Cannabis bei der Diagnose MS

Patienten mit Multipler Sklerose gehören zu der Gruppe, die am wahrscheinlichsten eine Behandlung mit einem Cannabismedikament erhält. Ihnen steht das Fertigarznei­mittel Sativex aus THC und CBD zur Verfügung. Wie es hilft und warum viele Betroffene dem Spray die Blüten vorziehen.

** „Sativex“ – Markenname eines Fertigarzneimittels mit dem Wirkstoff Nabiximol
** „Nabiximol“ – Wirkstoff mit standardisiertem THC- und CBD-Gehalt
** CBD – Cannabidiol
** THC – Tetrahydrocannabinol

Multiple Sklerose, kurz MS, ist eine autoimmune neurologische Erkrankung, die chronisch-entzündlich verläuft. Im Verlauf der Krankheit kommt es zu einer Demyelinisation, einer Schädigung der schützenden Schicht der Nervenbahnen, auch Markscheiden genannt, und der Nerven selbst. Der Verlauf schreitet in Schüben voran. Krankheitsschübe, in denen sich die Symptome verschlimmern bzw. neue Beschwerden auftreten, wechseln sich mit Phasen der Nichtverschlechterung ab. Die Erkrankten erleiden im Verlauf der Jahre immer wieder neue neurologische Schäden und eine fortschreitende Behinderung. Durch die Nervenschäden treten kognitive, sensorische und motorische Probleme auf. Multiple Sklerose ist nach aktuellem Stand der Medizin nicht heilbar. Das Ziel einer Therapie ist es, das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern oder zu verlangsamen. Die meisten Betroffenen erleben im Alter zwischen 15 und 40 Jahren das Auftreten der ersten Symptome.

Geschädigte Nerven

Typisch für MS sind die vielen (multiplen) Entzündungsherde im Nervensystem der Patienten. Bildgebende Verfahren zeigen eine regelrechte Durchlöcherung im Körper der Betroffenen durch die Autoimmunerkrankung. An diesen Stellen greifen Abwehrzellen des Körpers die Markscheiden an, die die Nervenfasern als elektrisch isolierende Schicht umgeben. Wie bei einem blanken Stromkabel können die so geschädigten Nervenbahnen ihre Funktion nicht mehr richtig ausführen. Mit der fortschreitenden Ausbreitung der Entzündungsherde im Nervensystem entstehen immer mehr neurologische Einschränkungen. Am Anfang kommt es meist zu einer Störung der Sehfunktion oder der Sensibilität, d. h. des Empfindens, welche sich durch Taubheit in den Händen und Beinen bemerkbar macht.

Durch die Nervenschäden treten kognitive, sensorische und motorische Probleme auf.

Vitamin D entscheidend

Die Multiple Sklerose ist die häufigste chronisch-entzündliche Erkrankung des Nervensystems in Europa. Auch ist sie die häufigste neurologische Erkrankung von jungen Erwachsenen. In Deutschland kommen auf 10.000 gesunde Personen etwa 150 bis 250 Menschen, die an MS erkrankt sind. Insgesamt existieren in der BRD damit über 200.000 Betroffene, weltweit sind es etwa zwei bis drei Millionen Menschen. Frauen dabei doppelt so häufig wie Männer. Bekannt ist diese Erkrankung seit etwa 1850, die Ursachen sind bisher allerdings nicht abschließend geklärt. Auslösende Faktoren sind viraler und genetischer Natur, aber auch der Vitamin-D-Haushalt hat einen entscheidenden Einfluss auf den Krankheitsverlauf. Weiterhin wirkt Sonnenlicht hemmend auf das Voranschreiten der Krankheit.

Therapie: Schübe mindern

Die „klassischen“ Therapieformen sind beispielsweise die Gabe von Glucocorticoide wie Cortison sowie Immunsuppressiva bzw. Immunmodulatoren. Ziel ist es, die Häufigkeit und Stärke der Schübe zu mindern. Patienten mit dieser Autoimmunerkrankung müssen diese Medikamente ihr ganzes Leben lang einnehmen, hier ist die Unverträglichkeit der verabreichten Präparate ein Problem.

Neben der eigentlichen Erkrankung sind die zahlreichen Symptome und Begleiterkrankungen der Patienten behandlungsbedürftig. Diese reichen von neurologischen Ausfällen über Gehbehinderungen, Krämpfe und Spastiken, Schmerzen, Blasendysfunktion, Sprach- und Schluckstörungen bis zu Komorbidität wie Depressionen. Diese Symptome und Folgeerscheinungen lassen sich einzeln behandeln. Die jeweiligen Medikamente rufen jedoch wiederum Nebenwirkungen hervor, die den Alltag der Patienten erschweren. Mit der richtigen und frühzeitigen Therapie lässt sich allgemein MS jedoch gut behandeln und die Lebenserwartung der Betroffenen ist nicht wesentlich geringer als die von gesunden Menschen.

MS mit Cannabis behandeln

Die meisten Erfahrungen und Studien gibt es zum Einsatz von Sativex bei MS. Die behandelnden Neurologen gehören zu den Fachärzten in Deutschland, die die größte Erfahrung im Einsatz von Cannabis-Medikamenten haben. Prof. Thomas Henze (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG)) sagte schon 2012 im Deutschen Bundestag zu Sativex bei Multiple Sklerose: „Wir haben in der klinischen Praxis einen Überblick über einen Zeitraum von etwa einem Jahr und man kann sagen, dass eine Reihe von Patienten von dieser zusätzlichen Therapie profitieren. Auch nicht um dem Preis verstärkter Nebenwirkungen, sondern im Gegenteil – das Medikament ist sehr gut verträglich.“

Neben der eigentlichen Erkrankung sind die zahlreichen Symptome und Begleiterkrankungen der Patienten behandlungsbedürftig.

Sativex wird als Mundspray verwendet. Die Dosierung wird in Sprühstößen angegeben. Ein Sprühstrahl Nabiximols enthält 2,7 mg Tetrahydrocannabinol und 2,5 mg Cannabidiol. Die mittlere Dosis bei MS beträgt acht Sprühstöße, 3 morgens und 5 abends. Die Dosisanpassung dauert im Regelfall 1 bis 2 Wochen und erfolgt in Schritten von einem oder zwei Sprühstößen mit einem Morgens-Abends-Verhältnis von etwa 3 zu 5. Die häufigsten Nebenwirkungen sind laut Fachinformation Schwindelanfälle, hauptsächlich in der ersten Woche, sowie Müdigkeit.

Mentale Wirkung der Pflanze

Sativex wirkt nicht nur gegen die Spastiken, für die es zugelassen ist. Es kann ebenfalls gegen die Schlafstörungen und Depressionen helfen sowie die Ursachen und die Wahrnehmung von Schmerzen lindern. Mit seiner entzündungshemmenden Wirkung wirkt es auch gegen die Grunderkrankung selbst. Durch eine Reduktion des (krankheitsbedingten) Stress‘ lässt sich die Frequenz der Schübe mindern.

Cannabis ergänzt sich gut mit anderen Mitteln. Durch seine Wirkung kann es helfen, die Dosierung und damit die Nebenwirkungen anderer Medikamente zu reduzieren.

Wie auch bei anderen THC-haltigen Cannabis arzneimittel ist beim Vorliegen von psychotischen Erkrankungen, bei Schwangeren und Stillenden, Kindern und Senioren eine besonders strenge Indikationsstellung notwendig.

In der Entwicklung von Sativex zeigte sich, dass THC für einen großen Anteil der Wirkung verantwortlich ist, während CBD neben seiner direkten Wirkung auch die Verträglichkeit steigert. CBD zusammen mit THC eingenommen macht die Rauschwirkung des THC verträglicher.

THC- und CBD-Öle und Blüten

Der Einsatz von Cannabisblüten bei MS durch einen Neurologen, der bereits Sativex eingesetzt hat, dürfte so ziemlich der einfachste Fall sein. Cannabis bei MS genießt bei den Betroffenen und ihren Ärzten auch dank Sativex einen guten Ruf – im Vergleich zu den Reaktionen von Psychiatern oder einigen ADHS-Foren bei diesem Thema. Auch ist ein Anschlagen der Therapie hier deutlich sichtbar.

Sorten kombinieren

Ärzte, die sich vorstellen können, Cannabisblüten zu verschreiben und einigen ihrer Patienten damit zu einer besseren Behandlung zu verhelfen, können sich auf ihre Erfahrungen stützen. Blüten mit einem ausgeglichenen Verhältnis von THC und CBD wie die Sorte „Bediol“ (6,3 % THC, 8 % CBD) der niederländischen Firma Bedrocan sind in ihrer Wirkung, der Dosierung und den Nebenwirkungen Sativex sehr ähnlich. Eine Alternative zum alkoholischen Extrakt Sativex kann auch die Kombina tion aus einer öligen Dronabinol- und CBD-Lösung sein. Diese können als Rezepturarzneimittel verordnet werden.

Sativex kann für Menschen mit MS ein wirksames Mittel sein, anderen helfen jedoch Cannabisblüten besser. Dies könnte unterschiedliche Ursachen haben: Zum einen ist Cannabis ergänzt sich gut mit anderen Mitteln. Durch seine Wirkung kann es helfen, die Dosierung und damit die Nebenwirkungen anderer Medikamente zu reduzieren. Sativex nur eine fixe Kombination aus THC und CBD, während verschiedene Cannabissorten erlauben, das Dosisverhältnis zu variieren. Zum anderen enthalten Cannabisblüten weitere wirksame Cannabinoide und Terpene, die im Spray fehlen.

Ein Beleg für die Überlegenheit von Cannabisblüten gegenüber Sativex ist der hohe Anteil an MS-Patienten mit einem Rezept für Cannabisblüten. Mit etwa 15,5 Prozent machen sie die größte Gruppe nach den Schmerzpatienten aus. Das Rezept wird meist nur verordnet, wenn andere Therapieoptionen – wie z. B. Sativex – keine ausreichende Wirkung gezeigt haben.

Problematischer Inhaltsstoff: Alkohol

Neben den Cannabis-Wirkstoffen enthält Sativex jedoch auch einen großen Anteil an Alkohol. Dieser Zusatz ist bei einigen Patientengruppen (ehemalige Alkoholiker, Kinder, Menschen mit Problemen im Mundraum, Schwangere etc.) in Kombination mit anderen Medikamenten sowie in Bezug auf den Straßen verkehr von Nachteil.

Cannabis kann mehr als THC

In Studien wurden Cannabis-Medikamente nicht nur für die Spastik bei MS eingesetzt, sondern auch bei den Indikationen Tremor, Blasendysfunktion, Fortschreiten der Erkrankung, Entzündung und kognitive Leistungsfähigkeit eingesetzt. Auch gegen Begleiterkrankungen wie Schlafprobleme und Depressionen wird Cannabis von Patienten erfolgreich genutzt.

Für THC, CBD und Nabiximol gibt es Belege für eine Wirksamkeit bei den mit Multiple Sklerose verbundenen Symptomen Tremor, Spastiken und Entzündungen. Es gibt eingeschränkt Belege für eine Verbesserung von weiteren Symptomen wie Schmerzen, Schlafstörungen sowie Blasendysfunktion.

Sativex war das erste in Deutschland zugelassene Cannabis-Fertigarzneimittel. Die Kosten für den Einsatz von Sativex werden von den Krankenkassen im Rahmen der Zulassung erstattet. Diese lautet: „als Add-on-Therapeutikum für erwachsene Multiple- Sklerose-Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Spastik, die nicht angemessen auf eine andere antispastische Arzneimitteltherapie angesprochen haben und die während eines Anfangstherapieversuchs mit dem Spray erheblich davon profitierten.“ In anderen Ländern wie Kanada ist Sativex auch bei Krebsschmerzen als Ergänzung zu einer Opioidtherapie oder bei neuropathischen Schmerzen bei MS zugelassen. Untersucht wurde der Einsatz bei Schmerzen aufgrund von rheumatischer Arthritis, Cannabisentzug (sic!), Chorea Huntington, diabetischer Neuropathie.

Der Wirkstoff in Sativex ist die Pflanzenextraktmischung Nabiximol. Sie besteht aus einem CBD-reichen und einem THC-reichen Cannabisextrakt. Hersteller von Sativex ist die britische Firma GW Pharmaceuticals. Sie darf den Rohstoff für ihr pflanzliches Arzneimittel selbst im eigenen Land anbauen – im Gegensatz beispielsweise zur Firma Bionorica.

Nach dem neuen „Cannabis als Medizin“-Gesetz von 2017 kann Sativex als standardisiertes Pflanzenextrakt unter bestimmten Bedingungen nicht nur bei MS erstattet werden.

Laut dem North American Research Committee on Multiple Sclerosis (NARCOMS) Registry: zur Nutzung von Cannabis bei MS Patienten

  • 53 % ziehen Cannabis als Medizin in Erwägung
  • 20 % haben mit ihrem Arzt darüber gesprochen
  • 25,5 % haben schon Cannabis als Medizin für ihre MS genutzt
  • 16 % nutzen es aktuell (durchschnittlich 20 Tagen pro Monat)

Quelle: Cofield S, Salter A, Tyry T, et al. Marijuana usage and disability in MS in the NARCOMS registry. Poster presented at: 67th Annual Meeting of the American Academy of Neurology; April 18-25, 2015; Washington, DC. Poster P1.140.