CANNABIS & SEXUALITÄT

Sexuelle Lust und Cannabisrausch – beides Phänomene, die lange Zeit verkrampft thematisiert wurden. Was die Wissenschaft nicht abgehalten hat, Forschungen zu initiieren und einige interessante Hypothesen aufzustellen. Auch in ganz direktem Zusammenhang: Wie sich Cannabis auf unsere Sexualität auswirken kann, ist in Ansätzen bereits erforscht worden.

Bevor das Endocannabinoidsystem im menschlichen Körper entdeckt wurde, schrieb man den Einfluss von Cannabis auf die Sexualität dem Drogenrausch zu. Beispiellos ging der damalige Vorsitzende des US-amerikanischen Federal Bureau of Narcotics (FBN) Henry Anslinger in den 30er Jahren vor. In seiner „Reefer-Madness“-Kampagne wurde das von afrikanischen und mexikanischen Einwanderern ins Land gebrachte Cannabis für den Verfall der Gesellschaft und insbesondere der weißen Frau verantwortlich gemacht. Hemmungsloser Jazztanz, Sexorgien, Luderleben und Geisteskrankheiten seien die Folgen dieses Teufelskrauts, was mit der Bezeichnung „Marijuana“ nun eine rassistische Prägung erhielt.

Eine Besonderheit war auch die neue Einnahmeform. Cannabis wurde zu damaliger Zeit als flüssige Medizin verabreicht und war ein gängiges Mittel aus der Apotheke. Nun wurde das Pflanzenmaterial geraucht und somit durch die Verbrennung das rauscherzeugende Cannabinoid THC schneller wirksam. Man kann also davon ausgehen, dass sich nach der Inhalation von Zigaretten mit Cannabis das Verhalten der Konsumierenden allgemein und speziell das sexuelle Verhalten sichtbar verändert haben muss.

CANNABIS ENTSCHLÜSSELT

Wie es zum Rausch kam, war zum damaligen Zeitpunkt allerdings unbekannt. Die Bestandteile von Opium und die Wirkweise der Morphine konnten schon Anfang des 19. Jahrhunderts entschlüsselt werden.

Für Cannabis gelang dies erst nach seiner Einstufung als Droge ohne medizinische Wirkung und dem vollständigen Verbot. Den israelischen Wissenschaftlern Yechiel Gaoni und Raphael Mechoulam gelang die Isolation von Tetrahydrocannabinol im Jahr 1964. Nachdem die psychoaktive Wirkung von THC im Gehirn entschlüsselt war, gelang es nach und nach, verschiedene Endocannabinoide (körpereigene Cannabinoide), Cannabinoid-Rezeptoren (eigene Andockstellen) und ein komplexes System mit regulierenden Funktionen im gesamten Säugetierorganismus nachzuweisen. Die biologische Erklärung, warum von außen zugeführtes Cannabis nicht nur berauschend wirkt, warf zugleich die Frage auf, was die Aufgaben dieses Systems im Körper sind. Gibt es biochemische Hintergründe der vermeintlich sexuell anregenden Wirkung?

PAARUNGSVERHALTEN BEI RATTEN DURCH THC VERLANGSAMT

Zu Beginn der 70er Jahre widmete sich die Wissenschaft von verschiedenen Seiten dem offensichtlichen Thema „Marijuana and Sexuality“. In der Literatur ist eine Spaltung zwischen der mechanistischen Grundlagenforschung zur Pflanze Cannabis und der gesellschaftlichen Betrachtung der Droge Marihuana erkennbar.

In dem frühen Experiment Effects of THC on Copulation in the Male Rat (1972) verabreichte man männlichen Ratten eine hohe Dosis an THC und stellte fest, dass das Paarungsverhalten etwas verlangsamt vonstattenging und es seltener zu Samenergüssen in einem vorgegebenen Zeitraum kam.

DIE FORSCHER SCHLUSSFOLGERTEN, DASS ES AN MANGELNDER MOTIVATION GELEGEN HABEN MÜSSE.

Die Forscher schlussfolgerten, dass es an mangelnder Motivation gelegen haben müsse, da die Motorik der Ratten nicht eingeschränkt gewesen wäre. Kurze Zeit später erschien eine Erhebung mit dem Titel Marijuana and Sexual Activity (1974), für die College-Studenten nach ihren sexuellen Erlebnissen unter dem Einfluss von Marihuana befragt wurden. Es stellte sich heraus, dass bei weiblichen Konsumentinnen vor allem das sexuelle Verlangen verstärkt wurde, während die männlichen Teilnehmer auch den sexuellen Akt als befriedigender wahrnahmen. Diese günstige Wirkung schien aber maßgeblich von der Dosis abzuhängen, denn bereits ab zwei Joints sank bei beiden Geschlechtern die Anzahl derer, die eine Steigerung der Lust schilderten.

BEI WEIBLICHEN KONSUMENTINNEN WURDE VOR ALLEM DAS SEXUELLE VERLANGEN VERSTÄRKT.

Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass man Marihuana aphrodisierende Eigenschaften zusprechen könne. Die Bewertung der menschlichen Sexualität unter dem Einfluss von Drogen sei aber ein schwierig zu durchschauendes psycho- und soziologisches Spannungsfeld.

MEHR ANANDAMID IN GESUNDEM SPERMA

In den 90er Jahren fügten sich in der Grundlagenforschung wichtige Puzzleteile zusammen, das eigentliche Endocannabinoidsystem (ECS) wurde erstmalig beschrieben. Es stellte sich heraus, dass der Einfluss auf die Fortpflanzung nicht nur aus einer Veränderung der Geschlechtshormone (Testosteron, Östrogen) resultiert, sondern dass das ECS entscheidende Funktionen erfüllt. Das Endocannabinoid Anandamid (ein von Körper selbstständig produzierter Stoff, der chemisch den Cannabinoiden in der Pflanze gleicht) reguliert im weiblichen Organismus die Motivation zur Fortpflanzung, die Funktionstüchtigkeit von Eizellen sowie den Ablauf der Befruchtung, Transport im Eileiter, Einnistung und Schwangerschaft. In der Samenflüssigkeit von Männern, deren Spermien eine krankhaft reduzierte Beweglichkeit aufweisen, fand sich ein sehr viel geringerer Anandamidgehalt als bei Gesunden. Man betonte in dieser Veröffentlichung von 2013, wie sensibel das Endocannabinoidsystem auf äußere Einflüsse reagiere.

EINGRIFF INS ECS MIT TÖDLICHEN FOLGEN

Tragischerweise machte dann im Jahr 2016 der Einsatz eines Medikamentes des Pharmaherstellers Bial Schlagzeilen. Eine Substanz, die in den Stoffwechsel der Endocannabinoide eingreift. Die Hypothese, man hemme den Abbau der körpereigenen Cannabinoide und erhöhe so deren Wirksamkeit (in diesem Fall eine Schmerzreduktion) führte in einer Phase-I-Studie am Menschen zum Todesfall eines gesunden Probanden.

Weitere Versuchsteilnehmer waren innerhalb weniger Tage zum Teil schwerwiegend neurologisch beeinträchtigt, sodass ein Zusammenhang zur Studie direkt hergestellt werden konnte, und der sofortige Abbruch folgte. Später fand man heraus, dass es in vorangegangenen Tierversuchen auch Todesfälle unter Affen und Hunden gab, die verschwiegen worden waren. Außerdem wurde für einige Versuchsgruppen eine sehr hohe Dosierung des Medikaments gewählt, obwohl man bereits wusste, wie empfindlich das ECS ist. Zwischen Wirkungslosigkeit und vollständigem Lahmlegen des Systems mit unvorhersehbaren Konsequenzen liegt oft nur eine geringe Dosisänderung. Das spiegelt wider, wie viel wir im Kleinen bereits wissen, im Großen aber noch nicht verstanden haben.

DIE UMFANGREICHSTEN DATEN LIEFERN ILLEGALE KONSUMENTEN

Trotz der immensen Fortschritte in der Grundlagenforschung steckt das medizinische Wissen und damit die therapeutische Nutzung in den Kinderschuhen. Die Daten, die zur Bewertung der Wirkung von Cannabis herangezogen werden, stammen immer noch hauptsächlich aus der Befragung illegaler Konsumenten.

Damit bleiben die Wirkzusammensetzungen und Dosierungen ungenau und die Beschreibung der Auswirkungen auf eine Selbstbeobachtung der Konsumenten beschränkt. Eine seit 2002 wiederholte Befragung zu Marijuana Use and Sexual Frequency umfasst die Daten von 50.000 Personen und kommt zu dem Ergebnis, dass Cannabiskonsumenten allen Alters häufiger Geschlechtsverkehr haben. Die Aussagekraft einer solchen Erhebung hat naturgemäß Grenzen.

In der aktuellsten Übersichtsarbeit Cannabis and Sexuality sind die Ergebnisse der letzten Jahrzehnte zusammengefasst. Der Autor schlussfolgert einen bidirektionalen Effekt. Das heißt, bis zu einem gewissen Punkt werden bei beiden Geschlechtern sexuelles Verlangen und der Prozess der Fortpflanzung positiv beeinflusst, dann nimmt es eine andere Richtung und wirkt sich negativ aus. Er kommt damit zu den gleichen Erkenntnissen wie bereits ein Forscher vor 40 Jahren und Paracelsus vor 480 Jahren: Allein die Dosis macht das Gift.