ANDERE HEIMATEN

Seit Jahren verkaufen Immigranten an Orten wie dem Görlitzer Park in Berlin Cannabis. Auf verschiedene Weise versucht die Polizei, diesem Treiben Herr zu werden – ohne Erfolg. Der Park wird als Symptom einer verfehlten Drogen- und Migrationspolitik angesehen. Gleichzeitig bietet er Raum für offenen Hass und Rassismus den Drogenhändlern gegenüber. Eine Ausstellung unternimmt aktuell den Versuch, die Diskussion zu versachlichen.

Cannabis als Genussmittel ist in Deutschland illegal. Dennoch besteht nach den Blüten eine hohe Nachfrage, die kontinuierlich von Drogendealern gedeckt wird. Einheimische Dealer haben in der Regel ein umfangreiches Netzwerk und eine Wohnung – ihren Arbeitsplatz –, von der aus sie im Verborgenen operieren können. Illegal nach Deutschland gekommene Immigranten oder Geflüchtete verfügen nicht über diese Infrastruktur. Diejenigen, die sich dazu entscheiden, durch den Verkauf von Cannabis Geld zu machen, tun dies an öffentlichen Orten wie Parks oder belebten Szenevierteln. Im Gegensatz zu den Heimdealern sind sie für die Gesellschaft sichtbar, es wird über sie diskutiert, sie werden durchsucht, verhaftet und um sie spinnt sich eine politische Debatte. Afrikanischstämmige Einwanderer sind in zahlreichen deutschen Großstädten zum Sinnbild des Drogenverkäufers geworden. Da Drogendealer im Allgemeinen verachtet werden, bietet die Auseinandersetzung mit ihnen Raum für Stigmatisierung, Hass und Rassismus.

Die Ausstellung „Andere Heimaten: Herkunft und Migrationsrouten von Drogenverkäufern in Berliner Parks“ im Friedrichshain-Kreuzberg Museum (FHXB) setzt sich nun mit dem Hass und der Verachtung gegenüber den Parkverkäufern auseinander. Auf dreizehn Silhouetten, die als Ausstellungstafeln fungieren, sprechen Karten, Illustrationen und Texte über den Herkunftsort und die Migrationsroute eines afrikanischstämmigen Drogenverkäufers. Durch die Auseinandersetzung mit dem Herkunftsort soll die meist vage Vorstellung von Afrika aufgebrochen und die negativ behaftete Figur des Drogenverkäufers versachlicht werden.

Der Künstler

Die Idee sammt von dem amerikanischen Künstler Scott Holmquist. Über Jahrzehnte hinweg setzte sich dieser mit dem irrationalen Hass auf Drogendealer auseinander. „Den Menschen ist es gestattet, Drogendealer zu hassen. Diese Einstellung findet man sogar bei Menschen, die der Meinung sind, dass Cannabis legal sein sollte. Es ist einfach, Drogendealer zu verachten, weil sie schlechtes Gras verkaufen, weil sie unfreundlich sind und weil es sie überhaupt nicht geben sollte. Die Dealer ziehen also immer den Kürzeren“, fasst Holmquist zusammen. Mit seiner Ausstellung wollte er einen Weg finden, Dealer als Menschen mit Herkunft darzustellen.

Der in Minnesota, USA, geborene und aufgewachsene Künstler fing in jungen Jahren mit Malerei und Bildhauerei an, während er als Teenager seinem Vater half, Beton- und Tischlerarbeiten zu erledigen. Später studierte er marxistische Ökonomie in Schweden, war als Volksökonomieforscher Mitarbeiter in Washington D.C. tätig und begann sich mit der Anfertigung von Spezialarchiven zu beschäftigen. Seit den 1990er Jahren widmete er sich vollständig der Kunst.

Im Rahmen des „Cannabisaufstandes“ in Kalifornien (1970–2010), ein Konzept, welches von Holmquist selbst entwickelt wurde, fertigte er riesige Bücher, die im privaten Rahmen den Menschen präsentiert wurden, von denen sie handelten. Im Vorfeld drehte der Künstler eine Dokumentation über Cannabisbauern, die in den späten 1980ern im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Seit 2011 lebt Holmquist nun in Berlin und setzt dort sein künstlerisches Schaffen fort.

Die Realität der Dealer

Im Zuge der Ausstellung „Die dritte Mauer und der letzte Held“, in der er sich mit Heldenbildern auseinandersetzte, kam ihm der Gedanke, dass es vielleicht in ferner Zukunft – wenn Drogen legalisiert wurden und es den Menschen gelungen ist, einen bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit ihnen zu finden – ein Denkmal für die Drogendealer der Vergangenheit geben könnte, die vor der „Befreiung“ die gefährliche Aufgabe auf sich nahmen, ihre Kunden zu versorgen. Holmquist erschuf die Statue und seine Initiative ging durch die Medien. Doch als er im Görlitzer Park erfahren wollte, was die tatsächlichen Dealer von der Idee hielten, fühlte er sich bald lächerlich, da das Projekt nichts mit diesen Menschen zu tun zu haben schien. Dennoch hielt er an der Thematik fest und entwickelte das Konzept für die aktuelle Ausstellung.

Blick in die Herkufnsländer

„Andere Heimaten“ porträtiert die Herkunftsländer von 13 Personen, mit denen Holmquist im Vorfeld gesprochen hat. Die Bilder und Texte berichten von den Herkunftsorten, der Sprache und der Kultur und sollen diese erfahrbar machen. Um die Informationen zusammenzutragen, begab sich der Künstler wieder in den Park. Dieses Mal mit drei konkreten Fragen, die die Muttersprache, den Herkunftsort und den Weg nach Deutschland in Erfahrung bringen sollten. Insgesamt führte Holmquist über 200 Interviews – oder versuchte es zumindest, denn die wenigsten waren bereit, ihre Geschichte zu teilen. „Jeder nannte seine Muttersprache, beim Herkunftsort wurde es schon schwieriger, und kaum jemand wollte mir erzählen, wie er nach Berlin gekommen ist.“ Der Grund, weshalb sich überhaupt einige dem Künstler gegenüber öffneten, war der anti-rassistische Ansatz des Projektes.

Bei der Ausarbeitung der Silhouetten ging es Holmquist nicht um die Darstellung von Einzelschicksalen, sondern um eine Versachlichung der Debatte. „Ich wollte einen Weg finden, den Hass gegen Dealer zu untergraben.“ Der Fokus liegt auf dem Herkunftsort, der als ausdifferenzierter Ort mit eigener und spezifischer Gesichte, Kultur und Sprache gezeigt wird. „Die Sentimentalisierung des ‚Anderen‘, der in dem Fall eine Art Opfer ist, ist meiner Meinung nach falsch. Ich weiß, die gängige Sichtweise ist, dass, wenn wir die persönliche Geschichte eines jeden kennen würden, der getötet wurde, keine Bomben auf sie werfen würden und das mag auch stimmen.“ Die komplette Ausklammerung der persönlichen Hintergründe hat für Holmquist mit Respekt vor der Privatsphäre der Befragten, aber auch vor ihrer Entscheidung und ihren Handlungen zu tun. „Ich komme nicht und stehle ihre persönlichen Geschichten, um damit andere Menschen zu unterhalten“, so die klare Position des Künstlers.

Die Mauer des Illegalen

Das FHXB hat Holmquists Vorhaben von Anfang an unterstützt. Die Reaktionen, die Holmquist 2016 auf sein Denkmal erhielt, waren hingegen eher abweisend, denn vielen wollte die Idee nicht einleuchten. Was Holmquist allerdings überrascht hat, waren die Reaktionen einiger Akademiker und Künstler, mit denen er über die Thematik gesprochen hat. Vor einer Weile veröffentlichte Dr. Noa Ha das Buch „Straßenhandel in Berlin – Öffentlicher Raum, Informalität und Rassismus in der neoliberalen Stadt“ zum Thema informeller Wirtschaftssektor und Rassismus in Berlin. Der Drogenhandel wurde dort jedoch mit keinem Wort erwähnt. „Warum? Weil Drogen illegal sind. Wenn man ein Sandwich ohne entsprechende Genehmigung verkauft, ist das illegal, doch das Sandwich an sich ist es nicht. Es ist, als gäbe es eine Mauer in der akademischen Welt, die den Drogenhandel von dem illegalen Handel anderer Güter trennt.“ Für Holmquist war das ein Schock, weil der Drogenhandel offensichtlich einen enormen Teil des informellen Sektors im öffentlichen Raum ausmacht. Auch Künstlerkollegen reagierten eher verhalten auf die Einladung, bei dem Projekt mitzuwirken. „Ich weiß nichts über das Drogendealen, war hier die Antwort“, berichtet der Wahlberliner.

Am Ende der Ausstellung steht ein Computer bereit, der es den Besuchern ermöglicht, direkt eine Reise an die jeweiligen Orte zu buchen, um sich selbst ein Bild zu machen. Im Zuge der Ausstellung wird es darüber hinaus einige Veranstaltungen geben, in denen die Themen der Ausstellung ausführlicher diskutiert werden. Dabei soll es zum einen um die Betrachtung des Hasses gegen Drogendealer gehen und zum anderen um die Untersuchung des Drogenhandels als Arbeit. Die Ausstellung kann bis zum 14. Januar 2018 besucht werden.