CBD-CANNABIS Der Trend in der Schweiz

Seit gut einem Jahr boomen CBD-Cannabisblüten in der Schweiz. Doch auch wenn sie legal sind, stiften sie Verunsicherung: Weder Geruch noch Aussehen verraten, ob sie „rauschfähig“ sind oder nicht. Abgesehen davon halten die wenigsten der Produkte, was sie versprechen.

Bereits seit 2011 darf Cannabis in der Schweiz legal konsumiert und verkauft werden, wenn es nur sehr geringe Mengen THC enthält. Seit etwa einem Jahr ist Cannabidiol-Cannabis der Trend schlechthin. Mittlerweile gibt es CBD-Zigaretten, CBD-Marihuana, sogar CBD-Haschisch sowie zahlreiche Wellnessprodukte auf CBD-Basis in Hanfläden, am Kiosk, im Tabakwarengeschäft und sogar in den Supermärkten der Ketten Coop und Spar. Das bringt Vor- und auch einige Nachteile mit sich – und es werden Stimmen aus den Lagern derer laut, die den CBD-Hype begrüßen, wie auch Stimmen, die sich gegen das legale Gras aussprechen. Und beide haben ihre Gründe.

Laut Zahlen der eidgenössischen Zollverwaltung gibt es derzeit 250 Produzenten von Cannabidiolprodukten in der Schweiz – und es kommen regelmäßig weitere hinzu. Die Aussicht auf hohe Gewinne zieht viele Unternehmer an und treibt Firmengründungen voran. In der Schweiz ist Cannabis legal, das einen maximalen THC-Wert von einem Prozent aufweist. Die CBD-Werte unterliegen keinen Reglements – es geht allein um das psychoaktive Molekül Tetrahydrocannabinol, das mit den Betäubungsmittelverordnungen dem Drogenverbot unterliegt. Solange also Cannabisblüten oder ein anderes Cannabisprodukt diese Werte aufweisen, wird es vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) zugelassen und darf an Erwachsene verkauft werden.

Anträge auf Sondergenehmigungen, um das Cannabis anbauen zu dürfen, sind in der Schweiz nicht erforderlich. Zum Vergleich: In Deutschland und Österreich sind nur jene Sorten zugelassen, die THC-Werte von höchstens 0,3 bzw. 0,2 Prozent THC enthalten. Faserhanf mit solchen Werten im Garten anzubauen ist in Deutschland dennoch nicht erlaubt und wird im Zweifelsfall juristisch geahndet. Das gilt sogar für Vogelfutter-Hanfsamen aus dem Baumarkt. Allein zertifizierten Landwirten ist der Anbau von Nutzhanf auf dem Feld vorbehalten. CBD-Cannabis sowie die Erzeugnisse daraus werden in der Schweiz als Tabakersatz oder einfach als Lifestyleprodukt vertrieben. Auch wenn die Erfahrungen einiger Patienten und Mediziner nahelegen, dass CBD eine angstlösende, entspannende und entzündungshemmende Wirkung haben kann, dürfen die Hersteller nicht damit werben oder Heilsversprechen abgeben. Dies liegt daran, dass CBD aktuell in der Schweiz nicht als Wirkstoff für die Herstellung von Medikamenten zugelassen ist. Die Forschung zu CBD in der Medizin steht noch am Anfang und viele Forscher müssen um die Finanzierung ihrer Studien kämpfen. Derzeit weiß man noch nicht genau, wie viel CBD tatsächlich ins Blut übergeht bei einem Wirkstoffgehalt von 5 oder 10 Prozent. Es ist also schwierig zu sagen, welche Dosis am Ende wirkt.

BIS ZU 85 % WENIGER CBD, ALS AUF DER PACKUNG ANGEGEBEN.

TABAKERSATZ, DER SELTEN HÄLT, WAS ER VERSPRICHT

Der Schweizer Bundesrat sieht in den CBD-Produkten lediglich einen Tabakersatz. Deshalb können in den Supermärkten der Ketten Coop und Spar sogar Fertigzigaretten mit Cannabis angeboten und verkauft werden. Die aktuelle Zigarettenmarke, die von den Schweizern dankend angenommen wird, nennt sich „Heimat“. Eine Schachtel kostet knapp 20 Franken (knapp 18 Euro) und enthält 20 CBD-Zigaretten mit Schweizer Hanf und Tabak. Im Kanton Tessin sind diese Zigaretten nicht erwünscht – dort besuchte sogar die Polizei die Filialen der Coop-Märkte, um die CBD-Zigaretten aus den Regalen zu entfernen. Das Tessin beruft sich dabei auf sein Recht, das Betäubungsmittelgesetz in Teilen auszulegen – in Deutschland kennt man diese Praxis zum Beispiel bei der Auslegung der Regulierung der sogenannten geringen Menge, die für Cannabis und andere Drogen von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich festgelegt wird. So ähnlich funktioniert das auch in der Schweiz.

KONSUMENTEN UND POLIZEI TUN SICH IN DER PRAXIS SCHWER.

Gerade in der Ostschweiz ist das CBD-Gras die Modeerscheinung par excellence. Dabei wird regelmäßig kontrolliert, ob die legalen CBD-Produkte auch tatsächlich den Vorschriften genügen. Zum einen müssen die auf den Produkten angegebenen Werte an enthaltenen Cannabinoiden stimmen, zum anderen soll geprüft werden, ob nicht im Windschatten des CBD-Cannabis auch illegale, THC-reiche Hanfsorten heimlich gehandelt werden. Gerade die Politiker der konservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) sorgen sich um diese Frage sehr. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) sieht die Lage hingegen gelassen und damit keinen Grund, Cannabidiol-Gras und Produkte daraus zu verbieten.

Im Juni dieses Jahres wurde vom Basler Gesundheitsdepartement das in Basel und Umgebung verfügbare Cannabis untersucht und analysiert. Dabei stellte man fest, dass die Einhaltung des THC-Höchstwertes übergreifend gegeben ist. Für den CBD-Gehalt gibt es hingegen keine Höchstgrenze. Ein großer Teil des Handels spielt sich im Internet ab. Die Hersteller geben auf den Produkten meist den CBD-Gehalt mit an. Diese Angaben sind jedoch nur wenig verlässlich, wie Tests eines Westschweizer Universitätszentrums für Rechtsmedizin gezeigt haben. Während einige Produkte gut 10 Prozent weniger CBD enthielten, waren es bei der Sorte „Colorado light“ aus dem Shop „Dr. Green“ sogar 85 Prozent weniger CBD als versprochen. Weitere Sorten enthielten zwischen 30 und 53 Prozent weniger als angegeben. Hanf als Naturprodukt ist nur schwerlich standardisierbar. Eine gewisse Abweichung kann daher nicht ausgeschlossen werden. Unterschiede von 40 Prozent und mehr lassen sich dadurch aber kaum rechtfertigen.

Nachdem die Testergebnisse an die Öffentlichkeit gelangten, kündigte Dr. Green an, die entsprechende Sorte nicht mehr zu verkaufen und zukünftig darauf hinzuweisen, dass die Werte im Produkt schwanken können. Swiss Cannabis will die detaillierten Laboranalysen auf ihrer Internetseite veröffentlichen.

KONFLIKT MIT DER POLIZEI

Mit den CBD-Cannabisblüten gibt es in der Praxis noch weitere Schwierigkeiten. So kann die Polizei nur schwer das legale vom illegalen Cannabis unterscheiden. Das hat zur Folge, dass auch das CBD-Cannabis im Zweifel konfisziert und analysiert werden muss, um sicherzustellen, dass dessen Besitzer nicht doch in illegale Angelegenheiten verstrickt ist. Handelt es sich bei dem untersuchten Produkt dann tatsächlich um legales Cannabis, fallen die Kosten für die Laboruntersuchung zulasten der Schweizer Staatskasse.

Mit der Schwierigkeit, das legale vom illegalen Cannabis zu unterscheiden, gehen die Behörden der einzelnen Gemeinden unterschiedlich um. In der Gemeinde Affoltern würde, laut einem Bericht der Zeitung „20 Minuten“, CBD-Cannabis nach wie vor grundsätzlich gleich behandelt wie potentes psychoaktives Cannabis. Die Begründung der Verantwortlichen: Es gebe keine Möglichkeit zu prüfen, ob es sich bei CBD-Zigaretten auch in der Tat um die legale Variante handele. So kam es, dass die Polizei der Gemeinde kürzlich die offiziell im Einkaufsmarkt erworbenen Heimat-Zigaretten eines 19-Jährigen beschlagnahmte und den Besitzer sogar mit dem für leichte Cannabisdelikte in der Schweiz üblichen Bußgeld von hundert Franken belegte. Sollte der junge Mann Widerspruch einlegen und ein Verfahren gestartet werden, müssen die einkassierten Zigaretten im Labor analysiert und ihm zurückgegeben werden.

Die Produzenten der Heimat-Marke, das Unternehmen Koch & Gsell, zeigen für dieses Vorgehen kein Verständnis. Immerhin sei es schwierig, die Fertigzigaretten zu verfälschen. Auch sei sogar auf den Filtern der Heimat-Schriftzug aufgedruckt, was es der Polizei leichter machen soll, die Originale von präparierten Fälschungen zu unterscheiden. Dennoch tun sich sowohl Konsumenten als auch die Polizei in der Praxis schwer. Die einen wissen nicht, wie sie ad hoc nachweisen sollen, legale Zigaretten zu besitzen, die anderen, wie sie die Echtheit von CBD-Zigaretten mithilfe ihrer fünf Sinne erkennen können. Denn CBD-Gras sieht nicht nur aus wie normales, der Geruch ist auch der gleiche.

Um dieser für beide Seiten frustrierenden Situation entgegenzuwirken, hat ein Schweizer Doktorand der Universität Lausanne einen Schnelltester entwickelt, der anzeigen soll, ob es sich bei einem zu untersuchenden Blütenmaterial um CBD- oder THC-Gras handelt. Das Gerät ist noch in der Entwicklung, könnte aber künftig für rasche Klarheit bei Polizeikontrollen sorgen.

Während die Lage innerhalb der Schweiz derzeit noch schwer zu durchschauen ist, sind die Regulierungen an den Landesgrenzen sehr deutlich. Um zu verhindern, dass das in der Schweiz legale Cannabis über die Grenze gebracht wird, hat der deutsche Zoll kürzlich eine Pressemitteilung herausgegeben, in der klar gemacht wird, dass CBD-Zigaretten und verwandte Produkte in Deutschland den Betäubungsmittelgesetzen unterstehen und deren Besitz bestraft wird – genau wie bei normalem Cannabis. Das hat zur Folge, dass ab jetzt an der Schweizer Grenze wieder Drogenkontrollen durchgeführt werden. Diese hat es jahrelang zuvor in dieser Art nicht mehr gegeben.

DIE REGULIERUNGEN AN DEN LANDESGRENZEN SIND DEUTLICH

DROHENDER FÜHRERSCHEINVERLUST

Auch wenn in der Schweiz das CBD-Cannabis theoretisch legal erworben und konsumiert werden kann, könnte der Führerschein durch den Konsum in Gefahr sein. Wird nämlich ein Autofahrer mit solchen Zigaretten oder ähnlichen Cannabisprodukten aufgegriffen, so muss er beweisen, dass seine Fahrtauglichkeit durch den Genuss des Cannabidiol nicht eingeschränkt ist. Dabei greifen nicht die Regulierung des Drogenverbots und des Betäubungsmittelgesetzes. Die Polizei prüft hingegen, ob der Fahrer durch den Konsum von CBD noch in der Lage ist, ein Fahrzeug zu führen. Hier spielt es keine Rolle, ob der Besitzer von Cannabidiol-Tabaken Patient ist oder Genusskonsument. Weil CBD nämlich durchaus beruhigende und Müdigkeit auslösende Eigenschaften aufweisen kann, muss die Staatsgewalt kontrollieren, wie es um die Konzentrationsfähigkeit konsumierender Fahrer bestellt ist. Hier wird, laut Polizei, genauso verfahren wie mit Patienten, die zum Beispiel vom Arzt verordnete Opiate oder Opioide bzw. ähnlich dämpfende Pharmaka einnehmen. Auch diese vollkommen legalen Medikamente können die Fahrtauglichkeit einschränken, genau wie dies bei CBD der Fall sei. Deshalb empfiehlt es sich nicht, kurz vor dem Autofahren oder gar währenddessen CBD-Produkte zu sich zu nehmen.

Ob der Boom um CBD-Cannabis in der Schweiz anhalten wird, ist derzeit nicht abzusehen. Die hohen Preise sind, wie die Labortests gezeigt haben, meist nicht gerechtfertigt. Konsumenten sollten daher die Quelle der Produkte auf ihre Glaubwürdigkeit überprüfen.

CBD ist nach THC das zweithäufigste Cannabinoid im Hanf, im Nutzhanf bringt es CBD sogar auf Platz Nummer eins. Cannabidiol hat zahlreiche medizinische Eigenschaften, ist jedoch – abgesehen von einer leicht beruhigenden Wirkung – ein nicht bzw. nur sehr leicht psychoaktives Molekül. CBD wirkt entzündungshemmend, schmerzlindernd und sedativ und kann unter anderem bei Angststörungen, Übelkeit und Erbrechen, schizophrenen Psychosen, Schlafstörungen, Bewegungsstörungen und Abhängigkeiten eingesetzt werden. CBD ist im deutschsprachigen Raum legal.