Auf Augenhöhe

Sarah hat mit 13 angefangen zu konsumieren. Als Mutter tut sie es noch immer täglich, weil es sie „glücklich macht“. Sie bezeichnet sich als „addictive personality“ und therapiert Symptome, die sie selbst einer ADHS zuschreibt. Ihre Tochter soll ohne Tabus aufwachsen, aber mit Vertrauen.

Sarah ist 37, lebt mit ihrem Mann und ihrer zweijährigen Tochter Philine* in Köln. Die Leiterin einer mittelständischen Marktforschungsagentur kam schon früh mit Cannabis in Berührung. Erst durch den Konsum ihrer Eltern und später im Freundeskreis. Auch wenn die Pflanze allgegenwärtig zu sein schien, so ganz normal war das, was die Eltern da taten, dann doch nicht. Das konnte Sarah schon als kleines Mädchen spüren.

„Ich habe Cannabis quasi schon im Mutterleib konsumiert. Es war immer in meinem Alltag präsent. Aufgefallen, dass es da etwas gibt, das meine Eltern anders machen als viele andere, ist es mir im Grundschulalter.“ Ihre Mutter sowie auch ihr Vater konsumierten Cannabis regelmäßig als Genussmittel. Daran, wie der elterliche Konsum ihr bewusst wurde, erinnert sich Sarah nicht mehr genau. „Angefangen hat es wohl damit, dass ich mitbekommen habe, dass ich bei bestimmten Situationen nicht stören sollte. Besonders, wenn ich Freunde zu Besuch hatte.“

Die Eltern würden etwas Privates tun, was sonst keiner wissen soll, lautete damals die Erklärung, die im Kopf des kleinen Mädchens entstand. Angst oder unangenehme Gefühle entstanden bei ihr nicht. Sie akzeptierte einfach die Gegebenheiten. „Wenn etwas immer um einen rum ist, nimmt man es als gegeben hin und fragt nicht groß nach.“

Wenn meine Eltern gesagt haben, es sei eine Zigarette, dann war das so und niemand hat sich weiter etwas dabei gedacht.

Die Eltern brachten ihr bei, dass man darüber mit anderen nicht spricht. Sarah wuchs in Sachsen auf dem Land auf. In dem kleinen Ort, in dem jeder jeden kannte, fällt es nicht leicht, Dinge vor den Nachbarn geheim zu halten. Auch wenn nicht darüber gesprochen wurde, konnte man sich nie ganz sicher sein, wer was mitbekommt.

Mitwissen ohne Angst

Mitwissende zu sein, hat Sarah damals jedoch nicht als belastend empfunden. „Ich durfte immer meine Freunde mit nach Hause nehmen, Leute durften bei mir schlafen, wir haben zusammen gegessen und so weiter. Damals war das Wissen um Cannabis, dessen Geruch und Aussehen, auch noch nicht so verbreitet wie heute. Wenn meine Eltern gesagt haben, es sei eine Zigarette, dann war das so und niemand hat sich weiter etwas dabei gedacht.“

Angst hatte Sarah nicht um ihre Eltern. Derartige Gedanken kamen ihr erst Jahre später, als sie als junge Erwachsene auf der Landstraße von der Polizei aus dem Verkehr gezogen wurde. Der Drogentest reagierte auf Cannabis. Daher musste Sarah das Auto sofort stehen lassen und war darauf angewiesen, dass die Polizisten sie absetzten. Als Zieladresse gab sie den Wohnort ihrer Eltern an. Da die Beamten jedoch auch ihre Wohnung durchsuchten, befürchtete Sarah, sie könnten auf die Idee kommen, sich das Haus ihrer Eltern ebenfalls genauer anzuschauen. „Da spielte sicherlich auch die Paranoia eine Rolle, die man als Konsument aufgrund des Verbots schnell entwickelt.“ Letztendlich blieben ihre Eltern verschont.

Der erste eigene Joint

In der Pubertät fing Sarah im Freundeskreis an, selbst zu konsumieren. Mit 13 wurde ihr Cannabis zum ersten Mal angeboten. Berührungsängste hatte sie keine, sie wusste ja, was Cannabis mit den Eltern macht. Darüber, ob es wirklich gut war, schon früh mit dem Cannabiskonsum zu beginnen, macht sich Sarah hin und wieder Gedanken. Über die Auswirkungen auf das sich noch entwickelnde Gehirn hat man in den letzten beiden Jahrzehnten einiges herausgefunden. Wissenschaftler und Mediziner sind sich darüber einig, dass der Gebrauch der Pflanze sich auf junge Menschen weitaus negativer auswirken kann als auf Erwachsene.

Ihre Erfahrungen als Kind und Jugendliche haben Sarahs Umgang mit dem eigenen Konsum deutlich geprägt. Zu sagen, dass sie als Erwachsene Cannabis konsumiert, weil es ihre Eltern ihr vorgelebt haben, findet Sarah jedoch zu einfach. Immerhin hatte das Paar zahlreiche Freunde, die ebenfalls Cannabis konsumierten, deren Kinder heute jedoch keine regelmäßigen Konsumenten sind.

„Ich habe eine ‚addictive personality‘, wie man heute sagen würde,“ urteilt sie über sich selbst. Durch die Nähe ihres Wohnorts in Sachsen zur tschechischen Grenze kamen sie und ihre Freunde darüber hinaus leicht an Crystal Meth und andere Drogen.

Umgang in der Familie

Inzwischen ist Sarah selbst Mutter und setzt sich mit dem Konsum innerhalb der Familie auseinander. Ihr Mann konsumiert ebenfalls Cannabis. Für die beiden gehört es zum Alltag dazu. „Wir konsumieren, weil es uns glücklich macht.“ Dabei achten sie darauf, das Kind nicht dem direkten Rauch auszusetzen. Während der Schwangerschaft hat Sarah den Konsum zwar runtergefahren, aber nicht ganz eingestellt. Auf Tabak hat sie in der Zeit komplett verzichtet und ist dauerhaft aufs Vapen umgestiegen. Auch jetzt, wo die Kleine auf der Welt ist. Ganz verzichten wollte sie nicht. Sei es, weil ihr beim Weggehen der leichte Rausch sonst gefehlt hätte oder weil sie eine kleine „Aufhellung“ – wie sie es nennt – im Alltag brauchte. „Happy wife, happy life“, lautet ihre Devise. Wenn es ihr als Mutter gut geht, geht es auch der Kleinen gut, was sich dann wieder positiv auf sie auswirkt.

„Jetzt, da man mehr und mehr Infos darüber bekommt, welche Sorten, Cannabinoide und Terpene welche Wirkung entfalten, kann man gezielt für sich im Leben Akzente setzten.“ Völlig unkritisch sieht sie ihren Konsum dabei nicht: „Klar wäre es schön, wenn alle dauerhaft nüchtern wären und keiner irgendwelche Substanzen braucht, aber wie realistisch ist das?“

Eine tägliche Dosis gönnt sie sich. Ob es heute weniger wäre, wenn sie nicht mit dem dauerhaften Konsum ihrer Eltern aufgewachsen wäre, fragt sie sich manchmal. Wenn die Eltern Zigaretten rauchen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder später regelmäßig zum Glimmstängel greifen, immerhin auch wesentlich größer.

Mehr Selbstreflexion

„Ich muss schon sagen, dass ich meine eigenen Gewohnheiten bzw. Konsumgewohnheiten mehr hinterfrage, als meine Eltern es getan haben“, ist Sarah sich sicher. Durch verschiedene Umstände in ihrem Leben, wie eine anstehende MPU, gab es auch immer wieder Phasen, in denen Sarah völlig auf Can­nabis verzichtete. Anders habe sie sich dadurch nicht gefühlt. „Ich hatte allerdings das Gefühl, dass sich mein suchtähnliches Verhalten nur von einer Sache auf die andere verlagert hat.“ So ging sie dann anstelle von zehn auf einmal 20 Stunden die Woche ins Fitnessstudio oder versuchte, in ausgiebigen Shoppingtouren Befriedigung zu finden.

Nachdem sie sich mit der Thematik intensiver beschäftigt hat, geht Sarah davon aus, dass sie eine Form von ADHS hat. Diese wurde allerdings nie von medizinischer Seite bestätigt oder auch nur untersucht. Der Leidensdruck sei dazu nie groß genug gewesen und die Selbstbehandlung mit Cannabis immer ein verlässliches Mittel, wodurch Sarah nie das Gefühl hatte, äußere Hilfe zu benötigen. „Meine Schullaufbahn war recht holprig. Heute würde man Kindern wie mir Ritalin verschreiben. Ich glaube, dass Cannabis mir deshalb guttut. Gleichzeitig habe ich auch immer viel vertragen. Das hat meine Freunde schockiert, mir hat es hingegen geholfen mich zu fokussieren“, berichtet sie. Daran, dass ihr ein Arzt Cannabis verschreiben würde, zweifelt sie. Ein weiterer Grund, nie den offiziellen Weg zu gehen.

Ich muss schon sagen, dass ich meine eigenen Gewohnheiten bzw. Konsumgewohnheiten mehr hinterfrage, als meine Eltern es getan haben.

Liberaler Umgang
Mit ihren zwei Jahren ist Tochter Philine noch zu klein, um zu verstehen, welche Gewohnheiten ihre Eltern pflegen. Bei ihr wird jedoch einiges anders laufen als in Sarahs Kindheit. „Ich gehe davon aus, dass wenn Philine in fünf, sechs Jahren soweit ist, das Geschehen voll zu erfassen, wir dann entweder schon die vollständige Legalisierung von Cannabis erreicht haben oder zumindest kurz davor stehen“, so ihre Erwartung. Wissenschaftlich werde man dann schon wesentlich mehr über Wirkung, Nutzen und Gefahren wissen und auch gesellschaftlich wird der Konsum eine größere Akzeptanz erfahren. Dadurch würde das Tabu hinfällig werden, sodass man den Konsum der Familie nicht mehr verschweigen müsse.

Auch Sarah fühlt sich im Umgang mit ihrem Konsum jetzt schon freier als ihre Eltern damals. Letztendlich ist ihr Umzug in die Großstadt dafür jedoch mitverantwortlich. Die Entscheidung, nach Köln umzuziehen, wurde dadurch gefestigt, dass sie keine Lust mehr hatte, sich in Sachsen auf dem Land zu verstecken und ständig Angst vor Kontrollen haben zu müssen.

Bewusstsein erweitern

„Cannabis ist eine bewusstseinserweiternde Droge, keine Frage. Mit dem richtigen Zugang und in Maßen sehe ich diese jedoch als Lebensbereicherung an. Es kann dazu führen, dass man die Welt anders sieht. Im Positiven wie auch im Negativen“, lautet Sarahs Fazit. Als Leiterin einer Marktforschungsagentur ist es für sie nicht immer einfach, Familie und Job unter einen Hut zu bekommen. Cannabis trägt zur Steigerung ihrer Lebensqualität bei.

Die 37-Jährige hat jedoch auch die Erfahrung gemacht, dass Cannabis Teile des aktuellen Gemütszustandes verstärken. Negative Gefühle können dadurch hervorgehoben werden, weswegen sie einen bewussten Umgang für essenziell hält. „In den Phasen, in denen ich viel auf Partys gegangen bin, habe ich mir dann schon irgendwann die Frage gestellt, ob ich wirklich so viel trinken sollte. „Das gilt nicht nur für Partys, sondern auch gerade für Geschäftsessen. Muss man da wirklich so viel trinken?“

Aufklärung statt Verbot

„Ich habe einige Paare im Bekanntenkreis, die Teenagerkinder haben. Die sind ja nicht blöd. Die wissen bzw. merken doch auch, dass der Konsum in der Regel halb so wild ist. Da kann man sich als Eltern nicht hinstellen, ein Drama draus machen und den Konsum verbieten, wie es teilweise immer noch üblich ist“, lautet Sarahs Überzeugung. Stattdessen müsse man den Jugendlichen die Gefahren erklären. Sowohl die des Konsums selbst als auch jene, die mit der Illegalität zusammenhängen, wie Streckmittel oder unbekannte Stärke und Qualität.

Bei Philine will sie auf Aufklärung anstatt auf Verbote setzen. Sarah weiß aus eigener Erfahrung, wie gefährlich Drogen sein können: „Einige meiner Freunde sind vom Crystal Meth zum Heroin gekommen. Tragischerweise haben das nicht alle überlebt.“ Bei diesen Leuten herrschte seitens der Eltern keinerlei Verständnis. Cannabis wurde verteufelt und mit Heroin und allen anderen Drogen in einen Topf geworfen. Dadurch brach die Kommunikation ab. „Die Aussage eines Vaters war schlicht ‚na, da kannst du ja genauso gut Heroin nehmen.‘ Und so wars dann auch. So etwas darf in Zukunft nicht mehr passieren.“

Sarahs Eltern waren anders. Sie zeigten viel Vertrauen in ihre Tochter, griffen jedoch ein, als es nicht mehr anders ging. Sarah war zu dem Zeitpunkt mehrere Tage lang verschwunden. Feierte die Nächte durch und nahm verschiedene Substanzen. Als ihre Eltern sie dann gefunden hatten, setzten sie sie drei Tage lang auf kalten Entzug. Dann wurde Klartext gesprochen. „Das war auch überaus notwendig“, gesteht sich Sarah heute ein. Verurteilt habe sie sich allerdings nicht gefühlt. „Die Kommunikation fand auf Augenhöhe statt. Trotz meiner schwierigen Situation brachten mir meine Eltern viel Respekt entgegen. Das hat mich schwer beeindruckt.“

Heute ist sie der Ansicht, dass Eltern ihre Kinder durchaus an die Hand nehmen und zur Vernunft bringen sollten, wenn diese aus der Bahn geworfen werden. Dies gelingt jedoch nur, wenn gegenseitiges Vertrauen und Verständnis herrschen. Wenn die Eltern hingegen schon am Anfang, wenn noch „gar nichts passiert ist“, überreagieren, machen die Kinder dicht und nehmen ihre Eltern nicht mehr für voll. Wenn dann wirklich etwas passiert, kommen die Kinder nicht mehr zu ihren Eltern. Genau das müsse verhindert werden, so Sarahs Auffassung.

*Namen von der Redaktion geändert