DEN HIMALAYA IM RÜCKEN

IN DEN 60ER JAHREN ZOG ES DIE HIPPIES IN SCHAREN IN DIE NEPALESISCHE HAUPTSTADT KATHMANDU AUF 1.300 METERN ÜBER DEM MEERESSPIEGEL. DIE EINHEIMISCHEN STÖRTEN SICH WENIG AN DEN SCHRÄGEN VÖGELN MIT VORLIEBE FÜR CANNABIS AUS DEM HIMALAJA. DIE GLANZZEIT HAT DIE BELIEBTE „FREAK STREET“ ZWAR HINTER SICH, DAS FLAIR IST ABER NOCH ZU SPÜREN, WIE UNSER GASTAUTOR AM EIGENEN LEIB ERLEBTE.

KATMANDU I‘LL SOON BE SEEING YOU AND YOUR STRANGE BEWILDERING TIME WILL HOLD ME DOWN”
CAT STEVENS – KATHMANDU, 1970

Cat Stevens hat es nie geschafft. Das, was vom US-amerikanischen Liedermacher der 1960er und 70er Jahre Kathmandu am nächsten kam, war die eigene Fantasie. Doch Cat Stevens hat eine Armee: Ein Bataillon bewaffnet mit Blumenketten, Schlaghosen und Weltverbesserungsideen, das sich auf den Weg nach Osten macht. Die Hippies! Sie fliehen vor den Wohlstandsidealen der Mittelschicht und den bürgerlichen Zwängen der westlichen Welt. Naturverbunden und konsumkritisch, propagieren sie Frieden, freie Liebe und Drogenkonsum. In den fernöstlichen Religionen und Wertevorstellungen erhoffen sie sich Antworten auf die Fragen ihrer desillusionierten Generation.

Die Worte Cat Stevens werden zum Soundtrack einer Reise. Einer Reise, die zur Sinnsuche wird – und zum bewusstseinserweiternden Zustand. Eine Reise, die als Hippietrail Tausende in ihren Bann zieht und deren wichtigste Station, neben dem indischen Goa, das nepalesische Kathmandu ist.

HIPPIES IM STADTZENTRUM

Direkt südlich des Durbar Squares, Kathmandus historischem Zentrum, befindet sich das Ziel: die Jhochen Thole. Diese schmale Gasse ist Treffpunkt für Hippies und Rucksackreisende aus aller Welt. Die kiffenden, singenden, philosophierenden Typen mit ihren langen Haaren und zerschlissenen Kleidern gelten damals in Kathmandu als wahre Exoten. Ihr Auftreten, ihre Kleidung, wenn sie denn welche tragen, ihr ausufernder Drogenkonsum sind für die Einheimischen so schräg und andersartig, dass sie der Jhochen Thole schon bald den Beinamen Freak Street verpassen. Die Hippies lassen sich hier vor allem deshalb nieder, weil es in der Freak Street legale, von der Regierung betriebene Haschischläden gibt, die erstklassige, cremige Ware aus dem Himalaja verkaufen. Kiffen hat in Nepal religionsbedingt eine lange Tradition, und es stört sich niemand an den Neuankömmlingen, die die gleiche Leidenschaft teilen.

Allein deshalb ist Kathmandu eine der bedeutendsten Stationen auf dem Hippietrail, der von Europa durch den Nahen Osten bis nach Indien führt. Noch bevor Wander- und Bergsteigertourismus Nepal vollständig für sich beanspruchen, ziehen hunderte Individualpazifisten feinstes Haschisch durch hölzerne, konisch geformte Schillums. Während das indische Goa in den Wintermonaten der Nabel der Hippiewelt ist, avanciert Kathmandu im Sommer zum spirituellen Zentrum der Blumenkinder. Hier tauchen sie in die buddhistische Lehre ein. Hier öffnen sich unter bunten tibetischen Gebetsfahnen transzendente Welten. Auf der Suche nach Spiritualität lassen sich Musiker wie Cat Stevens und Bob Seger von Kathmandu zu Liedtexten inspirieren.

DIE HIPPIES LASSEN SICH HIER VOR ALLEM DESHALB NIEDER, WEIL ES IN DER FREAK STREET LEGALE, VON DER REGIERUNG BETRIEBENE HASCHISCHLÄDEN GIBT.

KATHMANDUS JUNGE MITTELSCHICHT SAUGT AN DER FREAK STREET DEN FREIEN GEIST VERGANGENER HIPPIETAGE WIE EIN BABY DIE MILCH AN DER BRUST SEINER MUTTER.

DIE HASCHISCHWOLKEN VERWEHEN, ZIEHEN AUF UNBESTIMMTE ZEIT HINAUS IN DIE BERGE.

Doch dann erklärt die nepalesische Regierung unter US-amerikanischem Druck 1973 Haschisch und Marihuana für illegal, und Kathmandu verblasst langsam auf der geblümten Landkarte des Friedens. Sechs Jahre später bricht im Nahen Osten die Islamische Revolution aus und zeitgleich beginnt die Sowjetunion ihre Invasion in Afghanistan. Der Landweg von Europa nach Indien ist durch politische Spannungen blockiert, der Hippie trail ist nun nur noch Geschichte, ein sagenumwobener Mythos.

Die komischen Gestalten in der Freak Street sind plötzlich verschwunden. Die Haschischwolken verwehen, ziehen auf unbestimmte Zeit hinaus in die Berge. Doch der Hippiegeist verfängt sich irgendwo in den schmalen Gassen. Festgesetzt, stark geschwächt und eingestaubt ist von ihm kaum noch etwas übrig. Doch ganz verschwunden ist er nicht. Heute hockt er in einem Lokal, in dem er noch immer sein darf, wie er vor 50 Jahren war. Zwischen Tee und Kuchen, Fruchtsäften und Milchshakes qualmt er eine Zigarette nach der anderen und das schon Dienstag früh um 8.23 Uhr. Mit ihm sitzen junge Nepalesen an Holztischen, über denen gefärbte Papierlampenschirme den finsteren Raum in ein dämmriges Licht tauchen. Die Wände sind so dunkel und verraucht wie in einer Hafenspelunke und beschmiert, beschrieben und bemalt wie in einem S-Bahn-Tunnel.

ÜBERBLEIBSEL DER VERGANGENHEIT

In der hinteren Ecke des Raumes, dort wo man nicht mehr unterscheiden kann, ob es draußen nun Tag oder Nacht ist, leuchtet eine kleine Lampe an der Wand. Das einzige Licht, das sie in die Umgebung wirft, fällt auf ein grün-gelb-rotes Hanfblatt, das sich genau unter ihr befindet. Neben dem Wirt, dessen rundliches Gesicht ein schneeweißer Bart rahmt, lächelt der junge Bob Marley von der Wand. Hier sitzen wir und wärmen unsere Hände von der morgendlichen Kälte an einem Glas Schwarztee. In der anderen Ecke des Raumes sitzt ein alter Mann am Fenster. Er beobachtet die Straße und genießt das erste Kuchenstück des Tages – Chocolate Love. Die langen ergrauten Dreadlocks sind zu einem Turban auf seinem Kopf zusammengebunden, der lockige Bart hängt in Flusen bis auf die Brust. Flickenweste und Jeans vervollständigen die Erscheinung. Zwischen den Fingern der rechten Hand steckt eine Selbstgedrehte. Der Mann, vielleicht ist er 60 oder 70 Jahre alt, sieht so aus, als hätte er das Ende des Hippietrails verpasst. Als hätte er vergessen, Kathmandu zu verlassen. Das stimmt natürlich nicht; so lange hält kein Drogenwahn. Doch in und um die Freak Street herum begegnen uns immer wieder ein paar Althippies, die Kathmandu noch immer die Ehre geben.

Zurück in der Tee- und Kuchenbar sitzen zwischen uns und dem Mann am Fenster junge Nepalesen im schummrigen Gastraum. Fünf Jungs und zwei Mädchen in ihren letzten Teenagertagen zwängen sich um einen Tisch. Auch sie rauchen. Doch anders als der Alte, der aus dem Fenster starrt, starren sie auf ihre Handys. Ein Wechsel der Perspektive. Ein Generationswandel. Hinter modischen Brillen schauen kluge Augen, die sich immer wieder vom leuchtenden Bildschirm lösen. Gesprächsfetzen wechseln zwischen verschiedenen Tonlagen und Lautstärken. Auf dem Tisch stehen Tee- und Kaffeegläser und ein Schachbrett. Gerade stürmt ein schwarzer Läufer nach vorn und rennt sich am weißen Turm den Kopf ein. Es ist noch immer Dienstagmorgen und die einheimischen Jugendlichen sind die Bohemiens ihrer Zeit. Seit 1965 existiert das Snowman Café bereits. Hier saßen die Hippies während ihrer Hochzeit, hier schlemmten die Einwohner Kathmandus, als die Hippies fernblieben, und heute teilen sich Einheimische und Ausländer den kleinen Laden mit dem leckersten Kuchenangebot der Stadt.

Draußen auf der Freak Street schaffen es die Strahlen der Sonne gerade auf die Pflasterstraße. Billige Hotels und Gasthäuser reihen sich neben Restaurants und Souvenirläden in schmalen, heruntergekommenen Häusern, die mehrere Stockwerke in die Höhe ragen. Hölzerne Balustraden und Flügeltüren befinden sich vor den Fensteröffnungen in den oberen Etagen. Hier in den Kneipen der Freak Street ziehen junge Nepalesen abends an Wasserpfeifen und teilen sich große Flaschen des herben Gorkha-Biers. Unten auf der Straße wird Kifferbedarf verkauft. Winzige Tattoostudios befinden sich neben Wechselstuben. Schmuck- und Edelsteingeschäfte folgen auf Reiseagenturen und Buchläden. Hunde mit flauschig-staubigem Fell liegen in der Sonne. Hölzerne nepalesische Masken hängen vor den Eingängen der Geschäfte, in denen Wanderkarten, Gebetsketten und buddhistische Klangschalen angeboten werden. Die Verkäufer sitzen auf kleinen Schemeln auf der Straße, freundlich mit den Nachbarn schwatzend. Lokale Restaurants verkaufen Dal Bhat, das Nationalgericht Nepals, bestehend aus Reis, Linsensuppe und verschiedenen Currys. Einheimisches Leben trifft auf touristische Wirtschaftsbetriebe. Doch die Ausländer bleiben in einer angenehmen Minderheit.

UNBESCHWERTE STUNDEN

In der Freak Street kleidet man sich offen, nach westlichem Vorbild. Der Stil ist authentisch. Die vielen jungen Menschen wirken ungebunden, natürlich. Hier trauen sich Paare, Hand in Hand spazieren zu gehen und sich öffentlich zu küssen – etwas, dass wir in anderen Teilen des Landes, in anderen Teilen der Stadt kaum zu Gesicht bekommen. Kathmandus junge Mittelschicht saugt an der Freak Street den freien Geist vergangener Hippietage wie ein Baby die Milch an der Brust seiner Mutter.

Am Abend verengt sich die ohnehin schmale Straße mit einer Hundertschaft parkender Motorräder. Wenn die Sonne untergeht und der Arbeitstag endet, füllen sich die vielen Bars und Restaurants. Freunde kommen zusammen, Tee wird getrunken, Bierflaschen werden geöffnet und Wasserpfeifen zum Dampfen gebracht. An den Wochenenden dröhnt Livemusik aus den Bars über die Freak Street. Unbeschwerte Stunden in lockerer Atmosphäre. Doch die Nacht ist kurz, der nepalesische Tagesrhythmus verschoben. Spätestens um 22 Uhr ist die Party zu Ende, die Lichter gehen aus. Am nächsten Morgen ganz früh sitzen wir wieder vor einem Stück Chocolate Love. Trotz der angenehmen, ungezwungenen Atmosphäre ist die Freak Street schon lange nicht mehr das touristische Zentrum Kathmandus. Wer sich für die Freak Street entscheidet, wählt den alten Geist der Hippies und die leicht heruntergekommenen Hotels statt die großtouristische Enklave Thamel zwei Kilometer weiter nördlich am anderen Ende der Altstadt.

DEALS AUF DER STRASSE

Am Thamel Chowk warten bereits ein halbes Dutzend Rikschafahrer auf ihre Kundschaft. Dabei ist vieles in Kathmandu leicht zu Fuß zu erreichen und der Verkehr der Stadt so dicht, dass es auf zwei Beinen häufig deutlich schneller voran geht. Deshalb setzen die Rikschafahrer hier auf ein zweites Standbein. Sie verkaufen all das illegale Zeug, für das auch in Thamel täglich Nachfrage herrscht. Nicht umsonst gilt Nepal auch heute noch als eines der besten Anbaugebiete weltweit für Haschisch mit hervorragender Qualität.

Einer der Rikschafahrer kommt auf uns zu. Schon von Weitem erkennen wir ihn und seine Absicht. Der wiegende Schritt, die betonte Unbekümmertheit und Zufälligkeit. Und weil die ganze Situation so klar erscheint, spart er sich auch die einleitende Frage nach einer Rikschafahrt, die doch nur dazu dient, zum Wesentlichen überzuleiten.

Der Mann, einen halben Kopf kleiner als ich, mit schulterlangem zurückgegelten Haar, kommt gleich zur Sache: „Do you smoke? – Hasch, LSD, Amphetamine“, raunt er mir entgegen. „I have everything“ und „best quality“ sind beliebte Floskeln auf dem Markt der Rauschmittel. Es passiert nicht nur am Thamel Chowk. Überall in Thamel, in jeder Gasse, an jeder Ecke stehen die Dealer, immer darauf bedacht, den nächsten Kunden ausfindig zu machen. Nicht einmal einhundert Meter vergehen, ohne dass uns irgendeine Droge angeboten wird. Dabei sind die Rauschmittelgesetze im Land streng und die Polizei wenig zimperlich. Wir wären nicht die ersten Ausländer, die wegen Drogengeschäften im nepalesischen Gefängnis säßen.

RAUERES KLIMA

Doch es sind nicht nur Dealer unterwegs. Auch die vielen Touranbieter schicken eine Armada an Schleppern hinaus in die Gassen, die versuchen, Reisenden Tourpakete anzudrehen. Einer von ihnen verwickelt uns in ein Gespräch, in dem er uns von Couchsurfing, der Plattform für kulturellen Austausch unter Freunden, erzählt und so tut, als hätten wir irgendwelche Gemeinsamkeiten. Wir durchschauen sein Spiel erst, als wir den gleichen Typen wenig später wiedersehen und hören, wie er die gleiche Geschichte, die er uns auftischte, an einem anderen Touristen ausprobiert.

Thamel ist eine riesige Wirtschaftsmaschine. Hier geht es vor allem um Profit. Der Konkurrenzkampf ist groß und das Geschacher um die besten Deals beginnt jeden Tag von Neuem. Von der entspannten Atmosphäre der Freak Street ist hier nichts mehr übrig. Im Gegenteil: Thamel ist wesentlich rauer. Auch die Drogenklientel ist eine andere. Zwischen Thamel Chowk und dem Garden of Dreams, einer grünen Oase mitten im staubigen Kathmandu, schnüffeln ein paar Junkies an Klebstofftuben. Ihre Blicke sind leer, die Bewegungen apathisch. Für sie scheint alles verloren. Mehr und mehr Menschen schieben sich an den dösenden Gestalten auf dem Gehweg vorbei. Sie kehren zurück nach Thamel, zurück auf die geschäftigen Märkte. Wir lassen uns hingegen gemächlich durch die Gassen immer weiter nach Süden treiben, bis wir endlich den Durbar Square und die Freak Street erreichen. Wir sind zurück, riechen den Kaffee und den duftenden Chai, schmecken Dal Bhat, winken dem Althippie, der noch immer am Schaufenster des Snowman Cafés sitzt, und freuen uns diebisch auf unser nächstes Stück Chocolate Love.