DER APPROBIERTE TOXIKOLOGE

Unser Gastautor und promovierter Toxikologe Dr. Pierre Tailleur vertritt eine radikale Meinung. Im Grunde ist es aber die schlüssige Konsequenz der Legalisierung: Drogengebrauch nicht zu kriminalisieren, sondern professionell zu betreuen und am Ende den Konsumenten in die Selbstverantwortung zu entlassen. So wird man denen gerecht, die Drogen als Medikament nutzen, aber auch denen, die den Rausch suchen. Es mag ein bisschen überfordern, sich vorszustellen, dass jeder sich Heroin oder Crystal Meth an der nächsten zertifizierten Stelle abholen kann – und nicht mal einen Rüffel bekommt. Andererseits hat die Geschichte immer wieder gezeigt: Aufklärung schützt vor Missbrauch.

DER APPROBIERTE TOXIKOLOGE WÜRDE wOHL KAUM EINEM NICHT-ABHÄNGIGEN MENSCHEN HEROIN VERSCHREIBEN.

Rund um das Thema Gesundheit und Drogen stelle ich immer wieder fest, dass viele Institutionen nicht das machen, wofür sie eigentlich gedacht sind. Manche Institutionen fehlen sogar gänzlich in unserem sozialen Gefüge. Die Art und Weise wie Drogen, Genussmittel und Medikamente reguliert werden, ist historisch gewachsen. Also wie werden jene Substanzen reguliert und vertrieben? Da das Thema sehr komplex ist, muss ein wenig ausgeholt werden.

Die Aufgaben von Ärzten und Apothekern sind den meisten Menschen mehr oder weniger klar. Ärzte diagnostizieren Krankheiten und verschreiben entsprechende Medikamente. Apotheker machen die Medikamente in entsprechender Dosierung und unter Berücksichtigung potenzieller Wechselwirkungen dem Patienten zugänglich.
Alkohol-, nikotin- und koffeinhaltige Produkte werden zumeist in normalen Geschäften vertrieben. Obwohl es Altersbeschränkungen für entsprechende Produkte gibt, ist eine fachliche Beratung eher die Ausnahme und nicht vom Gesetzgeber vorgesehen. Diese legalen Drogen gehören prinzipiell nicht in den Supermarkt. Natürlich kann man keine trennscharfe Linie zwischen Lebensmitteln und Drogen ziehen, dennoch muss jeder ehrlich eingestehen, dass mit hochprozentigem Alkohol viel Unheil geschehen kann. Auch Produkte mit hohem Koffeingehalt kommen immer öfter in die Schlagzeilen. Es liegt nahe, dass diese Produkte eher in die Apotheke gehören als in den Supermarkt. Ich sehe da noch eine weitere Möglichkeit, eine zusätzliche Institution: den approbierten Toxikologen.

HEROIN ALS NARKOTIKUM

Kommen wir nun zu dem Punkt, den die meisten Menschen (fälschlicherweise) mit Drogen assoziieren. Illegale Drogen, wie z. B. Cannabis, Amphetamin oder Heroin. Chemisch unterscheiden sich diese Stoffe nicht von gängigen Medikamenten. Prinzipiell könnte man Cannabis als Schmerz- und Schlafmittel, Amphetamin gegen Fatigue und ADHS, und Heroin als Narkotikum bei Operationen anwenden. Ge- und Missbrauch von Drogen sind also, pharmakologisch/biochemisch gesehen, nichts anderes als Ge- und Missbrauch von Medikamenten. Es gibt Menschen, die bekämpfen ihren Stress mit Alkohol, mit Cannabis oder mit Psychopharmaka. Bei der Entscheidung, was man gibt bzw. nimmt, sollte an erster Stelle das individuelle Kosten-Nutzen-Verhältnis stehen – und nicht Steuereinnahmen oder Verträge mit Pharmafirmen. Da man prinzipiell so gut wie jede illegale Droge, sofern Gesetze entsprechend angepasst würden, verschreiben könnte, stellt sich die Frage: Warum überlässt man diesen riesigen Markt der organisierten Kriminalität? Der Schwarzmarkt hat keine Qualitätskontrolle, keinen Jugendschutz und vor allem keine Skrupel.

ALLE DROGEN SIND AUCH MEDIKAMENTE.

ALKOHOL GEHÖRT DAZU

Wie sollten also Menschen beispielsweise an Cannabis, Ecstasy (MDMA) etc. gelangen? Wenn ein therapeutisches Ziel erreicht werden soll, plädiere ich für die oben erwähnte Kombination aus Arzt und Apotheker. Der Arzt verschreibt ein Schmerzmittel und der Apotheker besorgt z.B. das Cannabis, oder der Arzt bestellt MDMA (z.B. für eine psychotherapeutische Sitzung) beim Apotheker. Wenn es allerdings um die Anwendung zu Rausch- und Genusszwecken geht (inklusive Alkohol, Nikotin und hochdosiertem Koffein), plädiere ich für den „approbierten Toxikologen“. Ähnlich wie Marihuana-Apotheken in den USA sollten beim approbierten Toxikologen alle Rauschmittel ausschließlich an volljährige und mündige Bürger abgegeben werden. Gründliche Aufklärung und Beratung (Safer-Use, potenzielle Wechselwirkungen, Suchtgefahr etc.) sowie intensive Gespräche beim Verdacht auf Missbrauch wären die Hauptverantwortung der approbierten Toxikologen. Auch physische und psychische Gesundheitschecks wären möglich, um Missbrauch vorzubeugen. Somit könnten in vielen Fällen das Einschleichen einer Sucht oder sogar fatale Nebenwirkungen verhindert werden. Wohlgemerkt, nur durch die regulierte Abgabe von Drogen kann der Schwarzmarkt in solch einem Maße ausgetrocknet werden, dass damit ein entsprechender Jugend-, Patienten- und Bürgerschutz einhergeht.

ÄRZTE WÜRDEN SICH SCHWERTUN

Was die Ausbildung zum „approbierten Toxikologen“ angeht, sollte man sich an dem Medizin- und Pharmaziestudium und der anschließenden Approbation ein Beispiel nehmen. Ein Studium auf Diplom oder M.Sc. in Biologie, Chemie, Pharmazie oder anderen eng verwandten Disziplinen könnte die Zulassungsvoraussetzung für eine beispielsweise einjährige Vollzeitausbildung zum approbierten Toxikologen sein. Die Ausbildung könnte eine Auffrischung relevanter naturwissenschaftlicher Sachverhalte, Stoffkunde, Suchtpsychologie und Grundlagen in relevantem Recht beinhalten. Nach erfolgreichem Abschluss wäre man dann ein „approbierter Toxikologe“.
Dass Ärzte und Apotheker sich schwertun würden, Substanzen zu vertreiben, die medizinisch nicht notwendig erscheinen, aber dennoch Risiken bergen, ist mehr als wahrscheinlich. Genau deshalb wird eine neue Instanz benötigt, die eine Alternative zum Schwarzmarkt bietet, welche zudem noch aufklärt und versucht, dem Schlimmsten, also Sucht, Überdosierung, Infektionen etc., vorzubeugen. Auch wenn das Hauptziel ist, so wenig wie möglich an gefährlichen Substanzen abzugeben, bietet doch jedes so erworbene Gramm immense Vorteile: Die exakte Substanz, die Konzentration etc. ist bekannt und bei Komplikationen kann schneller und besser agiert werden. Die Steuereinnahmen könnte man beispielsweise in Prävention und Therapie fließen lassen.

SCHWARZMARKT LAHMLEGEN

WARUM ÜBERLÄSST MAN DIESEN RIESIGEN MARKT DER ORGANISIERTEN KRIMINALITÄT?

Alle Drogen sind auch Medikamente. Heroin ist heutzutage vor allem ein Medikament für Heroin-Süchtige. Jeder kranke Mensch hat ein Recht auf die Medikamente, die er braucht. Das heißt, die Abgabe ist vereinbar mit den Grundsätzen unserer Gesundheitspolitik. Was das Recht auf Rausch angeht, sieht die Sache etwas komplizierter aus. Dennoch kämpfen viele Legalisierungsbefürworter direkt oder indirekt gegen Missbrauch und Sucht. Denn nur wenn man den Schwarzmarkt austrocknet, kann man vermeiden, dass Drogen in großem Maße in die falschen Hände geraten. Jeder approbierte Toxikologe, dem etwas an seiner Approbation liegt, würde wohl kaum einem nicht-abhängigen Menschen Crystal-Meth oder Heroin verschreiben, ein Dealer schon. Jene Dealer interessieren sich auch nicht für den Gesundheitszustand, die psychische Situation oder das Alter ihrer Kunden. Spannend wird es, wenn es darum geht, einen Kompromiss zwischen restriktiver Drogenvergabe und signifikanter Eindämmung des Schwarzmarkts zu finden, der den mündigen Bürger dennoch nicht seiner Freiheit, seinem Recht auf Rausch, beraubt.