Cannabis und Schizophrenie

Bei aller Euphorie über das neue Gesetz – die Freigabe wirft auch Fragen auf. Kann Cannabiskonsum eine Schizophrenie auslösen? Unsere Expertin, die Psychiaterin Dr. Eva Milz, erklärt die Zusammenhänge.

BEDINGUNGEN FÜR EINE SCHIZOPHRENIE

Die Wahrscheinlichkeit, im Verlauf des Lebens an einer Schizophrenie zu erkranken, liegt in etwa bei einem Prozent. Eine vergleichsweise seltene psychiatrische Erkrankung, die allerdings Menschen meist früh und somit in der vielleicht produktivsten Lebensphase (bis zum 30. Lebensjahr) trifft. Es gibt eine genetische Empfindlichkeit, die durch ungünstige Einflüsse wie zum Beispiel Drogenkonsum oder auch durch ein hochemotionales Umfeld zum Ausbilden von Symptomen führt. Diese Symptome können sich zunächst nur subtil in Form von dem Gedanken, Dinge beeinflussen zu können oder verfolgt zu werden, äußern. Die stärkste Ausprägung ist die akute Psychose, in der die Realität verkannt wird, Halluzinationen auftreten und der Betroffene nicht mehr in der Lage ist, seinen täglichen Aufgaben nachzugehen. Das Auftreten einer akuten Psychose oder psychoseähnlicher Zustände ist nicht gleichbedeutend mit dem Vorliegen einer Schizophrenie. Es gibt verschiedenste Auslöser für vorübergehende psychotische Ausnahmezustände: Neben halluzinogenen Drogen und psychischen Überlastungszuständen mit Schlafdefizit können auch schwere Depressionen, organische Erkrankungen und vor allem auch wiedererlebte Traumatisierungen Menschen zum „Austicken“ bringen. Sowohl die diagnostische Einordnung als auch die Behandlung psychotischer Zustände ist komplex. Meist zeigt erst die Verlaufsbeobachtung, ob eine Schizophrenie vorliegt.

THC macht die Pflanze zur Droge.

KANN CANNABIS AUSLÖSER SEIN?
Immer wieder wurde in der Vergangenheit die Diagnose einer Schizophrenie in den Kontext von jugendlichem Cannabiskonsum gebracht. Im Januar 2017 wurde in einer der renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften (Nature) eine Untersuchung zum Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und der Entwicklung einer Schizophrenie veröffentlicht. Es konnte nachgewiesen werden, dass genetisch vorbelastete Menschen, die Cannabis rauchen, sehr viel stärker gefährdet sind. Aktuell versucht man herauszufinden, ob es sogenannte Marker gibt, d. h. ob man aufgrund einer Genanalyse feststellen kann, dass eine Schizophrenie „schlummert“. Wichtige Informationen fehlen in der Untersuchung, zum Beispiel sagt sie nichts darüber aus, welche Konsummenge und -häufigkeit die Gefahr erhöht. Zudem ist völlig unklar, wie hoch der THC-Gehalt war und ob eventuell sogar Streckmittel beigemengt waren, die sich schädlich auswirken konnten: Die Schlussfolgerung ergab sich nämlich aus den Aussagen der Betroffenen, die illegales – und somit undefinierbares – Cannabis genutzt haben, und lautet: Wer genetisch vorbelastet ist und oft und viel THC-reiches Cannabis konsumiert, erkrankt wahrscheinlicher als Nicht-Konsumenten.

Eine repräsentative Studie ist es dadurch nicht – dafür hätte eine Gruppe von Patienten über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinsichtlich Konsum und Ausbildung einer Schizophrenie beobachtet werden müssen. An dieser Stelle wird die Abgrenzung der Begrifflichkeit zu Cannabis relevant. THC ist das bekannteste und zugleich berüchtigtste Cannabinoid der Pflanze, welches unter anderem antidepressive, schmerzlindernde, aktivierende und eben auch bewusstseinsverändernde und somit psychosefördernde Eigenschaften hat – es macht die Pflanze zur Droge. Weil Freizeitkonsumenten einen Rauschzustand wünschen, wird der illegale Anbau auf einen möglichst hohen THC-Gehalt der Blüten ausgerichtet. Auf den Umstand, dass THC psychotische Störungen auslösen und eine Schizophrenie ungünstig beeinflussen kann, wies sein Entdecker Prof. Raphael Mechoulam bereits 1970 hin.

CBD ALS MILDERNDER GEGENSPIELER

CBD, das unbekanntere Cannabinoid im Cannabis, wirkt hingegen antipsychotisch – zwei gegensätzliche Wirkstoffe in einer Pflanze. Anfang der neunziger Jahre wurde bereits an Mäusen die Wirkung eines potenten antipsychotischen Medikaments gegen die Wirkung von hochdosiertem Cannabidiol (CBD) getestet. Dieses Ergebnis konnte beim Menschen in den letzten Jahren reproduziert werden. Das Endocannabinoidsystem sollte in zukünftigen Erhebungen in den Fokus rücken – und wie es auf genau definierte Mengen an THC- und CBD-Gehalten in Blüten reagiert. Auch die Wirkung von Terpenen und noch zu erforschenden Bestandteilen muss ergründet werden.

Schizophren Erkrankte erleben häufiger Traumatisierungen.

EIN PRAXISBEISPIEL

Bis zur Gesetzesänderung habe ich Menschen bei der Antragstellung geholfen, sich ihren Cannabiskonsum als medizinisch notwendig von der Bundesopiumstelle genehmigen zu lassen. In dem Zusammenhang suchte mich ein Patient mit einer diagnostizierten paranoiden Schizophrenie auf. Ihm helfe Cannabis seit einigen Jahren, stabil zu sein. Im Gespräch schilderte er noch Symptome, die auf das Vorliegen einer posttraumatischen Belastungsstörung hinwiesen, Schmerzen im Bereich des Skelettsystems sowie einen Tinnitus. Die verordnete antipsychotische Medikation nahm er regelmäßig ein, äußerte aber Nebenwirkungen in Form einer abgeflachten Stimmung und Antriebslosigkeit. Die Angaben wurden von den behandelnden Ärzten und Kliniken bestätigt, sodass die Frage blieb: Warum trat trotz gegenteiliger Vermutungen keine Verschlimmerung der Schizophrenie durch Cannabis auf? Schizophren Erkrankte erleben häufiger Traumatisierungen als die Allgemeinbevölkerung. Sie können Erlebnisse schlechter filtern und sich weniger abgrenzen. Leider erfolgt die Erstbehandlung auch oft entgegen der Einsicht des Patienten. Bei der posttraumatischen Belastungsstörung ist THC das wesentliche Cannabinoid, um wiederkehrende Erinnerungen, die zu Schlafstörungen und psychischer Instabilität führen, zu bekämpfen. Zudem wirkt THC stimmungsaufhellend, weswegen es häufig zur Bekämpfung der Nebenwirkungen selbstmedikamentierend eingesetzt wird. Es erschien also möglich, dass durch eine Kombination der damals verfügbaren Sorten, von denen zwei bereits einen außergewöhnlich hohen CBD-Gehalt aufwiesen, eine rationale Behandlung mit Cannabisblüten durchgeführt werden konnte. Dem Antrag wurde stattgegeben, der Patient darf sich seither mit Cannabisblüten selbst behandeln.

WICHTIG: ZU WISSEN, WAS DRIN IST

Mit diesem Beispiel soll nicht „Kiffen trotz Schizophrenie“ propagiert, sondern auf die Schwäche des Vergleichs mit dem unkontrollierten Konsum von THC-reichem Cannabis bei schizophrener Vorbelastung hingewiesen werden. Die Entwicklung einer Schizophrenie ist eine ernst zu nehmende Gefahr des Cannabiskonsums im Jugend- und jungen Erwachsenenalter. Dennoch gibt es aus psychiatrischer Sicht zu bedenken, dass es auch junge Menschen zum Beispiel mit Traumaerfahrungen oder Hyperaktivität gibt, denen Cannabis hilft und denen der medizinische Zugang ermöglicht werden sollte. Für repräsentative Erkenntnisse dürfen Studien nicht undefinierbares Cannabis und unkontrollierten Konsum zugrunde legen. Auch bei Medikamenten gibt es fundierte Warnhinweise und Einschränkungen des Anwendungsgebietes – das sollte es für Cannabis auch geben.