„DAS IST MEIN LEBEN“

Ein Riesengorilla wacht vor der Haustüre von Andreas Müller. Ein gigantisches, aber domestiziertes Tier aus Plüsch, das – um möglichen Schrecken auszuräumen – einen Schnuller im Mund trägt. Und der bewacht wen? Das Haus des „härtesten Jugendrichters Deutschlands“, wie dem 56-Jährigen nachgesagt wird. Der kann mitunter aber auch ganz zahm sein. Heute zum Beispiel hat er für das Gespräch mit in.fused zum Frühstück eingeladen. Mangosaft, ein perfekt gekochtes Ei („vom Nachbarn mit den Hühnern“) und jede Menge Kaffee hat er vorbereitet. Das Glas Kürbis-Mandarinen-Aufstrich stammt von einer Hanfaktivistin. „Die versorgen mich gern mit Selbstgemachtem“, lacht er. Dass seine Mitmenschen ihm Gutes tun möchten, kann man sich vorstellen: Müller ist jemand, der mit Leib und Seele daran arbeitet, die Welt besser zu machen. Und gönnt sich dabei keine Ruhe.

Recht sprechen und gleichzeitig pro Legalisierung von Cannabis sein. Das klingt unvereinbar. Nicht dann, wenn man wie Müller hinter der Prohibition einen großen Irrtum vermutet. Der Richter sagt, Konsumenten wegen Cannabis zu bestrafen, sei verfassungswidrig. Und Jugendliche schütze man nicht durch ein Verbot. „Das führt höchstens dazu, jemanden, der zu viel kifft, nicht rechtzeitig zurückholen zu können“, weiß er. Müller ist deswegen auch in seiner Freizeit aktiv, und zückt, wo immer er ist, die Bundestagspetition für die Legalisierung von Cannabis, die vom DHV initiiert wurde.

DER NAME PASST

Bekannt in der Öffentlichkeit wurde Müller durch sein hartes Durchgreifen bei jugendlichen Straftätern – und für ungewöhnliche Bestrafungen, die aber ihre Wirkung nicht verfehlten. „Dafür verlieh ihm die Presse auch Beinamen wie „kreativster Richter Deutschlands“ oder eben „härtester Richter“.

Mit der Bezeichnung kann er gut leben: „Ich habe sicherlich Härte gezeigt: In Bezug auf Menschen, die andere zu Opfern machen. Das sind Gewalttäter, Intensivtäter, Rechtsradikale, Menschen, die sexuellen Missbrauch begangen oder vergewaltigt haben“, erklärt er. „Da habe ich bisweilen eine härtere Gangart aus meiner Überzeugung, dass es einen Ausgleich geben muss zwischen Opfern und Tätern. Und auch die Abschreckung spielt bei mir eine Rolle“. Zahlen zeigen, dass in seinem Zuständigkeitsbereich in Bernau/Brandenburg seit einem Jahrzehnt fast keine Angriffe von Neonazis mehr vorkommen. „Teilweise sind sie auch weggezogen, um Richter Müller zu entgehen“, sagt er.

Müller spricht manchmal in der dritten Person über sich. Weil er das Bild, das andere auf ihn projizieren, dann abruft, vielleicht auch, weil Distanz eine Überlebensstrategie in seinem Bereich ist. „Nach einem achtstündigen Sitzungstag, da denken Sie schon manchmal: boah – kaputte Menschen, kaputte Beziehungen, Gewalt. Und dann gibt es Jungs und Mädchen, da weiß man, die werden nicht mehr. Die werden ein Scheißleben haben“, sagt er sichtlich geknickt.

RUHE VOR NEONAZIS

Emotional ist er, keine Frage. Aber fürchten, dass die Emotionalität ihn zu falschen Entscheidungen verleitet, muss man nicht. Richter Müller sieht nicht nur die Tat, er sieht die menschlichen Hintergründe, das Potenzial einer Bestrafung und, welche Rolle er zu verteidigen hat: „In meinem Kiez wissen die, wer Cheferzieher ist. Egal welche Ethnie.“

Die Ruhe vor rassistischen Übergriffen, die er hier hergestellt hat, ist leicht zu erschüttern. „Wenn ich einen Flüchtling habe, der meint, permanent klauen zu dürfen, der kriegt es auch mit mir zu tun“, erklärt er. „Ich sage dann: Ich habe hier gegen Rechtsradikalismus gekämpft und ihr profitiert davon, weil ihr sicher herumlaufen könnt. Und wenn ihr jetzt dafür Sorge tragt, dass Leute denken, ihr seid alle kleine Schläger, Diebe oder sonst was, dann mach ich dem ein Ende“.

Müller zeigt den Leuten, dass sie nicht egal sind. Und somit auch nicht ihre Aktionen. Manchmal ist er vielleicht der erste in ihrer Biografie, der ihnen das vermittelt. Fast schon nach Seifenoper klingt es, wenn Müller erzählt, dass sich hart Bestrafte regelmäßig bei ihm bedanken – im Nachhinein. Dann hört er: „Haben Sie richtig gemacht, ordentlich vor den Bug. Jetzt ist alles gut: Familie, zwei Kinder“.

GESELLSCHAFT AUFWECKEN

Wirkliche Seifenoper sieht aber anders aus: „Die Serie Rote Rosen, das ist meine Sucht“, gibt er offen zu und lacht laut. „Das ist zwar jugendrechtlich falsch und ich könnte da jeden Tag eine Mail hinschicken: Ihr in der Redaktion, ihr habt einen gesetzlichen Auftrag zu bilden und nicht zu unbilden“, schnaubt er. Aber die heile Welt, wenn auch problembehaftet, gefällt ihm: „Die trinken da alle Wasser. Und wenn einer mal Alkoholiker wird, dann macht der mit einer Therapie eine Rolle rückwärts.“ Das ist die einzige Zerstreuung, die Müller sich gönnt. Denn er steht innerlich unter großem Druck. Dieser betrifft in erster Linie, der Gesellschaft die Augen zu öffnen: „Die Strafverfolgung wegen Cannabis halte ich für verfassungswidrig“, sagt er, „Da sind Schicksale produziert worden, da sind Leute in den Knast gekommen. Da haben ja ganz viele ihre gesellschaftlichen Möglichkeiten verloren. Ich habe mal die Zahl der Inhaftierten seit Beginn der 70er Jahre zusammengerechnet und bin auf etwa eine halbe Million gekommen, allein in Deutschland. Müller kann nicht ruhig auf dem Stuhl sitzen bleiben, weil es ihn immer neu aufregt. „Ich müsste dringend weitere Bücher schreiben, und eines wird lauten ‚Die Opfer der Cannabiskriminalisierung‘.“ Zwei Bücher hat Müller schon veröffentlicht.

REHABILITIERUNG NÖTIG

Er bekomme mit, dass Kollegen anfangen umzudenken. Aber verzeihen kann er jenen nicht so schnell, „die in den letzten Jahrzehnten im Cannabisbereich hart bestraft haben in dem Glauben, sie würden etwas für die Volksgesundheit tun. Nun sagt der Staat seit März, wir haben über ein halbes Jahrhundert die Volksgesundheit nicht beachtet und geben den Menschen jetzt Cannabis als Medikament. Dann muss sich doch im Grunde genommen jeder Durchschnittsrichterkopf überlegen, was er da über Jahrzehnte getan hat“. Die Vergleiche, die er heranzieht, leuchten ein: So wie man Leute, weil sie schwul waren, abgetrieben haben oder über eine Mauer gesprungen sind, bestraft hat. Hier haben Rehabilitierungsgesetze nachträglich für eine Art Entschädigung gesorgt. Die erhofft sich Müller auch für Prohibitionsopfer.

ICH BIN RICHTER GEWORDEN, UM ZU LEGALISIEREN.

Es komme aber Bewegung in die Sache, beobachtet er. Staatsanwälte geben ihm gegenüber zu, dass sie anders denken als vor zehn Jahren und es gibt immer mehr Fälle, in denen Richter Grower, die auch Patienten sind, wegen gesetzlichem Notstand freisprechen. „Dann freue ich mich. Auch, wenn Anwälte ein bisschen mehr kämpfen“.

Mehr Kampfgeist wünscht er sich bei der Masse der Konsumenten, die sich so durchwurschteln, ohne etwas verändern zu wollen. Wenn Müller auf Unterschriftenjagd für die Legalisierungspetition ist, zum Beispiel auf dem Flohmarkt, dann erkennt er sofort: „Das sind Kiffer, Lesben, Schwule, die verfolgt wurden – und dann haben die nicht eine Minute Zeit, so etwas zu unterschreiben?“. Er würde ihnen am liebsten hinterherrufen: ‚Hoffentlich wirst du heute Abend mit drei Gramm erwischt‘. Denn wenn es um ihre eigenen kleinen Rechte geht, dann fangen sie an, sich zu wehren, erzürnt sich Müller. Fast wünscht er sich ein Strafverfahren gegen all die vielen Kiffer: „Schnelltest, ein Gramm – und dann Anzeige gegen alle. Dann hätten wir auf der nächsten Cannabisdemonstration vielleicht 500.000 Leute, die da laufen würden“, ruft er durch sein Wohnzimmer, als säße er im vollbesetzten Gerichtssaal. Wenn Andreas Müller wie ein wutentbrannter Klaus Kinski wettert und gestikuliert, weiß er im nächsten Moment auch um die Komik seines Auftretens. Dann beruhigt er sich, lacht leise und zieht an seiner Zigarette.

Und seine Wut richtet sich nur am Rande gegen ängstliche Kiffer: „Es gibt Erzieher, Lehrer etc., die haben unglaubliche Angst, dass diese Petition mit den 50.000 bis 100.000 Unterschriften vom deutschen Staat beschlagnahmt wird und dann Massenhausdurchsuchungen gemacht werden – was natürlich nicht passieren wird“, weiß er. Es braucht seiner Meinung nach Leute, die ihr Gesicht zeigen. „Die Entkriminalisierung von Cannabis im medizinischen Bereich hat deswegen funktioniert, weil viele Medien über Patienten, ihre Schmerzen und Schicksale berichtet haben.“

HOFFENTLICH WIRST DU HEUTE ERWISCHT

ABGABE ÜBER APOTHEKEN

„Ich selbst konnte in Talkshows zumindest eines klarmachen: Das, was der Staat hier macht, ist menschenverachtend. Und irgendwann musste auch die Bundesdrogenbeauftragte Frau Mortler nachgeben oder unser Gesundheitsminister“, sagt Müller. Aber verkaufen mussten sie die medizinische Freigabe nach dem Motto „ist ja nur für ganz schlimme Fälle“. Seine Prognose für die künftige Legislaturperiode: „Eine weitere Aufweichung. Ich hoffe, dass die Grünen und die FDP so schlau sind, nun eine Teillegalisierung auf den Weg zu bringen, die bei dem Besitz von bis zu zehn Gramm keinerlei Strafverfolgung nach sich zieht. Dann würden die ‚bösen‘ Grower verurteilt werden können, aber nicht der Kleine auf der Straße.

Müller selbst ist kein Befürworter von Cannabisshops, sondern für eine Abgabe über Apotheken. Seiner Meinung nach stecken Menschen, die sich für eine Prohibition einsetzen, in einem verqueren Gewissenskonflikt: ‚Wenn ich mich für eine Legalisierung ausspreche und in zehn Jahren ist eines meiner Kinder cannabisabhängig, dann habe ich das gemacht.‘

Sie denken nicht: ‚Wenn ich mit meinen Kindern frei damit umgehen kann, dann ist die Gefahr geringer, dass sie cannabisanhängig werden‘. Müller hat selbst zwei Töchter, wohlgeraten und dem Elternhaus entwachsen. „Dann, wenn man mit ihnen über Alkohol spricht, bietet sich das Gespräch über Cannabis auch an“, sagt er. „Ein menschliches Leben besteht aus Risiken und hat problembehaftete Zeiten – Trennung, Verluste, auch Untergänge. Es besteht aber auch darin, bestimmte Mittel zu sich zu nehmen: Alkohol, Medikamente. Man muss den Kindern beibringen: Die Dosis macht das Gift“.

Müller ist auch im Herzen Pädagoge. Er deklamiert und er stellt Rückfragen, die man auch beantworten muss, da lässt er nicht locker: „Wie viele sind denn wegen Cannabis in deutschen Suchtkliniken?“, will er wissen, „was schätzen Sie?“. Es seien 2.500 Leute, und Cannabis nur Hauptdiagnose neben anderen. Medikamentenabhängig seien dagegen etwa 2,5 Millionen – „in aller Regel alte Leute, wo ich es nicht schlimm finde“ –, alkoholsüchtig mehrere Millionen.

Er steht auf und holt ein Exemplar seines Buchs Kiffen und Kriminalität aus dem Regal. „Lesen Sie es“, sagt er, „danach sind Sie auch eine Legalisierungsbefürworterin“. Eigentlich will er aber ein Foto seines Bruders zeigen, dem er das Buch gewidmet hat. Jonas Müller, fünf Jahre älter als Andreas, wurde mit 30 Jahren heroinabhängig. Während er im Methadonprogramm war, verhaftete man ihn wegen Cannabisbesitzes. Seinen Tod schiebt Müller auf eine verfehlte Drogenpolitik. „Seit man meinen Bruder in ein Heim, dann in den Knast gesteckt hat, bin ich pro Legalisierung. Ich bin Richter geworden, um zu legalisieren“, konstatiert er, um dann korrigierend fortzusetzen: „Nicht ganz: Meine Mutter brauchte noch irgendwen, nachdem mein Vater an Alkoholismus gestorben ist und mein Bruder im Knast war, eine Art Wiedergutmachung. Die habe ich ihr geschenkt.“

Integrität und unerschütterlicher Wille sind Bedingung, und ein respekteinflößender Beiname gut, „wenn man ein großes Ziel vor Augen hat“, erklärt er, „das Weichei aus Bernau würde nicht ziehen“.

FREISPRUCH FÜR GROWER

Natürlich stößt er reihenweise Kollegen und auch die Presse vor den Kopf. Auch die Polizei war fassungslos, als Müller 2005 ein Pärchen vor dem Gefängnis bewahrte, das im Land Brandenburg eine riesige Growanlage unterhielt: „Das Bundesverfassungsgericht hatte noch immer nicht entschieden, so kam der Fall bei mir als Haftrichter an“. Ein Kind hatte ein verdächtiges Pflanzenblatt gefunden. Es war also ein Zufallsfund.

DAS WEICHEI AUS BERNAU WÜRDE NICHT ZIEHEN

„Das LKA Brandenburg feierte bis zum Gehtnichtmehr. Weit über eine halbe Tonne Cannabis. Größte Menge jemals“, erzählt er, „ich rief den Staatsanwalt an und meinte: ‚Sie wissen doch, ich halte die Anklage für verfassungswidrig‘, er sagte: ‚bleibt bei Ihnen, Herr Müller‘“. Der Anwalt des Pärchens wiegelte ab, als Müller ihn wegen der Haftprüfung unterrichtete und ein Gespräch vorschlug – dessen Reaktion: „bei der Menge? Da lohnt es sich doch nicht zu kommen“, erinnert er sich. Dann habe ich den Haftbefehl erlassen, außer Vollzug gesetzt und beide Beschuldigten auf freien Fuß gesetzt. Mit der Begründung: Das Bundesverfassungsgericht hat noch nicht entschieden und so lange setze ich niemand in den Bau. Milderes Mittel. Staatsanwaltschaft hat das auch akzeptiert“.

Über die Schlagzeile, die dem folgte, lacht Müller immer noch: „Die BZ hat mich in Robe in ein Cannabisfeld gestellt und getitelt: Glückliche Cannabisproduzenten. Dieser Richter ist ihr Freund“.

Wenn nichts passiere in der Politik, kündigt Müller an, dann gründe er eine eigene Partei: „Eine monothematische – und dann hoffe ich auf 0,5 Prozent, das reicht aus, um einen Sitz im Europaparlament zu bekommen“, sagt er. Er sei jetzt bei Facebook aktiv: „Können Sie auch ruhig schreiben, dass ich diese Idee mit der Partei im Kopf habe und, dass ich weitere Follower brauche“.

Beim Abschied klärt er noch auf, was es mit dem großen Gorilla auf sich hat: „Ich war mit meiner Tochter auf der Kirmes und es war bitterkalt. Ich wollte schnell wieder nach Hause. Erst habe ich den halben Lostopf leergekauft, und weil kein Hauptgewinn dabei war, die Losbudenfrau mit 100 Euro bestochen. Das zehnjährige Töchterchen ist nichtsahnend mit Gewinnermiene und dem Gorilla über den Jahrmarkt stolziert und hat die wahren Umstände erst Jahre später erfahren. Ihn zu entsorgen, bringt er nicht übers Herz. Deswegen bewacht er jetzt eben das Haus.