BODENSCHATZ – in.fused bei der Hanfernte

Wer kann schon von sich behaupten, mitten in einem Hanffeld gestanden zu haben? In.fused war bei der Ernte in Brandenburg dabei. Aber reif ist nicht gleich reif, haben wir gelernt. Geerntet wird je nachdem, was von der Pflanze gebraucht wird. Und ganz nebenher reinigt sie noch den Ackerboden.

Irgendwie wollte der Sommer in diesem Jahr nicht so richtig in Gang kommen. Auch an dem Tag, Anfang August, an dem „Hanffaser Uckermark“ zum Sommerfest in Prenzlau geladen hat, jagt eine Regenwolke die nächste. Immerhin hat man aus den Erfahrungen vom Vorjahr – Gewitter und heftige Windböen – gelernt und ein großes Zelt aufgestellt, unter das sich die Anwesenden mit Kuchen und Bratwurst drängen. Neben einer Führung durch die Fabrik bildet die Vorführung der Hanferntemaschine, dem Blücher, den Höhepunkt des Nachmittags.

Ein üppiges Hanffeld mit meterhohen Pflanzen soweit das Auge reicht, sucht man hier jedoch vergebens. Zu Vorführungszwecken wurde lediglich eine kleine Fläche beackert. Da diese jedoch 80 Jahre lang unter Beton begraben lag und der Boden erst allmählich rekultiviert werden muss, bieten die Pflanzen keinen besonders stolzen Anblick. Da sieht es auf dem Hanffeld von Bauer Böttcher in Brandenburg schon ganz anders aus, aber dazu später mehr.

HANF AUF DEM FELD

Derzeit werden in Deutschland zwischen 2.000 und 3.000 Hektar Hanf jährlich angebaut. Europaweit ist die Tendenz steigend, denn Hanf wird langsam von immer mehr Verbrauchern als Baustoff und Nahrungsmittel (wieder)entdeckt. Hanf als nicht-psychoaktive Nutzpflanze darf in Deutschland frei angebaut werden. Der Anbau muss jedoch bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) angemeldet werden und diese Anmeldung dürfen nur registrierte Landwirte vornehmen. Insgesamt 49 Nutzhanfsorten wurden von der EU zertifiziert und stehen den Landwirten zu Verfügung. Die Blüten dürfen einen maximalen THC-Gehalt von 0,2 Prozent aufweisen. Das Saatgut ist daher speziell zertifiziert, diese Zertifikate müssen Landwirte bei der Registrierung vorlegen.

Ende Juli muss dann eine sogenannte Blütemeldung ans Amt erfolgen. Dann wird die THC-Konzentration in den Pflanzen am höchsten sein. Daher wurde dieser Moment vom BLE ausgewählt, um Proben der Pflanzen zu nehmen. Die Prüfer melden sich bei den Bauern an und wählen zehn bis 20 beliebige Pflanzen aus, die mitgenommen und im Labor überprüft werden. Nach ca. drei Wochen erfolgt dann die Freigabe zur Ernte – oder eben nicht, wenn der THC-Gehalt zu hoch war. In dem Fall droht allerdings den Bauern keine Strafe. Wenn die entsprechenden Zertifikate vorliegen, muss sich der Samenhersteller verantworten. Wenn der Hanf nicht für den Verzehr, sondern für Baustoffe o. ä. bestimmt ist, fallen die Beanstandungen meist geringer aus, da die Vorschriften weniger streng sind als bei der Lebensmittelverarbeitung.

HANF VERBESSERT DIE BODENQUALITÄT

Marijn Roersch van der Hoogte, der Rohstoffkoordinator von „Hanffaser Uckermark“, berichtet, dass er immer auf der Suche nach Landwirten sei, die Hanf anbauen. Wenn es darum geht, sie zu überzeugen und für den Hanfanbau zu begeistern, habe er mit jungen Bauern den größten Erfolg. „Die sind noch neugierig und trauen sich, was Neues auszuprobieren“, so Marijn. Die unsichere Wetterlage und die veraltete Erntetechnik, aber auch der Mangel an Erfahrung hält derzeit noch viele davon ab, sich dem Hanfanbau zu widmen.

Einer der es trotzdem gewagt hat, ist Bernd Böttcher. Der Bauer aus der Nähe von Augsburg baut seit 1993 Flachs und Hanf an. Drei Jahre später übernahm er einen Betrieb in Brandenburg und kultiviert die Pflanze seitdem auch dort. Böttcher schätzt Hanf nicht nur wegen seiner Fasern. Auf Grund seiner enormen Wurzelmasse eigne er sich auch ideal als Vorfrucht für andere Pflanzen, denen er Nährstoffe zugänglich macht. Durch das schnelle Pflanzenwachstum kann Böttcher völlig auf Pestizide verzichten. Das sei nicht nur umweltfreundlich, sondern erspare dem Bauern auch einiges an Kosten. Neben dem dauerhaften Anbau eignet sich Hanf auch für Landwirte, die von konventioneller auf ökologische Landwirtschaft umsteigen wollen. Hanf kann die Bodenqualität verbessern und Schwermetalle aus dem Boden ziehen. Die Hanfpflanze nimmt diese auf, baut sie in andere Moleküle ein und macht sie so zu einem Teil von sich. Dadurch werden die Stoffe unbedenklich, auch wenn die Hanfpflanze später als Dämmstoff oder zu anderen Baumaterialien weiterverarbeitet werden.

EINFACHES SPIEL FÜR DIE BAUERN

Wer im Sommer durch die Landschaft streift, genießt in der Regel den weitläufigen Ausblick über die blühenden Felder. Bei Böttchers Hanffeld reicht er jedoch nicht weit: Neben den kräftigen Pflanzen wirkt selbst der gestandene Bauer klein und sogar das Fahrerhäuschen der Erntemaschine überragt die Pflanzen um keinen halben Meter. Hanf kann bis zu drei oder vier Meter hoch werden und das in nur wenigen Wochen. Dabei bildet er eine der stärksten Fasern der Natur aus. Durch sein enormes Tempo lässt der Hanf anderen Pflanzen keine Chance. Nach drei Wochen hat er den kompletten Acker überschattet und sämtliche Unkräuter verdrängt.

Bei der Aussaat, die in der Regel Mitte April bis Mitte Mai erfolgt, können konventionelle Drillmaschinen verwendet werden. Aus 50 Kilo Samen, die pro Hektar ausgesät werden, entstehen durchschnittlich 270 Pflanzen pro Quadratmeter. Die Wurzeln können bis zu drei Meter lang werden.

Dadurch hat die Hanfpflanze Zugang zum Grundwasser und kann sich auch bei Trockenheit weiterentwickeln. „Hanf ist nicht anspruchsvoll, außer bei der Ernte“, stellt Marijn fest. „Bis zu diesem Zeitpunkt muss der Landwirt nicht viel machen. Man braucht weder zu spritzen noch zusätzlich zu düngen“.

HANF IST NICHT ANSPRUCHSVOLL, AUSSER BEI DER ERNTE

NUR FÜNF ERNTEMASCHINEN WELTWEIT

Ein bisschen gedüngt hat Böttcher schon, um dem Pflanzenwachstum auf die Sprünge zu helfen, wie er verrät: Stickstoff, Phosphor und Kali, gleich nach der Aussaat. Zur Ernte müssen Spezialmaschinen eingesetzt werden, um die Pflanze zu schneiden. Der Prototyp des gelben Blüchers, der sich unermüdlich durch Böttchers Acker kämpft, wurde Ende der 1990er Jahre für die Hanfernte entwickelt. Das Ungetüm ist mit zwei senkrechten Walzen, die größer als Ölfässer sind, mit vielen kleinen Klingen bestückt. So kann der Erntehelfer dem Hanfwald zu Leibe rücken. Marjin weist darauf hin, dass momentan weltweit nur fünf dieser Maschinen zum Einsatz kommen.

Alle 80 Zentimeter wird die Pflanze geschnitten. Das geschieht, um die Faserlänge zu verkürzen, denn je länger die Pflanze ist, desto größer ist die Gefahr, dass sich die Fasern irgendwo in der Maschine herumwickeln. Es sind schon mehrere Mähdrescher abgebrannt, weil die zu langen Stängel sich verfangen haben. Denn die Fasern brechen nicht, sondern fangen durch die Wärmeentwicklung der Reibungskräfte an zu glühen, bis sie Feuer fangen. Derzeit arbeitet man nicht nur im landwirtschaftlichen Bereich, sondern auch in den verschiedenen Sektoren der Weiterverarbeitung mit Hochdruck an der Weiter- bzw. Neuentwicklung von Maschinen, die den Produktionsprozess beschleunigen und vereinfachen. Anfang des letzten Jahrhunderts wurde Hanf vielseitig eingesetzt. Mit dem Verbot der Pflanze kamen Anbau und Nutzung in Deutschland zeitweilig fast völlig zum Stillstand. Dadurch kam auch die Forschung und Weiterentwicklung der Landwirtschafts- und Produktionsmaschinen zum Erliegen. Es mangelt heute an Gerätschaften, die sich auf dem neuesten Stand der Technik befinden. Die Entwicklung macht große Investitionen nötig, die für die einzelnen Betriebe schwer aufzubringen sind.

DER RICHTIGE ZEITPUNKT: JE NACHDEM

Wann geerntet wird, hängt vor allem davon ab, welcher Teil der Pflanze vorrangig genutzt werden soll. Bereits im Juli sammelt man die noch jungen Blätter, um diese in Teemischungen zu verarbeiten. Besonders vorsichtige Produzenten lassen die Blätter per Hand pflücken und auf großen Sieben an der Luft trocknen. So wird sichergestellt, dass sich später keine Holzteile im Tee befinden.

Mitte September sind die Samen voll ausgereift. Zu diesem Zeitpunkt wird geerntet, wenn aus den Samen Öl gewonnen werden soll oder die Samen in geschälter Form verwenden werden. Die Ernte zur Faserhanfgewinnung findet hingegen bereits Anfang August statt. Das ist die Zeit, wenn die Pflanzen anfangen, die ersten Samen auszubilden. Dann beginnt auch der Stängel zu verholzen, um das Gewicht der Samen weiterhin tragen zu können. Wenn man den Hanf vorher erntet, lassen sich die Fasern noch relativ leicht vom Stängel trennen.

Für die Fasergewinnung werden die Pflanzenteile vorerst auf dem Feld liegengelassen, damit die Röste einsetzen kann, während derer die Pflanzen fermentieren. In diesen Prozessen zersetzen Mikroorganismen die Klebstoffe in der Pflanze, wodurch sich die Fasern vom Rest der Pflanze lösen lassen. Für die Röste auf dem Feld muss das Wetter stimmen. Die Mikroorganismen, die für diesen Vorgang verantwortlich sind, brauchen Sonne und Regen. Der Prozess dauert in der Regel zwei bis drei Wochen. Wenn der Hanfstängel knackt und die Hanffasern beginnen sich zu lösen, ist der ideale Moment gekommen, das Material zu pressen und zur Weiterverarbeitung abzutransportieren.

HANF GLEICH HANF?

„Zwischen dem Medizinalhanf und dem Hanf auf dem Feld gibt es große Unterschiede, auch wenn es sich dabei letztendlich um die gleiche Pflanze handelt: Cannabis Sativa“, erklärt Marijn. „Die Züchtungen sind lediglich andere“. Auf dem Feld stehen Sorten, die weniger als 0,2 Prozent THC beinhalten. Diese wurden speziell von Züchtern entwickelt und dürfen nur draußen auf dem Acker angebaut werden. Medizinische Blüten, die man aus der Apotheke bekommt, sind Genetiken, die genau auf Grund ihres Cannabinoidprofils oder ihres THC-Gehalts ausgewählt wurden. Diese werden unter komplett kontrollierten Bedingungen hochgezogen. „Medizinalhanf kann man nicht auf dem Feld anbauen, weil man nie weiß, was der Boden bringen wird, wieviel Sonne oder Regen es geben wird und wie sich die Temperaturen entwickeln. Deswegen wird das Endprodukt immer unterschiedlich sein. Beim Medizinalhanf ist alles durchgeplant, auf dem Feld überlassen wir das Wachstum größtenteils der Natur“, beschreibt Marijn die Unterschiede.

Derzeit ist die Fläche, auf der Hanf angebaut wird, sehr klein, doch europaweit kommen jedes Jahr mehr Felder hinzu. Je weiter der Stand der Technik voranschreitet, desto einfacher wird es werden, Hanf zu ernten und zu verarbeiten. Dennoch, für die Bauern steht der Hanfanbau in Konkurrenz zu Mais oder Getreide, denn die Preise, die Landwirte aufrufen können, unterscheiden sich hier kaum. So wird es wohl noch eine Weile dauern, bis der Anblick von Hanffeldern uns wieder so vertraut ist wie der von Raps- oder Gerstenfeldern. Wenn man aber dann doch mal vor einem Hanffeld stehen sollte, ist dieses auf jeden Fall nicht zu übersehen.

MEDIZINALHANF KANN MAN NICHT AUF DEM FELD ANBAUEN.

DURCH SEIN ENORMES TEMPO LÄSST DER HANF ANDEREN PFLANZEN KEINE CHANCE.