CANNABIS ALS KONSTANTE DER JUGENDKULTUR

Keine andere Substanz spielt in der Jugendkultur eine so große Rolle wie Cannabis. Die Hippies der 1960er und 1970er markieren dabei nicht nur den zeitlichen Beginn der jugendkulturellen Verbreitung von Cannabis, sondern wirken immer noch als stilistischer Bezugspunkt für nachwachsende Generationen. Der Experte Dr. Bernd Werse ist Mitbegründer des Centre of Drug Research und gibt einen wissenschaftlichen Einblick in sein Themenfeld.

Die heutige Verbreitung des Konsums illegaler Drogen kann im Wesentlichen als das Ergebnis j u g e n d k u l t u rell vermittelter Prozesse betrachtet werden: Der Anfangspunkt der massenhaften Verbreitung von Cannabis und anderen verbotenen Substanzen in westlichen Ländern ist relativ klar auf die späten 1960er und frühen 1970er Jahre zu datieren.

Dabei ist zu erwähnen, dass Drogenkonsumierenden in der öffentlichen Meinung immer noch häufig pauschal Problemmotive unterstellt werden. In den meisten Fällen probieren junge Menschen Drogen nicht deswegen aus, um irgendwelche Probleme zu bekämpfen. Ihre Bereitschaft wird maßgeblich durch die Haltung gegenüber Drogen geprägt. Die Einstellungen wiederum werden neben den Einflüssen der unmittelbaren Umgebung u.a. durch Botschaften geprägt, die innerhalb der Jugendkultur vermittelt werden.

Jugendliche probieren also Cannabis in erster Linie aus, weil sie innerhalb der Jugendkultur positive Deutungsmuster vermittelt bekommen haben. Der Begriff „Jugendkultur“ umfasst dabei grundsätzlich sowohl Inhalte, Artefakte und Stilmittel aus medial vermittelter Popkultur unterschiedlichster Ausprägung als auch die sich aus konkreten Interaktionen mit Gleichaltrigen konstituierende Alltagskultur Jugendlicher. Beides ist heutzutage durch die sozialen Medien wohl so stark miteinander verknüpft wie niemals zuvor.

IN DEN MEISTEN FÄLLEN PROBIEREN JUNGE MENSCHEN DROGEN NICHT DESWEGEN AUS, UM IRGENDWELCHE PROBLEME ZU BEKÄMPFEN.

Jugendkulturelle Repräsentation und Drogenverbreitung

Die erstmals über moderne Medien vermittelte Thematisierung der Droge im Jazz der 1920er bis 1940er Jahre („Reefer-Songs“) ist vor dem Hintergrund eines Bildes von Cannabis als Unterschichten- bzw. Minderheitendroge zu sehen: Über mexikanische Einwanderer hatte sich Marihuana zunächst in Teilen der schwarzen Bevölkerungsgruppe der USA durchgesetzt. Deswegen war die Droge unter äußerst populären Jazzmusikern wie Louis Armstrong („Muggles“) oder Cab Calloway („Reefer Man“) weit verbreitet und fand häufige Erwähnung in Songtiteln und -texten. Die Jazz-Szene, die vor dem Hintergrund von Ausgrenzung und gleichzeitiger künstlerisch-sinnlicher Faszination eine besondere Anziehungskraft auch auf weiße bürgerliche Nonkonformisten (‚Hipster‘) ausübte, sorgte mittelbar für eine Fortführung der Verbreitung symbolischer Zuschreibungen des Konsums der Droge.

Derartige Assoziationen mit Cannabis wurden in der Folgezeit u. a. durch Vertreter der literarischen ‚Beat Generation‘ in den 1950er Jahren weitergetragen und bildeten ein Bindeglied zur sich seit Beginn der 60er Jahre formierenden bürgerlichen ‚Gegenkultur‘ der Hippies (deren Name wiederum eine direkte Ableitung der Jazz-Begriffe ‚hip‘ bzw. ‚Hipster‘ ist).

Die Hippie-Szene beeinflusste maßgeblich die erstmalige massenhafte Verbreitung von Cannabis in westlichen Ländern – zumal die Hemmschwelle zum Probieren von Haschisch bzw. Marihuana mit ihren gerade im Vergleich zu LSD eher milden Wirkungen vergleichsweise niedrig liegt. Die Hippiebewegung markiert auch den Beginn einer auf Cannabis bezogenen jugendkulturellen Ikonographie – nicht nur die Droge selbst, sondern auch die Assoziation der Droge mit bestimmten Bildern und Vorstellungen fand über die Popkultur erstmals eine massenhafte Verbreitung: Bis heute hat sich das Klischee des langhaarigen kiffenden Hippies mit Batik-T-Shirt und zerrissenen Jeans, auch als Vorbild für Teile nachwachsender Jugendgenerationen, gehalten.

…JEDOCH SCHEINT SICH CANNABIS AUCH IN ANDEREN GENRES VON ANDEREN DROGEN IM WESENTLICHEN DADURCH ZU UNTERSCHEIDEN, DASS DIE SUBSTANZ ÜBERWIEGEND IN POSITIVER FORM THEMATISIERT WIRD.

Stilelemente der Hippiegeneration wurden deutlich vom indischen Kulturkreis beeinflusst. Ähnliches gilt für den Kulturkreis des Reggae, in dem Cannabis bis heute eine große Rolle spielt. Indische Einwanderer hatten den Hanf („Ganja“) mitsamt entsprechenden Konsumpraktiken Mitte des 19. Jahrhunderts auf Jamaika eingeführt. Diese wurde von der religiösen Bewegung der Rastafari adaptiert: So weisen typische „Rastamen“ ähnliche äußerliche Merkmale auf wie die Sadhus, indische Bettelmönche, die oft den Großteil ihrer Zeit mit Cannabiskonsum verbringen. Da das Cannabisrauchen bei den Rastafari ein Sakrament darstellt, konnte sich über die seit den 1970er Jahren weltweite Popularität des Reggae, deren Protagonisten häufig dem Rastafarianismus anhängen, ein weiteres populäres Klischeebild ‚typischer’ Cannabiskonsumenten etablieren. Insofern wurden Elemente dieser kulturellen Assoziation von Cannabis über den Musikstil des Reggae ein weiteres Mal in Kreise westlicher Jugendlicher und Erwachsener getragen.

Die Bedeutung des Reggae im Hinblick auf spätere, massenkompatible Stilrichtungen wie Hip Hop oder Techno ist dabei nicht zu unterschätzen. Dabei ist Reggae zwar die Musikrichtung, in der sich die häufigsten Idealisierungen der Droge finden, jedoch scheint sich Cannabis auch in anderen Genres von anderen Drogen im Wesentlichen dadurch zu unterscheiden, dass die Substanz überwiegend in positiver Form thematisiert wird. So zeigt eine zu Beginn der 70er Jahre durchgeführte Studie, dass (der Zeit entsprechend überwiegend von Bands aus dem Umfeld der Hippie-Kultur stammende) Songtexte, die sich mit Marihuana beschäftigten, die Droge vorwiegend positiv bewerteten, während Heroin und Kokain vornehmlich negativ eingeschätzt wurden und bei LSD eine ambivalente Einschätzung überwog. Bereits damals zeichnete sich also der oben angesprochene Sonderstatus der Droge innerhalb der Popkultur ab. Dieser kann auf eine Verknüpfung von Bezugspunkten von z. T. sehr alten kulturellen Traditionen, noch nicht so alten Traditionen, ‚anti-bürgerlicher‘ Mystizismen und Fortschrittskepsis (vor allem in der literarischen Romantik des 19. Jahrhunderts) sowie der historischen Assoziation der Droge mit sozial Schwachen bzw. „Ausgestoßenen“ zurückgeführt werden.

Festzuhalten gilt insgesamt, dass die Jugendkultur der 1960er/70er einen starken Einfluss auf die massenhafte Verwendung von Cannabis hatte. Der Cannabisgebrauch war als ‚kulturelle Innovation‘ etabliert und bewegte sich über die 1970er und 1980er Jahre hinweg auf etwa gleichbleibendenm Niveau. Dies ist insofern bemerkenswert, als die Botschaften, die in den stilprägenden Jugendkulturen der 1980er Jahre (Punk, New Wave, New Romantic/Popper u. a.) vermittelt wurden, häufig eine Ablehnung der „Hippiedroge“ implizierten. Es gibt also keine lineare Verbindung von jugendkultureller Repräsentation bestimmter Drogen und deren Verbreitung. Dennoch zeigt auch die weitere Entwicklung des Cannabisgebrauchs, dass kulturelle Vorbilder zumindest für die generelle Verbreitung der Droge eine nicht unwesentliche Rolle spielen.

Anfang der 1990er Jahre begann sich mit dem starken Anwachsen der Techno-Szene das Modell drogenunterstützter Party-Nächte in einem größeren Ausmaß zu etablieren. Hier wurde Cannabis häufiger konsumiert als Ecstasy, die Droge, die meist mit Techno assoziiert wird. Ebenfalls zu Beginn der 1990er Jahre begann sich Hip Hop als eines der dominanten jugendkulturellen Identifikationsangebote durchzusetzen, was sich in Deutschland dadurch äußerte, dass sich erstmals eine zahlenmäßig bedeutsame nationale Szene mit populären deutschsprachigen Künstlern formierte.

In denselben Zeitraum fällt eine bemerkenswerte Entwicklung hinsichtlich der Darstellung von Drogen, die von der ‚Ursprungsszene‘ in den USA ausging: Während im Rap der 1980er Jahre Drogen, u.a. Kokain, noch allenfalls in ambivalent-distanzierter Weise thematisiert wurden (etwa in „White Lines“ von Grandmaster Flash & The Furious Five), bekannten sich zahlreiche populäre US-Rapper bzw. Rap-Gruppen des folgenden Jahrzehnts (z. B. Cypress Hill, Snoop Dogg oder Dr. Dre) offensiv zum Cannabiskonsum. In der Folgezeit wurden Cannabiskonsum und der damit verbundene Gestus zum quasi festen Bestandteil in internationalen Hip-Hop-Szenen.

Cannabiskonsum und Jugendkultur: Aktuellere Entwicklungen und Befragungsergebnisse

Darauf, dass Änderungen in der Verbreitung tatsächlich mit jugendkulturellen Trends im Zusammenhang stehen dürften, deuten quantitative Analysen der lokalen MoSyD-Schülerbefragungen in Frankfurt a.M. seit 2004 hin: Jugendliche (15 Jahre und älter), die angeben, sehr gerne Hip Hop, Techno oder Reggae/Dancehall zu hören, weisen durchweg höhere Prävalenzraten für Cannabis auf. Besonders deutlich fällt diese Differenz bei der kleinen Gruppe der Reggae-Fans aus (aktuell: 67 Prozent Lebenszeiterfahrung vs. 50 Prozent im Durchschnitt). Noch höher ist der Anteil der Cannabiserfahrenen unter den Techno-Anhängern (72 Prozent), die allerdings bei den meisten Drogen (inklusive Alkohol) erhöhte Prävalenzraten aufwiesen. Geringer, aber immer noch überdurchschnittlich ist der Anteil Cannabiserfahrener unter Hip-Hop-Fans (58 Prozent).

Dabei ist zu beachten, dass mit 45 Prozent der Anteil derer, die diesen Stil sehr gerne hören, so hoch wie bei keiner anderen Musikrichtung ist. Der Effekt, dass die Verbreitung jugendkultureller Stile einen Einfluss auf die Verbreitung bestimmter Drogen haben kann, fällt mithin geringer aus, wenn diese Stile selbst Teil des ‚Mainstreams‘ sind. Cannabis funktioniert auch heute noch oft als vergleichsweise unspezifisches Mittel zur symbolischen Abgrenzung von den Erwachsenen einerseits und den ‚braven‘ Mitschülern andererseits. Selbst wenn heute mit den neueren Stilrichtungen auch andere (jugend)kulturelle Bezugspunkte zum Konsum von Cannabis zur Verfügung stehen, so haben sich Assoziationen zur Hippie-Ära offenbar über mehrere Jugendgenerationen bis heute gehalten.

Der jugendliche Freundeskreis wirkt dabei oft als Verstärker für die geteilte Überzeugung einer besonderen Harmlosigkeit von Cannabis. Diese wiederum ist teilweise vor dem Hintergrund des in den Augen der Konsumenten unberechtigten Cannabisverbots zu betrachten – die Prohibition bewirkt zumindest innerhalb solcher Umfelder unterschwellig eher eine Art Trotzreaktion und somit das Gegenteil der generalpräventiven Intention des BtMG. In anderen Worten: Dass Cannabis verboten ist, ist zumindest für manche Konsumierende ein (wenn auch oft nur indirektes) Konsummotiv. Insofern wirkt der durch die spezifischen kulturhistorischen Bedingungen von Cannabis ermöglichte rebellische ‚Gegengeist‘ auch bei heutigen Jugendlichen, die im Fokus von Präventionsbemühungen stehen (sollten), weiter. Dies erschwert auch weiterhin Bemühungen zur positiven Einflussnahme auf die jungen Konsumenten, solange das Cannabisverbot und die damit zusammenhängenden Tabuisierungen (z. B. bei Lehrern) fortbestehen.