierten und avancierte so zum Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen in Lateinamerika.

Mitte der 1950er Jahre erlebte Uruguay jedoch einen intensiven Rückgang der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion, der sich in eine zwanzigjährige Krise ausweitete. Während der turbulenten 1960er Jahre suchte ein Großteil der Welt nach sozialen, kulturellen und politischen Veränderungen. Obwohl das Land damals halb isoliert war, kämpften auch die Menschen in Uruguay für den sozialen Wandel.

Der Revolutionär

Mitte der 1960er Jahre schloss sich Pepe Mujica einer neuen klandestinen Widerstandsorganisation an, dem „Movimiento de Liberación Nacional – Tupamaros“ (Nationale Befreiungsbewegung). Die Tupamaros waren eine aus gewerkschaftlichen Elementen geformte Stadtguerilla, die sich Anfang der 1960er noch gegen den bewaffneten Kampf und Gewalt aussprach – und eher als politische Bewegung mit provozierender Öffentlichkeitsarbeit auf Montevideos Straßen unterwegs war. Als die Regierung jedoch politische Gefangennahmen, Folter und gewaltsame Niederschlagung von Protesten durchführte, radikalisierten sich die Tupamaros. Inspiriert von der kubanischen Revolution, führte Mujica 1969 einen bewaffneten Angriff auf einen strategischen Telefonknoten in der Nähe der Hauptstadt an.

1970 wurde Mujica in einer Bar von der Polizei gestellt und angeschossen. In seiner Haftzeit zwischen 1970 und 1972 gelang es ihm und anderen Tupamaros zweimal, aus dem Gefängnis auszubrechen, indem er mit hunderten Kameraden einen Tunnel grub, der in das Wohnzimmer eines nahe gelegenen Hauses führte. Schließlich wurde er 1972 wieder verhaftet. Dieses Mal sollten Mujica und acht weitere Tupamaros unter verschärften militärischen Haftbedingungen festgehalten werden. Wie es das Schicksal wollte, stürzte das uruguayische Militär 1973 die Regierung und etablierte eine Militärdiktatur im Land.

Der Gefangene

José Pepe Mujica verbrachte die nächsten 13 Jahre in Militärhaft. Eine Zeit, die den revolutionären Funken in ihm nahezu komplett auslöschte. Abgeschottet von allem und jedem, in Einzelhaft auf einem heruntergekommenen Pferdewassertrog, litt Pepe Mujica unter Paranoia und damit verbundenen akustischen Halluzinationen. Die meiste Zeit seiner Haft befand er sich in völliger Dunkelheit. Erst mit dem Amnestiegesetz von 1985 und der Wiederherstellung der konstitutionellen Demokratie wurde Mujica aus seinem ländlichen Kerker entlassen. Über diese dunkelste Zeit seines Lebens sagte er hinterher: „Der Mensch ist gesellig und kann nicht ohne andere leben“ und „Einsamkeit ist nach der Todesstrafe eine der härtesten Strafen“.

Der Politiker

Diese lange, unmenschliche Erfahrung der Einzelhaft und regelmäßigen Folter hinderte Mujicas politischen Aktivismus erstaunlicherweise nicht. Einige Jahre nach der Wiederherstellung der Demokratie gründete er zusammen mit mehreren anderen Ex-Tupamaros sowie weiteren progressiven Mitbürgern den „Movimiento de Participación Popular“, die Bewegung der Volksbeteiligung (MPP), die sich später in die „Frente Amplio“ (FA) oder „Breite Front“ umbenannte – Mujicas heutige Partei. 1994 gewann Pepe Mujica seine erste Wahl zum Abgeordneten und wurde fünf Jahre später zum Senator gewählt. Dank Mujicas Persönlichkeit erhielt die MPP weiterhin zunehmend Stimmen und Unterstützung. Dieser Schwung fortschrittlicher politischer Kraft, der von Mujica verkörpert wurde, setzte sich 2005 fort, als die FA die Präsidentschaft gewann. Das erste Mal seit einhundert Jahren, dass eine Gegenpartei in Uruguay den Wahlsieg einfuhr. Präsidenten wurde Tabaré Vazquez, der José Pepe Mujica zum Landwirtschaftsminister ernannte.

hliche Erfahrung der Einzelhaft und regelmäßigen Folter hinderte Mujicas politischen Aktivismus erstaunlicherweise nicht. Einige Jahre nach der Wiederherstellung der Demokratie gründete er zusammen mit mehreren anderen Ex-Tupamaros sowie weiteren progressiven Mitbürgern den „Movimiento de Participación Popular“, die Bewegung der Volksbeteiligung (MPP), die sich später in die „Frente Amplio“ (FA) oder „Breite Front“ umbenannte – Mujicas heutige Partei. 1994 gewann Pepe Mujica seine erste Wahl zum Abgeordneten und wurde fünf Jahre später zum Senator gewählt. Dank Mujicas Persönlichkeit erhielt die MPP weiterhin zunehmend Stimmen und Unterstützung. Dieser Schwung fortschrittlicher politischer Kraft, der von Mujica verkörpert wurde, setzte sich 2005 fort, als die FA die Präsidentschaft gewann. Das erste Mal seit einhundert Jahren, dass eine Gegenpartei in Uruguay den Wahlsieg einfuhr. Präsidenten wurde Tabaré Vazquez, der José Pepe Mujica zum Landwirtschaftsminister ernannte.

Sein egalitärer Modus Operandi machte ihn immer beliebter im Land.

Der Ministerposten ebnete den Weg für Mujicas Aufstieg zur höchsten politischen Position im Land: der Präsidentschaft der Republik Uruguay. Wen gab es Besseres, der die Menschen in Uruguay in landwirtschaftlichen Angelegenheiten vertreten konnte? Mujica selbst ist auf dem Land groß geworden und kannte die Probleme der Agrikultur. Sein egalitärer Modus Operandi machte ihn immer beliebter im Land. Also kandidierte er für die Präsidentschaftswahl und erhielt im ersten Wahlgang im Oktober 2009 48 Prozent der Stimmen.

Der Präsident

Als Präsident war Pepe Mujica beeindruckend pragmatisch, obwohl er von der politischen Linken kam, deren Vertreter zu der Zeit oftmals als Utopisten oder Weltfremde gesehen wurden. Mujica ging es darum, die Durchschnitts-Uruguayer zu erreichen. Es heißt, während seiner Präsidentschaft von 2010 bis 2015 soll er mehr für seine Bürger getan haben, als alle früheren Präsidenten der letzten achtzig Jahre zusammen.

Was Mujica von anderen unterscheidet, ist nicht nur sein charismatischer Sprachstil, seine Rhetorik und seine politischen Diskurse. Er setzte seine Ideen eben auch konkret um. Die Erfüllung politischer Versprechen ist heutzutage in den meisten politischen Umfeldern überschaubar. Mujica konnte nicht nur versprechen, er konnte seine Versprechen auch halten.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) bezifferte die Arbeitslosigkeit Uruguays im Jahr 2015 mit 6,9 Prozent. Die Arbeitslosigkeit lag 2005, vor Mujicas Präsidentschaft, bei ganzen 22 Prozent. Wie bereits erwähnt, war die Ungleichheit seit Jahrzehnten eine große Herausforderung für die uruguayische Gesellschaft und von 2002 bis 2011 hatte Uruguay den niedrigsten Gini-Koeffizienten (Grad der Ungleichkeit in der Einkommensverteilung) in ganz Südamerika. Zusammen mit anderen Verbesserungen brachte die Politik Mujicas ein Wirtschaftswachstum, das Uruguay bis heute erlebt: Zwischen 2010 und 2013 stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf um 193 Prozent.

Darüber hinaus brachte Mujica im Einklang mit seinen Prinzipien des sozioökonomischen Pragmatismus neue soziale Rechte hervor, die dazu beitrugen, Uruguay zu einer modernen souveränen Nation im Sinne des Völkerrechts zu machen. Mit seiner Vision wurde Uruguay nach Argentinien das zweite Land in Lateinamerika, das die homosexuelle Ehe erlaubte, und das dritte Land nach Kuba und Puerto Rico, das die Abtreibung legalisierte.

Er zog es vor, seinen alten VW-Käfer zu fahren, anstatt Steuergelder zu verschwenden.

Der Durchschnittsbürger

Aber was Mujica noch untypischer macht, ist, dass er nach seinem Amtsantritt die eklatanten luxuriösen Vorteile, die uruguayischen Politikern seit jeher gewährt wurden, ablehnte: luxuriöse Villen, ein privater Chauffeur, überhöhte Gehälter. Die allgemeine institutionalisierte Korruption bekämpfte er. Mujica blieb volksnah. Er zog es vor, seinen alten VW-Käfer zu fahren, anstatt Steuergelder zu verschwenden. Als Präsident spendete Mujica 90 Prozent seines Gehalts für wohltätige Zwecke. Und: José Pepe Mujica bekämpfte das organisierte Verbrechen, um dessen Gewinne in Profit für sein Land umzuwandeln, für eine Pflanze: Cannabis.

Der Pionier

Cannabis war seit Jahrzehnten das am häufigsten konsumierte Rauschmittel in Uruguay und wie überall auf der Welt vom organisierten Verbrechen kontrolliert. Mujicas Legalisierungsprinzip war eine logische Konsequenz: Wenn irgendjemand im Land Geld durch den Verkauf von Cannabis machen sollte, dann ja wohl bitte der Staat. Der Pionier wusste um die weltweite Stigmatisierung des Cannabiskonsums und erkannte früh, dass die Diskussion um die Legalisierung zunehmend zu einem internationalen persönlichkeitsrechtlichen Thema wurde.

Seine Position zur Legalisierung brachte er aus einer sehr globalen Sichtweise auf den Punkt: „Uruguay will einen Beitrag für die Menschheit leisten.“ Der Mut, den Mujica für die Legalisierung aufbrachte, war enorm. Uruguay, die kleine Nation, die sich gegen die institutionalisierte Maschinerie eines weltweiten Verbotsregimes durchsetzte. Gegen das 1961 von vielen Ländern und 1975 von der damaligen Militärdiktatur Uruguay unterzeichnete „Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel“ der Vereinten Nationen (UN). David gegen Goliath.

Sofort nachdem Mujica 2012 seine kühnen Pläne zur Legalisierung von Cannabis ankündigte, schlug ihm von allen Seiten rauer Wind entgegen. Zahlreiche Regierungen, allen voran die USA, übten zusammen mit anderen internationalen Organisationen, wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), enormen Druck auf den Präsidenten aus, seine Meinung zu ändern.

Ohne Erfolg: Mujicas Gedanken über die Legalisierung intellektualisierten sich immer mehr – bis es für ihn nur noch einen logischen Schluss gab.

Uruguay wurde zum weltweiten Cannabispionier. Etwas radikal, ohne Volksabstimmung, legalisierte Mujica Cannabis in seinem Land. Er war ein Visionär, der auf einer ganz anderen Ebene über die Dinge nachdachte als andere Politiker. Das Volk stellt und kontrolliert die Regierung. Die Regierung kontrolliert Cannabis. Um einen „Kiffer-Tourismus“ zu vermeiden, ist der Kauf und persönliche Anbau für Ausländer verboten. Auch der Export sollte zumindest anfangs verboten sein. Mujica kennt seine Landsleute gut. Er wusste, dass er die Dinge langsam angehen musste.

Der System-Alternative

Im Gegensatz zu Kanadas hyperkapitalistischem Exportregime ist der Umgang mit Cannabis in Uruguay von der Regierung kontrolliert und nicht auf den Prinzipien des „freien Marktes“ basiert. Das steht auch im Gegensatz zu einigen Bundesstaaten in den USA, wie Colorado, wo sich Cannabis trotz des Verbots auf Bundesebene zu einem Produkt entwickelt, das sich auf Profit und nicht auf das uneigennützige Wohl der Gesellschaft konzentriert. Ganz vom Profit lösen kann sich allerdings auch Uruguay nicht. In jüngster Zeit versucht das Land, in das Exportgeschäft einzusteigen, bevor andere Niedrigpreisproduzenten wie Kolumbien, Mexiko oder Jamaika ihre eigenen legalisierten Exportpläne starten.

Dennoch bleibt Uruguays Cannabismodell ein stark kontrolliertes System, bei dem sich die Kunden bei der Regierung registrieren müssen und Kaufbeschränkungen von zehn Gramm pro Woche haben. Cannabis in Uruguay soll eine gute Qualität haben und nicht zu stark sein. Trotz oder gerade wegen dieses langsamen, maßvollen Ansatzes der Legalisierung ist die Unterstützung in der Gesellschaft, sowohl für medizinischen als auch für Freizeitkonsum, auf ein nie dagewesenes Niveau gestiegen. Mujicas ruhige, pragmatische und ausdauernde Politik schaffte für die ganze Welt den Wendepunkt.