DEFEKTE HÜLLE? – Cannabinoide bei Schuppenflechte

Bei Schuppenflechte können CBD und THC wirksam sein. Bis ein Patient dies herausfindet, liegt meist ein langer Leidensweg hinter ihm. Ein Fallbericht.

Mit der Entdeckung des Endocannabinoidsystems im menschlichen Körper zum Ende des letzten Jahrtausends wurden auch die Haut und deren sogenannte Anhangsgebilde auf eine Beteiligung untersucht. Die Haut ist nicht nur das größte Organ, sondern liefert zudem lebenswichtige Beiträge zum Schutz vor den Einflüssen der Umwelt, zur Regulation von Prozessen des Nerven- und Immunsystems, der Hormone und des Stoffwechsels. Man fand auf fast allen Zellarten die bei-
den Cannabinoidrezeptoren CB1 und CB2 sowie Einflüsse von Endocannabinoiden. Ihre Aufgabe zeigte sich vor allem darin, überschießende Reaktionen abzumildern, was in einer Verringerung von Entzündungen, Schwellungen, Juckreiz und Neubildungen ungünstiger Zellen resultiert. Diese Eigenschaften weisen auf eine mögliche Wirksamkeit bei allergischen und autoimmun-bedingten Hauterkrankungen hin.

Die Haut ist nicht nur das größte Organ, sondern liefert zudem lebenswichtige Beiträge zum Schutz vor den Einflüssen der Umwelt

Zusammenhänge erkennen

Dass der Einsatz von Cannabis eine Behandlungsmethode bei Schuppenflechte und Neurodermitis ist, habe ich in der Praxis von einigen Patienten erfahren dürfen. Ein besonders eindrücklicher Fall war der eines 33-jährigen Mannes, der mich im Frühjahr 2016 aufsuchte. Er litt bereits seit seinem siebten Lebensjahr unter Gelenkschmerzen, gegen die er seit dem elften Lebensjahr Ibuprofen und Diclophenac verordnet bekommen hatte. Vom Schulsport war er nach seinen Worten „lebenslänglich“ befreit. Im Alter von 21 Jahren wurden seine schuppigen Hautveränderungen erstmalig als Psoriasis vulgaris – der medizinische Begriff für Schuppenflechte – eingeordnet. Die Behandlung erfolgte bei schweren Schüben jahrelang mit einem Kortisol-Präparat. Die Gelenkschmerzen nahm er weiterhin als gegeben und weitestgehend unbeeinflussbar hin. Mit 31 Jahren wurde er monatelang wegen eines fehldiagnostizierten Kreuzbandrisses mit Schmerzmedikamenten behandelt, bis er mit einem Dünndarmdurchbruch ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Hier stellte man erstmalig einen Zusammenhang zwischen den Gelenkschmerzen und der Hauterkrankung her. Der Patient erhielt die richtige Diagnose Arthritis psoriatica – es bestand also eine dauerhafte Gelenkentzündung im Rahmen der Grunderkrankung Schuppenflechte. Er schilderte, dass er hiernach depressiv geworden sei. Er hatte während der Fehlbehandlung seinen Arbeitsplatz verloren. Die nun begonnene Therapie mit einem Biologikum verschob die Familienplanung ins Unbestimmte und seine Schmerzsymptomatik war nahezu unverändert stark. Er habe sich zudem immer mehr zurückgezogen und sei fast sozial isoliert gewesen. Ein alter Freund habe ihm in dieser Zeit fünf Gramm Cannabisblüten gegeben und ihm gesagt, er solle damit etwas gegen seine Schmerzen tun. Er habe lange gehadert, dann eines Abends ein paar Züge inhaliert und in der Nacht gut geschlafen. Als am nächsten Tag auch der Juckreiz nachgelassen hatte und die Schmerzen erträglicher waren, habe er in den nächsten Wochen versuchsweise häufiger – mit schlechtem Gewissen wegen der Illegalität – darauf zurückgegriffen.

Seine große Leidenschaft sei das Schlagzeugspielen in einer Band gewesen, was ihm aber wegen der Schmerzen nicht mehr möglich gewesen war. Als er nun wieder Lust darauf verspürte, sei ihm der Zusammenhang zwischen einer Besserung
seines gesamten Befindens und der sporadischen Einnahme von Cannabis aufgefallen.

Was kann Cannabidiol?

Um zu fragen, ob die Besserung seiner Haut „nur“ auf der schlaffördernden und schmerzlindernden Eigenschaft von Cannabis beruhe, fand er den Weg in meine Praxis. Seine Medikamentenliste umfasste bereits die gesamte Palette der Schmerzmedizin einschließlich starker Opiate sowie zahlreicher Psychopharmaka. Wir entschlossen uns zu einem Behandlungsversuch mit einem Cannabinoid-Arzneimittel, welches THC und Cannabidiol (CBD) enthält. An dieser Stelle möchte ich noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass CBD wegen seiner rauschunterdrückenden Wirkung in illegal erworbenem Cannabis kaum enthalten ist. Den meisten Patienten ist eine mögliche Beeinflussung ihrer Erkrankung durch Cannabidiol, welches unter anderem entzündungshemmend und muskelentspannend wirkt, nicht bekannt. Ich empfehle daher, zunächst einen Versuch mit diesem Nicht-Betäubungsmittel zu unternehmen.

CBD ist in seiner Reinform seit Oktober 2016 ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel und gegen Rezept in Apotheken erhältlich. Cannabisextrakte mit einem Gehalt von unter 0,2 Prozent THC gelten als Nahrungsergänzungsmittel und
dürfen in verschiedenster Form angeboten werden. Auch cannabidiolreiche Cannabisblüten unterliegen in Deutschland immer dem Betäubungsmittelgesetz. Man kann nicht häufig genug erwähnen, dass CBD bei Erkrankungen, die das Immunsystem betreffen und mit einer chronischen Entzündung einhergehen, einen wesentlichen Beitrag zur Behandlung liefern kann.

Die Haut als Indikator der Seele

Auch bei dem Patienten zeigte sich in den folgenden Wochen eine leichte Besserung, das Experimentieren mit zusätzlichen THC- und CBD-Lösungen aus eigenen finanziellen Mitteln war aber nicht mehr länger möglich. Die gesetzliche Krankenkasse lehnte seinen Antrag auf Kostenübernahme ab. Im letzten Jahr gab es die Möglichkeit, eine Erlaubnis zur Nutzung von Cannabisblüten bei der Bundesopiumstelle zu beantragen, wenn der Patient als austherapiert galt. Da es zum damaligen Zeitpunkt bereits Blüten gab, die neben THC auch Cannabidiol enthalten, entschied er sich für einen Antrag, der auch wenige Wochen später bewilligt wurde.

Er begann eine Selbsttherapie mit verschiedenen Sorten, zunächst noch nicht getrübt durch die Tatsache, dass dies wieder auf eigene Kosten erfolgen musste. Zu Beginn dieses Jahres gab es ein Telefonat, in dem die Behandlung mit Cannabis eine Erfolgsgeschichte für ihn bedeutete. Er erzählte mir davon, dass er wieder Schlagzeug übe und dies Ausdruck seines guten Befindens sei. Mit einer Blütensorte, die ein ausgeglichenes THC-zu-CBD-Verhältnis aufweise, verbessere sich zusehends das Hautbild und die entzündliche Grunderkrankung. Mit einer zusätzlichen, THC-reicheren Sorte gegen die Schmerzen und für den Schlaf gehe es ihm am besten. Verordnete Medikamente konnten schon reduziert werden, er begann einen beruflichen Wiedereinstieg und auch sozial laufe alles rund.

Den meisten Patienten ist eine mögliche Beeinflussung ihrer Erkrankung durch Cannabidiol nicht bekannt.

Endlich möglich, aber ergänzungsbedürftig

Es war nicht abzusehen, dass dies durch die Gesetzesänderung einen ungünstigen Verlauf nehmen würde, da sich hierdurch die Kosten für Cannabisblüten stark erhöhten und zugleich die für den Patienten wichtigen Sorten mit Cannabidiol bis dato nicht lieferbar sind. Auch eine Kostenübernahme wurde abermals abgelehnt. Anhand dieses Falles werden die Mängel des Gesetzes besonders deutlich.

Es bleibt zu hoffen, dass es angepasst wird und die Cannabisagentur zukünftig die Versorgung der Patienten mit geeigneten Sorten sicherstellt. Andererseits können Ärzte seither ihren Patienten einen legalen Behandlungsversuch ermöglichen. Dies kam einem meiner Patienten mit wiederkehrenden Depressionen zugute. Er hatte bislang mit verschiedensten cannabidiolhaltigen Salben und Cremes versucht, seine seltene, auf die Penisspitze begrenzte Psoriasis
zu behandeln. Ihm war zwar die entspannende Wirkung von THC durch Inhalation bekannt, brachte die Besserung seiner Hauterkrankung aber nicht direkt damit in Verbindung.

Auch bei ihm zeigte sich die günstige Wirkung bei der Vaporisation einer CBD-haltigen Cannabisblütensorte. Diese zeigte neben gewünschten antidepressiven Effekten auch eine gute Wirkung auf die Haut. Es sollte sicher nicht dem Patienten überlassen sein, aber dieser stellte aus den Blüten einen Extrakt her, den er auf die erkrankten Stellen auftrug und damit das beste Ergebnis erzielte. Dies verdeutlicht in jedem Fall den Bedarf an verschiedenen Anwendungsformen und Cannabisprodukten, in denen nicht zwingend ein hoher THC-Gehalt sein muss.