Das gewisse Etwas – Microdosing als neuer Trend

Aus sich selbst das Beste herausholen, mit Höchstleistung glänzen. Um den persönlichen Erfolg zu maximieren, hat der Mensch sich schon unzählige Methoden einfallen lassen. Um Körper und Geist ein gewisses Tuning zukommen zu lassen, gibt es unterschiedliche Ansätze: Manche setzen auf ein gutes Workout am Morgen, andere bevorzugen Meditation – doch neuerdings gibt es auch so etwas wie salonfähiges Doping, und zwar mit Cannabis. Microdosing, ein neuer Trend aus den Staaten, lehrt uns, was es bedeutet Maß zu halten.

Als hätten die kreativsten Süßwarenhersteller sich mit Munchies gemeinsam zum Brainstorming gesetzt.

Minimale Dosis, maximale Wirkung

Ursprünglich wurde der Begriff des Microdosing im Silicon Valley in den USA geprägt. Im globalen Zentrum für Technik nahe San Francisco arbeiten erfahrene ITPioniere Seite an Seite mit Startups an den Innovationen der Branche. Seit Jahrzehnten ist der Ort bekannt als eine Art Umschlagplatz für Knowhow, der täglich in immer schnellerem Tempo technischen Output liefert. Hier wird Leistungsoptimierung großgeschrieben – und als wäre es eine Art logische Konsequenz gewesen, begannen manche Entwickler eines Tages damit, diese Optimierung auch an sich selbst vorzunehmen. Die Wahl fiel damals vorwiegend auf die psychoaktive Droge LSD, seltener auch Mescalin (vom Peyote-Kaktus) oder Psilocybin (in magic mushrooms enthalten). An die Handhabung hatte man einen ebenso wissenschaftlichen Anspruch wie an die eigene Arbeit gesetzt. Die kleinste effektive Dosis – ein Ansatz aus der Pharmazie – sollte genau genug sein, um die erwünschte Wirkung zu erzielen.

Interessanterweise verstand man darunter keine intensive, bewusstseinserweiternde Erfahrung. Schon damals beschrieben die User ihre Motivation zum Gebrauch vielmehr in einer Leistungssteigerung und dem besseren Fokussieren auf logische Zusammenhänge. Sozusagen ein schnelleres Eintakten mit dem Tempo der Technik. Auch Albert Hoffmann, der LSD erstmals herstellte, machte mit niedrigen bis moderaten Dosen LSD-Nachforschungen zum medizinischen Nutzen – nachdem er beim zufälligen Entdecken der Substanz im Jahr 1943 versehentlich eine ganze Menge zu viel davon abbekommen hatte. Der Erwerb und Konsum von LSD ist aber nach wie vor fast überall illegal und mit vielen Risiken verbunden – bedenkt man erst die Vielzahl und Intensität der Nebenwirkungen, die definitiv eintreten, wenn man eine zu hohe Dosis wählt.

Optimierung an sich selbst.

Keine Klischees, sondern Cookies

Seit einigen Jahren haben auch Cannabiskonsumenten das Microdosing mit THC und CBD für sich entdeckt. In den USA, wo man Cannabis mittlerweile vielerorts legal erwerben kann, ist in kürzester Zeit ein beeindruckender neuer Markt entstanden, der der Szene ein neues Gesicht gibt.

Es gibt so manche Stereotype, mit denen die Cannabisszene bisher zu kämpfen hatte. Erst recht, bevor man sich der Pflanze gegenüber wieder öffnete. Wenn nicht durch oberflächliche Kriterien, versuchte die empörte Gesellschaft, einen spätestens beim Besuch des Headshops oder dem mehr oder weniger heimlichen Rauchen eines Joints als phlegmatischen Kiffer zu stigmatisieren. Doch es gibt kein Klischee, mit welchem man Cannabis-Microdoser assoziieren könnte – zumindest noch nicht. Das hat eigentlich simple Gründe. Viele schätzen die positiven Wirkungen, die die Pflanze auf körperliche und geistige Gesundheit auch in kleinen Mengen ausüben kann. Das Rauchen als Konsumform tritt in den Hintergrund, erst recht, wenn man eine möglichst niedrige Dosis erreichen will.

Die Bedeutung von Cannabis als Freizeitdroge kehrte sich um, als man begann, die Pflanze ganzheitlicher zu betrachten. Ob zur besseren Konzentration, Entspannung oder Kreativität – Microdoser setzen die eigene Tagesdosis zwischen drei und zehn Milligramm an. Das ist in etwa ein Zehntel der für eine Rauschwirkung zu konsumierenden Menge, lässt sich durch Inhalation beim Rauchen oder Vaporisieren aber kaum präzise einhalten. Am besten sind dafür sogenannte Edibles geeignet – essbare Cannabisprodukte – oder Öl, das man in Tropfen dosieren kann. Wenn man einen Blick auf den Markt wirft, der durch die Legalisierung von Cannabis in den Staaten entstanden ist, wird man schnell stutzig: Er ist auffällig unauffällig. Es gibt in den USA bei Weitem nicht mehr nur Coffeeshops, in denen sich passionierte Kiffer die schönsten Buds von der neuesten Genetik aussuchen dürfen und dem space cake auf dem Menü, wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle zukommen lassen. Vielmehr locken die Angebote vor Ort und online mit einer Vielzahl verführerischer Leckereien: THC und CBD-haltige Minzpastillen und Bonbons, Lollipops und Fruchtgummis, Cookies, Brownies und Schokoladen in unzähligen Varianten, alle milligrammgenau dosierbar und in verschiedenen Stärken erhältlich. Irgendwie sieht es fast so aus, als hätten die kreativsten Süßwarenhersteller sich gemeinsam zum Brainstorming gesetzt, und das während massiver Munchies.

Die Cannabis-Kommerzialisierung

Insgesamt gibt es in den Shops eine große Bandbreite an Cannabisprodukten, auf jeden Bedarf – oder auch jede Zielgruppe – zugeschnitten. So gibt es neben THC-Edibles auch Produkte, die nur den Wirkstoff CBD enthalten, ganz ohne möglichen Rausch. Ob als infused water, Tinktur oder Lippenbalsam: Es gibt wenige Nischen, die der Markt noch nicht erschlossen hat. Klassische Kiffer müssen sich im Vergleich mit einer recht kleinen Auswahl an Paraphernalien zufriedengeben. Die neuen Akteure des Cannabis-Business sind sich ihrer möglichen Zielgruppen bereits genau bewusst – der kalifornische Edibles-Hersteller Milf’n’Cookies umwirbt die amerikanische Cannabis-Mom, die im Spagat zwischen Erziehung und Haushalt ihre innere Mitte finden will, auf eigentümliche Weise mit slutty brownies. Über Marketing-Strategien kann man sich streiten. Nicht aber darüber, dass mit der Legalisierung in den USA eine gewisse Achtsamkeit und Feingefühl in den Konsum Einzug gefunden haben.

Das hat durchaus Vorbild-Charakter.