Cannabis bei neuropathischem Schmerz

Bevor Wissenschaftler das HI-Virus entdeckten, kursierten wilde Gerüchte über die Ursachen der Krankheit. Auch wenn Aids inzwischen zumindest in der westlichen Welt in Schach gehalten werden kann, gibt es kein Heilmittel. Zu den Spätfolgen der Erkrankung zählen neuropathische Schmerzen. Ob diese durch Cannabis gelindert werden können, wird derzeit an der Charité in Berlin untersucht.

Anfang der 1980er Jahre häufen sich bei bislang gesunden Patienten Krankheiten bzw. Symptome, die sonst meist nur bei Menschen mit einem schwachen Immunsystem auftauchen. Die These, dass es sich um eine neuartige Krankheit handelt, die vornehmlich homosexuelle Menschen betrifft, muss schnell wieder verworfen werden, da bald auch immer mehr Heterosexuelle von den Symptomen betroffen sind. Mitte der 80er Jahre entdeckt der französische Wissenschaftler Charlie Dauguet das Virus, das heute unter der Bezeichnung Humanes Immunschwächevirus (HIV) bekannt ist. Dieses ist der Auslöser des „Acquired Immune Deficiency Syndrome“, kurz Aids, an dem bisher über 35 Mio. Menschen gestorben sind (Stand 2015).

Weltweit sind bisher über 35 Millionen Menschen an Aids gestorben.

In Deutschland und der westlichen Welt hat man einen weiteren Anstieg der Zahlen der Neuinfektionen inzwischen verhindern können. In Deutschland leben rund 85.000 Infizierte. Hier haben die Betroffenen auch Zugang zu wirksamen Medikamenten, die die Ausbreitung des Virus im Körper verhindern oder zumindest verlangsamen und so die Lebenserwartung und Lebensqualität der Betroffenen wesentlich steigern. Gerade in den Ländern des südlichen Afrikas, wo zwei Drittel der Infizierten leben, fordert die Erkrankung jährlich Tausende Tote.

In Deutschland leben rund 85.000 Infizierte.

Das HI-Virus wird durch Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma, Vaginalsekret oder Muttermilch übertragen. Nach der Infektion kann es nach zwei bis sechs Wochen zu grippeähnlichen Symptomen wie Fieber, geschwollenen Lymphknoten oder Übelkeit kommen. In der anschließenden Latenzphase treten keine weiteren Symptome auf. Diese Phase kann mehrere Jahre andauern. Erst wenn das Virus bestimmte Infektionen oder bösartige Tumore auslöst, wird die Diagnose Aids gestellt. Eine der Beschwerden, die häufig mit einer HIV-Infektion einhergehen, sind neuropathische Schmerzen. Diese Nervenschmerzen entstehen durch Schädigung der Nerven, die eine abnorme Erregbarkeit der Nervenzellen auslöst.

CANNABIS ALS BEHANDLUNGSALTERNATIVE

Inwieweit neuropathische Schmerzen durch Cannabis – konkret die darin enthaltenen Cannabinoide – gelindert werden können, wird derzeit von einem Forschungsteam um Prof. Christoph Stein an der Charité in Berlin untersucht. Seine Forschungsgruppe ist Teil eines europäischen Konsortiums, bestehend aus elf Gruppen, die sich mit den Interaktionen und Wechselwirkungen von Cannabinoiden und Opioiden bei neuropathischem Schmerz auseinandersetzt. Dabei werden sowohl endogene, also körpereigene Cannabinoide untersucht als auch solche, die aus Pflanzen extrahiert werden. Im Vorfeld wurden bereits einige Tierversuche sowie klinische Studien durchgeführt.

An der Charité in Berlin wird derzeit ein pflanzliches Produkt an Probanden getestet. „Wir untersuchen die Beeinflussung von Schmerz durch Opioide und Cannabinoide“, erklärt Prof. Stein, der Leiter des Forschungsprojekts. Konkret handelt es sich um ein neuartiges Cannabinoid, das bisher nicht in Extraktform zur Verfügung stand. Dieses wird nun zum ersten Mal an Patienten getestet.

Die Substanz trägt die Bezeichnung Cannabidivarin (CBDV). Sie wird von einer pharmazeutischen Firma in Großbritannien aus der Cannabispflanze extrahiert. Bislang liegen experimentelle Daten vor, die gezeigt haben, dass CBDV in Nagetiertests neuropathischen Schmerz reduziert.

Die gleiche Substanz wird aktuell auch an Patienten mit Epilepsie getestet. Als Wirkmechanismus wird eine Aktivierung des endogenen Cannabinoidsystems vermutet. Die bisherigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass CBDV weniger Nebenwirkungen (z. B. Verwirrtheit, Sedierung, Gedächtnisstörungen) als herkömmliche Cannabinoide hervorrufen könnte. Erst ein Drittel der gesamt angestrebten Patientenzahl wurde für die Studie gefunden, insgesamt wolle man 50 Teilnehmer und Teilnehmerinnen gewinnen, so Stein. Ob die Freiwilligen für die Studie in Frage kommen, wird im ersten Schritt im sogenannten Screeningtelefonat geprüft. Entscheidende Kriterien sind dabei die Art der Vorerkrankung bzw. zusätzliche Erkrankungen. Wenn die Angaben in das Raster der Forscher passen, werden die Probanden zu einem ersten Vorgespräch gebeten. Werden in der klinischen Vorabuntersuchung keine Vorbehalte geweckt, kann anschließend mit der Studie begonnen werden.

Diese ist in zwei Phasen gegliedert. In der ersten wird den Probanden Substanz A verabreicht, gefolgt von einer sogenannten Auswaschphase, in der nichts weiter passiert, als dass der Körper evtl. zugeführte Stoffe abbaut und ausscheidet. Danach wird Substanz B verabreicht. In der letzten Phase wird wieder kein Stoff zugegeben. Es wird lediglich beobachtet, wie sich das Schmerzempfinden der Teilnehmenden verändert. „Während eine der Substanzen das Cannabinoidpräparat ist, handelt es sich bei der anderen um ein Placebopräparat ohne Wirkstoff. Weder Patient noch Arzt wissen jedoch, in welcher Reihenfolge die beiden verabreicht werden“, erklärt Stein das Prinzip von Doppelblindstudien.

Das Extrakt wird in Form einer öligen Lösung verabreicht. Der Hersteller will – positive Testergebnisse vorausgesetzt – das neue Präparat auf den Markt bringen. Bisher wurde das Präparat in einigen Tierversuchen und an gesunden Probanden getestet und bereits in anderen Studien zu anderen Indikationen außer Schmerz verwendet.

Bei den Probanden handelt es sich ausschließlich um Menschen, die nicht akut mit HIV infiziert sind. Die eigentliche Ansteckung liegt bei ihnen meist schon Jahre zurück. Die Patienten leben also schon lange mit der Infektion und werden auch schon jahrelang mit entsprechenden Medikamenten behandelt. Dabei handelt es sich um antivirale Medikamentencocktails, die das Virus an der Zellteilung und somit an der Ausbreitung hindern.

SCHMERZEN MIT UNGEKLÄRTER URSACHE

Neuropathischer Schmerz tritt häufig in der späteren Phase der Erkrankung auf. „Wir können auch immer noch nicht mit Sicherheit sagen, was die Ursache ist“, so Stein, „man vermutet, dass es damit zu tun hat, dass das Virus die Nervenzellen angegriffen hat. Es kann sich dabei aber auch um eine Nebenwirkung der antiviralen Medikamente handeln.“ Stein weist zudem darauf hin, dass die Studie sich nicht mit der Auswirkung von Cannabinoiden auf die HIV-Infektion direkt bezieht. Vielmehr gehe es um die Betrachtung von Komplikationen bzw. Beschwerden, die durch eine länger zurückliegende HIV-Infektion ausgelöst werden.

In Vorbereitung auf die Studie hat er sich ausführlich mit den bereits existierenden Studien zur Wirksamkeit von Cannabispräparaten bei Schmerzsyndromen beschäftigt. „Das Ergebnis der Metaanalyse ist leider, dass die Präparate nicht besonders gut wirksam sind. Der Stoff, den wir untersuchen, ist in dieser Übersicht noch nicht erfasst und wir hoffen natürlich, dass er besser wirken wird als die bisher untersuchten Stoffe“, so der Forscher.

Infizierte können jahrelang beschwerdefrei leben.

Tatsächlich gibt es in der Apotheke zahlreiche Präparate, die bei vielen Schmerzen besser wirken als Cannabis oder dessen Extrakte. Solange Cannabis richtig dosiert wird, ist es jedoch möglicherweise nebenwirkungsärmer und greift den Magen-Darm-Trakt nicht an, im Gegensatz zu vielen herkömmlichen Schmerzmedikamenten. Schon deswegen bevorzugen einige Patienten die Pflanze.

Neben Schmerzen können Beschwerden wie Appetit- und Schlaflosigkeit sowie Depressionen zu den Begleiterscheinungen einer Aids-Erkrankung zählen. Gerade in Bezug auf die Verringerung von Übelkeit gibt es einige Untersuchungen, bei denen mit Cannabis gute Ergebnisse erzielt werden konnten. Letztendlich bleibt jedoch kein Mittel ohne Nebenwirkungen: „Bei jeder Form der Cannabisverabreichung besteht das Risiko der Abhängigkeit“, weist Stein auf die Risiken hin. „Dabei spielt vor allem die Art des Extrakts eine Rolle.“ Nicht jedes Extrakt wirkt gleich. Viele haben typische THC-ähnliche Wirkungen. Bei diesen, so Stein, sei das Abhängigkeitsrisiko am höchsten. Weitere Nebenwirkungen oder Risiken seien rauschähnliche Zustände, Sedierung, Müdigkeit oder Konzentrationsstörungen.

„Diese Nebenwirkungen sind auch typisch für Opioide und bereits seit Jahren bekannt. Auch hier ist die Abhängigkeit ein großes Problem“, räumt der Forscher ein.
Was die Wechselwirkungen von Opioiden und Cannabinoiden angeht, habe man bereits feststellen können, dass sich die beiden Substanzen gegenseitig verstärken. Dies gelte hauptsächlich für die zentralen Nebenwirkungen und das Abhängigkeitsrisiko. „Man hofft jetzt natürlich, dass sich auch die medizinische Wirksamkeit verstärkt. Da gibt es beim Menschen allerdings bisher nur sehr wenig Daten“, so Stein. Der Mediziner hofft, dass sich bis Ende 2018 die nötige Anzahl an Probanden gefunden hat. Dann könnte die Studie Anfang 2019 abgeschlossen und die Ergebnisse ausgewertet werden.